Interview

Ina Müller: "Bin ich zu alt für so moderne Songs?"

Immer quirlig, meistens gut drauf: Ina Müller beim Fotoshooting für ihr neues Album.

Immer quirlig, meistens gut drauf: Ina Müller beim Fotoshooting für ihr neues Album.

Foto: Sandra Ludewig, Sony Music

Die Sängerin spricht über ihr neues Album "55" und warum sie nicht Mutter von drei Kindern von vier verschiedenen Männern geworden ist.

Hamburg.  Norddeutschlands populärste Entertainerin Ina Müller zu treffen ist immer so unterhaltsam wie ihre Shows: Es wird laut, ungeschminkt, aber auch nachdenklich. Beim Gespräch zum neuen Album „55“ im Hotel The George kurz vor dem „Lockdown light“ nimmt sich die Sängerin und Moderatorin („Inas Nacht“) nicht nur für das Abendblatt mehr Zeit als üblich, denn auch mit zwei Metern Distanz kommt man so mal wieder unter die Leute. Endlich wieder sabbeln, bis die Lippen spröde werden. Das Pflegebalsam ist griffbereit: Es kann los­gehen.

Hamburger Abendblatt: Ihr neues Album „55“ klingt musikalisch deutlich abwechslungsreicher und für große Bühnen gemacht, textlich aber unaufgeregter und weniger auf plakative Pointen zusteuernd als frühere Alben wie „48“ oder „Weiblich, ledig, 40“. Eine Entwicklung, die auch Ihr Freund und Melodien-Ideengeber Johannes Oerding hinter sich hat. Das ist doch kein Zufall, oder?

Ina Müller: Ich glaube doch. Die Texte schreibe ich ja nicht mit Johannes, aber die Musik schreiben wir dann zusammen. Da hat mir dann allerdings Corona etwas in die Hände gespielt, da Johannes durch seine Tourverschiebung weniger unterwegs war und wir dadurch fast das ganze Album zusammen vertonen konnten. Und wir hatten dadurch auch viel mehr Zeit, verschiedene Stile auszuprobieren und uns mal an größere Popnummern zu wagen.

Das Auftaktlied „Obwohl du da bist“ klingt geradezu amerikanisch, nach Miley Cyrus und Kolleginnen. Viel Show, viel Effekt, die Stimme verdreifacht.

Müller: Ich singe es ja ganz normal im Studio ein, wie die anderen Songs auch. Was der Produzent dann daraus macht, kann wirklich überraschend sein. Ich habe noch nie mit einem so jungen Produzenten wie Benni Dernhoff gearbeitet, der viel poppiger denkt als ich, auch bei leiseren, nachdenklichen Liedern. Die technischen Spielereien müssen halt noch zu mir passen, sonst wird es schnell tragisch. Finden Sie denn, dass ich zu alt für so moderne Songs bin?

Auf keinen Fall. War Udo Lindenberg zu alt für „Stark wie Zwei“ oder Nena für „Oldschool“? Die haben auch mit modernen Produzenten gearbeitet und sehr gute, erfolgreiche Alben abgeliefert.

Müller: Die beiden sind da mit ihrer Musik vielleicht selbstbewusster als ich. Und beide würden sich im Gegensatz zu mir sicher auch nicht öffentlich hinterfragen. Ich frage ständig und lieber einmal zu viel. Und mach am Ende dann aber auch mein Ding … wie der Udo!

Oder um noch einen Namen zu nennen und um diese leidige Altersdiskussion zu beenden: Tina Turner. Die war mit 50 „The Best“ und hat noch mit 69 Jahren auf ihrer letzten Tour alle nass gemacht. Ich will Sie jetzt aber nicht mit Tina Turner auf eine Stufe stellen, wir wollen nicht übertreiben.

Müller: Auf die Idee würde ich auch gar nicht kommen, Tina Turner ist ein Weltstar, und ich war großer Fan. Bei ihren Konzerten hatte ich aber immer das Gefühl, dass sie ihre Songs und Texte nur aufgeführt hat. Ihr Look, ihre Stimme, ihre Moves waren toll, aber was es wirklich nicht hatte, war Seele. Da war nichts aus der Reihe, alles absolute Perfektion. Beeindruckend, aber nicht berührend. Aber Sie sind ja jung und kennen Tina Turner nur noch durch NDR 2, oder?

Ich bin 44 und alt genug, um Tina Turner noch live gesehen zu haben.

Müller: 44? Gut gehalten. Also, wie gesagt, wir konnten uns diesmal für die Lieder viel mehr Zeit nehmen und eine Menge ausprobieren. Und es wurde auch viel diskutiert. Ich hatte Angst, dass sehr emotionale Texte untergehen in einer zu lauten Indie-Pop-Attitüde und man dann nicht mehr richtig zuhört.

Sehr gut zum Zuhören ist „Rauchen“. Rauchen ist ja gesellschaftlich absolut pfuibäh, da ist es schon bemerkenswert, wie Sie der Qualmerei auch etwas Gutes abgewinnen können, indem Sie beschreiben, wie Sie so Menschen kennengelernt haben, die ohne die gemeinsame Kippe oder das Feuergeben nie in Ihr Leben getreten wären.

Müller: Tatsächlich wäre mein Leben sicher anders verlaufen, ähnlich wie der Schmetterlingsflügelschlag in der Chaostheorie, der einen Wirbelsturm auslöst. Ich hätte andere Freunde, andere Kollegen, andere Geschichten, ein anderes Leben, hätte ich nicht auf dem Schulhof in der Raucherecke gestanden oder wäre mit einem Raucher auf der Party versackt. Vielleicht wäre ich als Nichtraucherin jetzt Politikerin und Mutter von drei Kindern von vier verschiedenen Männern, die sich für Alleinerziehende einsetzt. Vielleicht wird dieses Lied polarisieren, aber es ist keine Hommage an das Rauchen, sondern beschreibt nur einen Aspekt meines Lebens. Ich hätte auch einen Song über meinen nächtlichen Thunfisch-Hunger schreiben können, der mich manchmal überfällt ...

… für die Atemfrische. Warum wollen Sie, wie Sie in „Rauchen“ singen, nicht so alt werden wie Helmut Schmidt? Was spricht gegen den Albumtitel „96“?

Müller: Das ist nur ein kleiner Gag, aber ich glaube, der wird sich für meinem Nachruf noch als Bumerang erweisen.

Ist „Wohnung gucken“ Ihr Corona-Lied? Viel mehr kann man ja gerade nicht machen außer: „Lass uns Leuten in die Wohnung gucken gehen, bis zum Kinn in den Jacken vergraben.“

Müller: Das. Ist. Der. Perfekte. Song. Mein stärkstes Lied. Ich bin so stolz darauf, weil mit jeder Zeile ein Bild erzeugt wird, das jeder kennt, aber noch nie so als Lied verpackt gehört hat. Ein erwachsenes, romantisches Liebeslied. Kein typischer Text über pochende Herzen, und dann sah ich dich und du mich oder so. Das sind einfach kleine Momente aneinandergereiht und trotzdem so berührend.

Zwiespältige Erinnerungen verursacht „Das erste halbe Mal“, ein Lied über … das holprige erste Mal eben. Das können auch Ihre männlichen Hörer nachempfinden, viele Themen, die Sie gerade bei Ihren langen Konzertansagen ansprechen, sind Männern ja doch fremd, Regelschmerzen oder Hitzewallungen ...

Müller: (imitiert die Netto-Werbung) Dann geh doch zu Peter Maffay! Wenn du nicht willst, das der Sänger beim Konzert spricht! Und außerdem rede ich auch über Rückenbehaarung, oder das Fremdgehen an sich. Und da ist doch dann auch was für ihn dabei. Meine Leute mögen genau die Mischung aus Geschichten erzählen und Musik. Und ich kann beides sehr gut, warum soll ich eins davon weglassen? Man munkelt ja, dass manche Männer ihre Frauen sogar so sehr lieben, dass sie ihnen Karten für Ina Müller schenken und dann selber mitkommen. Happy wife, happy life.

Bis die Frau wieder so richtig glücklich ist, dauert es aber noch eine Weile. Ihre nächste Tour beginnt nach zwei für den 2 Januar 2022 geplanten Neujahrskonzerten in der Elbphilharmonie erst einige Tage später in – was ist schlimmer als Verlieren? – Siegen. In die Barclaycard Arena geht es sogar erst am 5. November 2022. Glauben Sie inzwischen nicht mehr an große Konzerte im nächsten Jahr?

Müller: Zumindest nicht an Arena-Konzerte ohne Abstand. Ich glaube, es wird im Sommer wieder Festivals auf Lücke geben, vielleicht viel mehr Festivals als sonst, aber an die große, volle Halle glaube ich erst ab 2022 wieder. Daher haben wir die Tour relativ früh für 2022 geplant. Jetzt muss nur noch das mit dem Impfen klappen, da schicke ich aber schon jeden Tag ein Stoßgebet zum Himmel.

Ina Müllers Hamburg-Konzerte:

  • So 2.1.2022, 16.00, 20.00, Elbphilharmonie, ausverkauft

  • Sa 5.11.2022, 20.00, Barclaycard Arena, Karten ab 52,50 im Vorverkauf; www.inamueller.de