Konzertkritik

Die Philharmoniker lassen Strauss’ Frechheiten funkeln

Kent Nagano und seine Musiker bringen den Esprit dieser Musik zum Funkeln.  (Archivbild)

Kent Nagano und seine Musiker bringen den Esprit dieser Musik zum Funkeln. (Archivbild)

Foto: Marcelo Hernandez

Kent Nagano dirigiert „Der Bürger als Edelmann“ und Mozart in der Elbphilharmonie. Musiker bringen den Esprit dieser Musik zum Funkeln.

Hamburg.  Wer sich in diesen Monaten ins Sinfoniekonzert wagt, kann Entdeckungen machen. Kent Nagano etwa hat sich für das zweite Abonnementskonzert des Philharmonischen Staatsorchesters in der Elbphilharmonie eine sehr besondere Aufstellung ausgedacht und die Holzbläser in seinem Rücken platziert. Das gibt Surroundklang zum Angucken.

Mozart und Strauss stehen auf dem Programm, das ist schon immer eine beliebte Kombination. Doch schon die Ouvertüre zu Mozarts Oper „Don Giovanni“ lässt aufhorchen. Es klingt einfach anders, wenn nur rund die Hälfte der sonst üblichen Streicherbesetzung spielt. Rauer, körperlicher, ziemlich aufregend. Trotz der leidigen Abstände, die die elbphilharmonische Trennkost-Akustik noch verstärken, fällt der Klang nicht auseinander. Und die Beteiligten musizieren so spritzig und lebendig wie ein gutes und gut aufgelegtes Opernorchester am Sonntagmorgen.

Sogar Bühnentrompeten sind dabei

Eine Überraschung sind Mozarts Drei deutsche Tänze KV 605, Gebrauchsmusik im besten Sinne des Wortes und dabei so anders in Klangfarbe und Machart als die vorangegangene Ouvertüre, dass schon das die Ohren schärft. Die Melodielastigkeit muss der Komponist gewollt haben, sonst hätte er die Bratschen nicht weggelassen. Man hört förmlich, wie viel Spaß er wohl daran hatte, die gemächlichen Weisen mit Piccolo und Schellen aufzumotzen; sogar Bühnentrompeten sind dabei. So viel zum Thema Rundumklang.

Die Ohren sind also bestens vorbereitet auf das nachfolgende Strauss-Konzentrat. Die Orchestersuite „Der Bürger als Edelmann“ ist gleichsam aus der Not geboren: Strauss und sein kongenialer Librettist Hugo von Hofmannsthal hatten sich vorgenommen, mal eben den Theaterbetrieb zu revolutionieren, eine neue Form einzuführen und Schauspiel und Oper miteinander zu verschmelzen. Das Unternehmen scheiterte, aber die Musik war nun mal geschrieben. Strauss, ganz Ökonom, nahm eine Resteverwertung vom Allerfeinsten vor und machte eine Suite daraus. Heraus kamen 40 viel zu selten gespielte Minuten für Kammerorchester voll Geist, Witz, absurder Stilcollagen und hanebüchen virtuoser Passagen.

Nagano und die Musiker bringen den Esprit dieser Musik zum Funkeln

Klar, dass der selbstbewusste Strauss von „Till Eulenspiegel“ bis zum „Rosenkavalier“ reichlich aufs eigene Oeuvre anspielt. Aber auch die französische Barockmusik verfremdet er genüsslich. In neun Sätzen folgt die Musik den Peinlichkeiten der Titelfigur in Molières bitterböser Komödie, Moral: Zu viel (gesellschaftlicher) Ehrgeiz ist nicht bekömmlich. Deshalb verspottet das Blech (klein, aber fein besetzt) das Gehabe des Möchtegern Jourdain, werfen Klavier und Trompete einander die Läufe nur so zu. Herrlich gespreizt und unbeholfen die Menuettschritte des Parvenüs.

Nagano und die Musiker bringen nicht nur den Esprit dieser Musik zum Funkeln, sie spielen trotz der Strauss’schen Fußangeln hervorragend zusammen, nur ein paar winzige Hobelspäne fallen ab bei der Abstimmung zwischen den Gruppen. Der Konzertmeister Konradin Seitzer räumt wieder mal ab mit seinem ausgedehnten Violinsolo voll Wiener Schmäh. Andauernder Applaus.

Das Konzert wird heute Abend zweimal wiederholt. Mit etwas Glück gibt es noch Restkarten.