Literatur

"Der Untergang des Abendkleides“: Jeder Satz ist amüsant

Ella Carina Werner, Erfinderin des Diary-Slams, ist Co-Gastgeberin der Lesebühne „Liebe für alle“

Ella Carina Werner, Erfinderin des Diary-Slams, ist Co-Gastgeberin der Lesebühne „Liebe für alle“

Foto: ©Julia Schwendnerwww.juliaschwendner.co / Julia Schwendner

In der Textsammlung der Hamburgerin Ella Carina Werner klingt wirklich jeder Satz gut. Hier finden sich satirische Glanzstückchen.

Hamburg. Okay, mal überlegen. Über was haben wir in diesem Jahr gelacht? Na? Da war nicht viel. Die Saison des HSV war witzig, zugegeben. Aber sonst? Corona-Galgenhumor, na servus. Von dem hat man irgendwann auch genug. Man will auch mal wieder herzhaft lachen, ohne gleich darauf wieder den Sorgenradar anzuwerfen. Aber an die Gegenwart angedockt sein will man trotzdem, also all die Geschlechterkämpfe und Genderkrämpfe zum Beispiel. Satire ist wichtig! Nur, wer über die Debatten und Diskurse lacht, der nimmt sie auch richtig ernst.

Das steht jetzt so hier, weil es gut klingt, klar. In Ella Carina Werners jetzt erschienener Textsammlung „Der Untergang des Abendkleides“ (Satyr, 18 Euro) klingt jeder Satz gut. Wirklich. Jeder Satz ist amüsant. Und zwar deshalb, das macht ja gar nix, weil er es darauf anlegt. Werner schreibt so, wie es sich für eine „Titanic“-Redakteurin gehört: mit immenser Komikdichte. Gäbe es für jede Pointe einen Gongschlag, es klingelten einem nach der Lektüre die Ohren.

Im Frausein ist diese Autorin selbstironisch

Ella Carina Werners Geschichten sind satirische Glanzstückchen aus der Disziplin „Betrachtung der allerneuesten Gegenwart“. Eh klar, dass sie den Kolumnenplatz jeder Publikation schmücken würden, nicht nur den der „Titanic“. Werners Soziologie des 21. Jahrhunderts findet die Zurückdrängung des männlichen Prinzips bereits bei den Kinderspielen der Kleinen, in denen Frauen Frauen heiraten („Vater, Mutter, Kind: Das war mal, in den Achtzigerjahren“) und Männer grundsätzlich abwesend sind.

Fantasien über das Matriarchat („Im Matriarchat gibt es keine Funklöcher, keine kaputten Drucker und keine Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn, die keine Zwanzigeuroscheine annehmen“) sind erst mal so herrlich banal supersubjektiv im Wunschkonzertmodus unterwegs, dann aber auf allerklügste Weise zu Ende gedacht. Nämlich in Richtung der Chefetagen, die nun von vielen qualifizierten Frauen bevölkert werden. Aber auch von vielen unqualifizierten, „historische Gerechtigkeit muss sein“. „Erst wenn auf haufenweise unqualifizierte Frauen Führungspositionen besetzen, ist die Gleichberechtigung vollauf erreicht“, schreibt Werner.

Im Frausein ist sie selbstironisch, aber doch zumindest dezent an der kritischen Umgangsweise mit Schönheitsidealen interessiert. Aus Ella Carina Werners hübschem Lebensmitte-Lobgesang „Vierzig“ zitieren wir ausführlich: „Mit vierzig muss man als Frau nicht mehr andauernd nach einem Stift suchen. Den kann man sich jetzt unter die Brust klemmen, und er fällt nicht mehr runter. Das ist praktisch. Alternativ geht auch eine Filterzigarette oder ein Schokoriegel. Man kann auch zwei Stifte nehmen, um sich von anderen abzugrenzen. „‚Oh, da kommt Ella Carina Werner, die mit den zwei Stiften‘, wird es von überall tönen.“ Witzig, oder? Also, wir finden das witzig! Das gilt auch für Werners Toy-Boy-Träume: „Mit vierzig kann man sich einen Jahrzehnte jüngeren Partner angeln, so wie diese coole Sau Brigitte Macron. Mit zwanzig ist das nach unten hin begrenzt.“

Eine Feministin von höchsten Komikgnaden

In Hamburg kennt man die 1979 in Bad Oeynhausen geborene, aber an der Elbe lebende Satirikerin und Schriftstellerin Werner („Die mit dem Bauch tanzt. Eine ostwestfälische Familiengeschichte“) als Co-Gastgeberin der Lesebühne „Liebe für alle“. In „Der Untergang des Abendkleides“ outet sie sich als Feministin von höchsten Komikgnaden, deren hyperbolisch hochgepitchte Alltagsbeschreibungen immer genau das Maß an Wiedererkennbarkeit hat, dass man sie nicht total ins Reich des Blödsinns verweist.

Besuche bei einem unverschämt juvenilen Frauenarzt, der Jugendsprache spricht und dem das Jungsein aus allen Poren kommt, sind in dieser Lesart Zeugnisse des Humanismus, das auch männliche Leser zur Identifikation einlädt. Werner schreibt über hohldrehenden Beste-Freundinnen-Quatsch samt „Was fändet ihr schlimmer“-Spiel („Nie sterben oder nie geboren sein? Für immer querschnittsgelähmt sein oder ein Mal, ein einziges Mal FDP wählen?“) und über angeblich weibliches Begehren, das für billige Prollwitze viel zu schade ist.

Das merkt man dann, wenn diese Satirikerin über jenes Thema räsoniert: „Immer wenn ein Handwerker in meine Wohnung kommt, habe ich Angst, dass er denkt, ich wolle mit ihm schlafen.“ Selbstverständlich geht es auch um MeToo. Und genau so, wie man das erwartet: so ins Uneigentliche gedreht, dass plötzlich alte, weiße Typen MeToo ganz toll finden und Frauen im besten Alter ihnen gestehen müssen, dass sie Männer eigentlich ganz okay finden.