Interview

Lisa Politt: „Ich lass mich auch als ,Chef‘ ansprechen“

| Lesedauer: 6 Minuten
Stefan Reckziegel
Meinungsstark: Lisa Politt (63) erhielt 2003 als erste Frau den Deutschen Kabarettpreis, 2005 den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett.

Meinungsstark: Lisa Politt (63) erhielt 2003 als erste Frau den Deutschen Kabarettpreis, 2005 den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett.

Foto: Jo Jacobs

Die Kabarettistin ist im TV gefragt. Sie spricht über Spaltung der Gesellschaft, Folgen fürs Kabarett und die Rolle der Sprache.

Hamburg.  In ihrem Polittbüro ist Lisa Politt dieser Tage kaum. Die nach ihr benannte Kabarettbühne in St. Georg , für ihre Arbeit im Vorjahr mit dem Sonderpreis beim Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares ausgezeichnet, hatten Politt und ihr Partner Gunter Schmidt noch im Oktober vor dem behördlich angeordneten Teil-Lockdown wieder geschlossen – als „Akt der Solidarität mit denen, deren Ausgrenzung auf dem Hintergrund der Pandemie verhandelt wird“, so Lisa Politt. Derweil reiste die Hamburger Satirikerin in den vergangenen 14 Tagen gleich zweimal zu eher seltenen Fernsehauftritten nach München: Erst hielt sie auf dessen ausdrücklichen Wunsch die Laudatio für Max Uthoff beim Bayerischen Kabarettpreis, in der Vorwoche dann war Lisa Politt mit ihren Kolleginnen Christine Prayon, Sarah Bosetti und Idil Baydar Gast in Uthoffs ZDF-Sendung „Die Anstalt Spezial – Die US-Abwahl 2020“ , einer aktuellen Medien- und Polit-Satire. „Über den Grund meiner Einladung kann ich nur spekulieren – man sollte Qualität vielleicht nicht ausschließen“, sagt Lisa Polit süffisant.

Hamburger Abendblatt: In „Die Anstalt Spezial“ haben Sie, Ihre Kolleginnen und Max Uthoff nicht nur die Ungerechtigkeit und den Rassismus im US-amerikanischen Wahlsystem thematisiert, sondern auch die Spaltung der Gesellschaft. Welche Parallelen sehen Sie zu Deutschland?

Lisa Politt: Durch das Erfordernis, die Wirtschaftskreisläufe den neuen Technologien anzupassen, entstehen derzeit in vielen westlichen Industrienationen gesellschaftliche Verwerfungen, wobei sich die Frage nach gesellschaftlicher Umverteilung neu stellt. Derzeit scheint der Prozess dominiert von einem brachialen Durchsetzungswillen nationaler, klassenspezifischer und geschlechtsspezifischer Privilegien. In Deutschland manifestiert sich das in der AfD und fatalerweise auf den „Querdenken“-Demos, wo den Kritikern der Anti-Corona-Maßnahmen die Stärkung ihrer im Kern unsolidarischen Bewegung durch Rechtsradikale offenbar gelegen kommt.

Und welche Rolle spielt hierzulande die Verrohung der Sprache?

Politt: Um die Verrohung der Sprache festzustellen, brauchen wir nicht nach Amerika zu schauen. Ein Blick in die Bundestagsdebatten genügt, wo die AfD alles in die Mikrofone geifert, was „endlich mal wieder gesagt werden muss“.

Welche Auswirkungen haben gesellschaftliche Spaltung und Radikalisierung der Sprache denn aufs Kabarett? Gibt es Grenzen der Überspitzung, wenn sich der politische Diskurs derart zuspitzt – nach den USA in der Corona-Krise zunehmend auch bei uns?

Politt: Das Niveau der Sprache bemisst sich daran, ob sie in ihrer Abstraktion die zu schildernden, widersprüchlichen Verhältnisse abbilden und greifen kann, um sie gedanklich zu bewegen. Erschütternder als Trump ist ja oft die Doofheit seiner Kritiker hierzulande. Ich teile die Ansicht nicht, nach der „Deutschland hustet, wenn Amerika einen Schnupfen hat“. Europa und dessen größte Wirtschaftsmacht Deutschland hat sich in den letzten Jahren bewusst als wirtschaftliche Konkurrenz der USA positioniert. Das Gegreine über die von Trump geforderten zwei Prozent Nato-Beitrag zum Beispiel ist ein scheinheiliger Ersatz zur grundsätzlichen Kritik an hiesiger Rüstungspolitik: Deutschland hat diesen Beschluss ratifiziert.

Ohne dass wir dem „Konsens-Kabarett“ das Wort reden wollen, für das Sie und Gunter Schmidt als Duo Herrchens Frauchen ja nie standen: Fördert, ja beschleunigt das Kabarett jetzt womöglich sogar die Spaltung?

Politt: Genau das sind die Fragen, mit denen sich Kabarettisten berufsbegleitend beschäftigen sollten. Nach meinem Verständnis ist ein Kabarettist im hohen Maße mitverantwortlich dafür, wie er von seinem Publikum verstanden wird. Und da gibt es in der Branche die unterschiedlichsten politischen Überzeugungen und Interessen.

In der ZDF-Sendung benutzten Sie und die Kolleginnen eine gendergerechte Sprache, „das generische Femininum“, und ließen Uthoff alias Moderator Max Klebonka stets von „Präsident-in“ Trump bzw. Biden sprechen. „Aber der Müll mit den ganzen blöden Weibern und dem absoluten übertriebenen Feminismus-Mist war einfach nur unlustig“, kommentierte ein Zuschauer prompt im Netz ...

Politt: Und das wiederum ist ja sehr lustig, wenn jemand derartig die Hosen runterlässt und dabei vermutlich nicht weiß, dass er damit mehr über sich sagt als über die Sendung. Die Verwendung des generischen Femininums kehrt die allgemein als normal gehandelte Unverschämtheit um, dass Frauen sich bei der männlichen Sprachform einfach „mitgemeint“ fühlen sollen. Das könnte der erste Schritt in die richtige Richtung im Sinne der Gleichberechtigung sein. Und diesen Schritt will so einer dann lieber schon mal präventiv verhindern.

Wie halten Sie und Gunter Schmidt es denn im Polittbüro mit der Anrede?

Politt: Die konsequente Verwendung des generischen Femininums war ein Kunstgriff der „Anstalt“, um auf das zugrundeliegende Problem zu verweisen. Nach meinem Verständnis ist die sich grundsätzlich an Männer wendende Sprache ein Symptom, nicht die Ursache patriarchaler Verhältnisse, wenngleich sie die Ungleichheit auch fortschreibt. Ich persönlich bin da tolerant und lass mich auch als „Chef“ ansprechen. Dass ich oft als unweiblich wahrgenommen werde – damit kann ich leben.

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Sie hatten Ihre Kabarettbühne schon vor dem 2. November trotz Ihrer neuen Ionisierungs-Anlage im Saal geschlossen, aus Vorsicht, damit sich Ihre Besucher nicht auf dem Weg dorthin anstecken können. Wie groß ist jetzt noch Ihre Hoffnung, im Dezember Ihr aktuelles Weihnachtsprogramm darbieten zu können?

Politt: Vor der behördlichen Anordnung gab es bereits den Appell, alle vermeidbaren Kontakte runterzufahren. Nach Rücksprache mit einem engen Mitarbeiter wollten wir dies unbedingt unterstützen, auch als Akt der Solidarität mit denen, deren Ausgrenzung auf dem Hintergrund der Pandemie verhandelt wird: Alte, Vorerkrankte, Heimbewohner. Wobei wir an diejenigen erinnern, deren Ausgrenzung schon gar nicht mehr diskutiert wird: die Werkvertragsarbeiter der fleischverarbeitenden Industrie, die Geflüchteten. Ob wir, nachdem wir schon mein neues Solo vom September auf den April verschoben haben, unser Weihnachts-Special zeigen können, wissen wir genauso wenig wie jede und jeder andere. Es wird letztlich auf das umsichtige Verhalten von allen ankommen.