Kultur

Warum ein Orchester nicht nach Hamburg kommen kann

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Das London Philharmonic Orchestra in der Zeit vor Corona.

Das London Philharmonic Orchestra in der Zeit vor Corona.

Corona-Tests für mehr als 30.000 Euro und Sorge vor langer Zwangs-Quarantäne. Die Geschichte einer Konzertabsage.

Hamburg. Am Mittwochmorgen ist Burkhard Glashoff noch hoffnungsvoll. Der Geschäftsführer der Hamburger Konzertdirektion Goette, verantwortlich für die ProArte-Reihe, kämpft wie viele seiner Kollegen seit Mitte März gegen die Auswirkungen der Coronakrise. Mehr als fünf Monate waren Elbphilharmonie und Laeiszhalle geschlossen, große Orchester und berühmte Solisten durften nicht auftreten. Doch seit Anfang September läuft der Neustart vor reduziertem Publikum und in der kommenden Woche soll das London Philharmonic Orchestra im Großen Saal der Elbphilharmonie spielen. Dirigiert von Christoph Eschenbach, mit dem taiwanesischen Geiger Ray Chen als Solist.

In seinem Büro nahe der Binnenalster berichtet Glashoff von den vier geplanten Tourneestationen in Deutschland und selbstauferlegten Restriktionen, die in dieser besonderen Saison nicht nur in Hamburg gelten. Die traditionellen Künstleressen nach den Konzerten fallen aus, ebenso wie die beliebten Signierstunden – soziale Kontakte werden auf das erforderliche Minimum reduziert. Sicherheit vor Ansteckung steht in diesen Tagen über allem, das betrifft natürlich auch das Publikum.

„Die fehlenden Einnahmen tragen Künstler und Veranstalter zu gleichen Teilen.“

Um Mindestabstände einhalten zu können, dürfen maximal 620 Besucher im Großen Saal sitzen, weshalb das London Philharmonic gleich zwei Konzerte spielen soll. Auf diese Weise lassen sich zumindest 60 Prozent der Einnahmen erzielen, die ein komplett ausverkaufter Saal bringen würde. Und was ist mit den restlichen 40 Prozent? „Orchester, Dirigent und Solist sind finanzielle Kompromisse eingegangen“, sagt Glashof. Konkrete Zahlen nennt er nicht, aber: „Die fehlenden Einnahmen tragen Künstler und Veranstalter zu gleichen Teilen.“ Ein Gewinn lasse sich unter diesen Umständen nicht machen, das sei geradezu „illusorisch“, doch deshalb den Kontakt zum Stammpublikum abreißen lassen und den Laden auf unbestimmte Zeit schließen? Undenkbar, aus künstlerischen und mittelfristig natürlich auch aus wirtschaftlichen Gründen, denn wer einmal entwöhnt ist, kommt vielleicht nicht wieder.

Also passt Glashoff, der Konzerte in mehreren deutschen Städten verantwortet, sich immer wieder den wechselnden lokalen Vorgaben an und ist auch mal am Rande der Kapitulation, etwa wenn plötzlich die Anordnung im Raum steht, dass in Nordrhein-Westfalen künftig nur noch 20 Prozent eines Saales belegt werden dürfen („Und dabei gibt es schon jetzt praktisch keinen sichereren Ort als ein Konzerthaus oder ein Theater...“). In Hamburg indes seien die Probleme vergleichsweise gering, weil der hiesige Senat „nicht in Aktionismus“ verfalle. Man sei hier mit Lockerungen eher langsam gewesen, agiere aber auch in der Phase erneuter Verschärfungen mit Augenmaß. Mit Blick auf den Auftritt des London Philharmonic Orchestra sagt er dennoch: „Wirklich beruhigt bin ich erst, wenn am Dienstagabend der letzte Ton verklungen ist.“

Dass symptomfreie Musiker getestet werden, ist völlig ausgeschlossen

Ein Tag später: Nach endlosen Telefonaten und Krisensitzungen stehen Veranstalter und Musiker vor schier unüberwindlichen Problemen. Das Robert Koch Institut hat inzwischen ganz Großbritannien zum Risikogebiet erklärt. Um dennoch einreisen zu können, müssten die Orchestermitglieder einen negativen Coronatest vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Allerdings hat Großbritannien schon seit Beginn der Pandemie viel zu geringe Testkapazitäten. Sie reichen nicht einmal für das medizinische Personal, dass symptomfreie Musiker getestet werden, ist völlig ausgeschlossen. Abhilfe könnte zwar ein privates Labor schaffen, aber das verlangt 600 Pfund (etwa 660 Euro). Pro Test. Bei 50 Anreisenden wären das 33.000 Euro. Eine Summe, die unter den gegebenen Umständen nicht zu refinanzieren ist.

Hinzu kommt eine Beobachtung die Burkhard Glashoff gemacht hat: „Wenn ein Land Großbritannien als Risikogebiet ausweist, folgt in der Regel binnen 24 Stunden die Retourkutsche.“ Heißt: Es ist davon auszugehen, dass die britische Regierung Deutschland zum Risikogebiet erklärt und sich die Musiker in Quarantäne begeben müssten, um nach London zurückkehren zu können. Grundsätzlich fiele wohl auch der Unfall- und Krankenversicherungsschutz des Orchesters weg. „Unter diesen Umständen macht das alles keinen Sinn“, fügt Glashoff sich in das Unabänderliche. Die Stimmung ist gedrückt.

Auch in London macht sich Enttäuschung breit

Auch in London, wo Orchestervorstand Martin Höhmann gerade von der Absage erfahren hat. „Wir sind natürlich enttäuscht“, sagt der Geiger, der in den Walddörfern aufgewachsen und hier sein Abitur gemacht hat, „obwohl diese Möglichkeit natürlich immer im Hinterkopf war.“ Seit März hat das London Philharmonic Orchestra nicht mehr vor Saalpublikum gespielt, sondern Konzerte lediglich gestreamt. Der Elbphilharmonie-Auftritt wäre das erste „richtige“ Konzert gewesen. Mit echtem Applaus statt Likes oder Herz-Emojis. Und nun das Aus.

Währenddessen ist Glashoff schon mit der Abwicklung der Konzerte beschäftigt. Gebuchte Flüge und Hotelzimmer müssen umgehend storniert werden, doch wird das überhaupt möglich sein, wenn eine Einreise des Orchesters grundsätzlich nicht verboten ist? Es geht um eine Summe im mittleren fünfstelligen Bereich. Und zusätzlich stellt die Elbphilharmonie trotz Absage die Mietkosten in Rechnung. Die Einstufung von London als Risikogebiet werde nicht als Grund für eine außerordentliche Kündigung akzeptiert. Der nächste Nackenschlag.

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„Faktisch sind die Grenzen zu.“

„Ein internationaler Tourneebetrieb ist unter diesen Umständen nicht mehr möglich“, sagt Glashoff und verweist auch auf das Problem uneinheitlicher Regelungen von Bundesland zu Bundesland. „Faktisch sind die Grenzen zu.“ Keine gute Zeit für Veranstalter.

Man versuche, aus der aktuellen Situation das Beste zu machen, sagt derweil Martin Höhmann, neue Formate zu entwickeln, den Blick in die Zukunft zu richten, sich nicht unterkriegen zu lassen. Möglich ist das auch, weil das als Aktiengesellschaft selbstverwaltete Orchester seinen Mitgliedern zumindest drängende finanzielle Sorgen nehmen kann. Proben und Internet-Konzerte werden weiterhin bezahlt, auch CD-Produktionen sind wieder angelaufen.

Gern hätte Höhmann die Gelegenheit genutzt, um seine Eltern in Volksdorf zu besuchen („Natürlich im Freien und mit Abstand.“), aber daraus wird nun eben auch nichts. Ob er zumindest an Weihnachten kommen kann?