Buchprojekt

"Corona Nights": Leere Straßen in ganz Hamburg

Die Sternbrücke: Wo sonst das wilde Partyleben tobt, ist völlige Stille eingekehrt.

Die Sternbrücke: Wo sonst das wilde Partyleben tobt, ist völlige Stille eingekehrt.

Foto: Tim Oehler

Tim Oehler hat die bizarre Atmosphäre der Hamburger Nächte im Lockdown eingefangen – nun veröffentlicht Junius den prächtigen Bildband.

Hamburg.  Bücher sind Abenteuer. Sie verzaubern durch ihre Ästhetik und bleiben doch stets ein wirtschaftliches Risiko. Sie sind Wundertüten, weil niemand den Erfolg abschätzen kann und bleiben ein Wagnis, weil zwischen Drucklegung und Veröffentlichung einiges dazwischenkommen kann. „Corona Nights Hamburg“ von Tim Oehler ist alles – Abenteuer, Wundertüte und Wagnis in einem.

Wagnis allein deshalb, weil sein Buch mit faszinierenden Bildern aus der Hansestadt, aufgenommen während des ersten Lockdowns, nun in die Phase eines zweiten Lockdowns fällt. Wer hoffte, diese Stillleben als Zeugnis eines fernen, surrealen Albtraums entspannt unter den Weihnachtsbaum legen zu können, wird von der Realität eingeholt. Auch wenn, anders als im Frühjahr, als der Fotograf Tim Oehler seine menschen- und autoleere Heimatstadt dokumentierte, der Stillstand derzeit nur eingeschränkt ist, erinnert manches an diese Zeit.

Straßen, die man als Staufallen kennt, liegen verlassen da

Eine Wundertüte ist das Buch allemal – weil es die Hamburger Corona-Nächte auf ästhetische Weise in ein faszinierend-farbiges Licht rückt. Straßen, die man als Staufallen kennt, liegen verlassen da. „Ich habe noch nie erlebt, dass ich beispielsweise am Horner Kreisel stehe und Langzeitbelichtungen machen kann, ohne dass auch nur ein Auto kommt“, schreibt Oehler in seinem Vorwort, einem Selbstgespräch. Er dokumentiert den verwaisten Kiez, die verlassene Universität, das ausgestorbene Schulterblatt, den menschenleeren Hauptbahnhof, den verödeten Flughafen. „Da war ich in Terminal 1 komplett allein. Da war keine Menschenseele“, erinnert sich Oehler.

Für den Werber und Fotografen aber ist das Buch ein Abenteuer: Denn er hat es über einen Spendenaufruf im Internet angeschoben. Per Crowdfunding hoffte er auf 30.000 Euro – 600 Menschen, so seine Kalkulation, müssten 50 Euro geben. „Ohne diese Vorstellung hätte ich das Projekt sicher nicht losgetreten.“ Zu seiner Freude und Überraschung kam das Geld fast zusammen – es wurden 26.708 Euro.

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Entscheidender Schub durch Bericht im Abendblatt

Ein Bericht im Mai in dieser Zeitung verlieh den „Corona Nights Hamburg“ den entscheidenden Schub. „Durch die Reichweite des Abendblatts hat sich schon merklich etwas getan und mir auch auf der Suche nach dem Verlag geholfen“, erzählt Oehler. Als er sich beim Hamburger Junius Verlag vorstellte, hieß es dort: „Sie sind der Fotograf aus dem Abendblatt, richtig?“ Steffen Hermann, Geschäftsführer bei Junius, erinnert sich: „Die Zeitungsseite lag als Erinnerung, verschiedene Fotoangebote zum Corona-Thema zu sondieren, auf meinem Schreibtisch, als der Anruf von Tim Oehler kam. Die Anfrage des Autors beim Verlag und des Verlags beim Autor haben sich praktisch gekreuzt.“

Oehler und der Junius Verlag einigten sich rasch. „Ein durch Crowdfunding teilfinanziertes Projekt in herkömmliche Verlagsstrukturen einzubinden, bringt für den Verlag und für den Autor viele Vorteile“, sagt Hermann. „Den Verlag entlastet es vom wirtschaftlichen Risiko, erleichtert so die Entscheidung. Und der Autor bekommt mit dem Verlag einen Verstärker, der die Produktion einer größeren, für einen Selfpublisher nicht zu stemmenden, Druckauflage erst sinnvoll macht.“ Hermann hält das Spendensammeln via Crowdfunding für „eine interessante Möglichkeit, finanziell aufwendige Projekte über die Schwelle zu heben“.

Hermann weiter: „Wir haben gerade ein Crowdfunding abgeschlossen, als dessen Fundingziel wir die faire Entlohnung von Autoren und Fotografen definiert hatten, während der Verlag sämtliche Herstellungskosten trägt.“ So erscheint in Kürze „Hamburg Calling“, ein aufwendiger Band über Punk, Underground und Avantgarde im Hamburg der späten 1970er- und beginnenden 80erJahre – auf der Webseite startnext.com kamen 15.500 Euro zusammen. Ein solches gemischtes Modell sei sehr zukunftsträchtig, sagt Hermann, auch wenn eigentlich eine alte Idee dahinterstecke. „Da die meisten Unterstützer beim Crowdfunding eine feste Zusage für den Kauf eines Buches machen, handelt es sich um eine Subskription mit den Mitteln von Social Media.“

Die „Corona Nights Hamburg“ seien aber eine bewusste Programmentscheidung gewesen. „Das Thema Hamburg bei Nacht stand seit Langem auf unserer Wunschliste“, sagt Hermann. „Die Pandemie war schicksalhafter Geburtshelfer.“

Tim Oehler: „Corona Nights Hamburg“ Junius Verlag, Hamburg 2020, 208 Seiten, 130 Abbildungen, 39,90 Euro, weitere Infos unter: www.corona-nights.de