Interview

„Wir präsentieren das Ungewöhnliche“

Professor Ullrich Schwarz, neuer Präsident der Freien Akademie der Künste.

Professor Ullrich Schwarz, neuer Präsident der Freien Akademie der Künste.

Foto: Marcelo Hernandez

Professor Ullrich Schwarz, neuer Präsident der Freien Akademie der Künste, wünscht sich eine stärkere Unterstützung durch die Stadt.

Hamburg. Gestern Abend fand das Jubiläumskonzert „Erinnerungen an die Zukunft“ in der Elbphilharmonie statt, mit mehr als einem Dutzend Veranstaltungen feiert die Freie Akademie der Künste noch bis Mitte Dezember an verschiedenen kulturellen Orten in der Stadt ihr 70-jähriges Bestehen. Seit Ende August ist Professor Ullrich Schwarz neuer Präsident der Akademie in Hamburg. Schwarz war Professor für Architekturtheorie, ist Publizist, Miterfinder des Architektursommers, Gründer des Architekturarchivs und des Jahrbuchs Architektur in Hamburg.

Hamburger Abendblatt: Herr Professor Schwarz, als Sie vor 70 Jahren geboren wurden, wurde auch die Freie Akademie der Künste in Hamburg gegründet. Was macht die Akademie nach sieben Jahrzehnten zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Kulturlebens in der Stadt?

Ullrich Schwarz: Die Akademie ist eine Vereinigung von Kunstschaffenden und von Menschen, die im kulturellen Leben tätig sind. Das ist das Alleinstellungsmerkmal der Akademie. Sie ist kein Museum oder eine Konzertagentur und auch kein Berufsverband. Alle Aktivitäten der Akademie gehen direkt von ihren Mitgliedern aus, den Künstlern. Der Auftrag der Akademie besteht darin, geistige Impulse in die Öffentlichkeit zu tragen – ungefiltert sozusagen, ohne Kuratoren, ohne Jurys oder Agenturen. Die Akademie bietet das Original. Wir sind kein Wirtschaftsbetrieb und nicht an Quoten gebunden. Deswegen erlauben wir uns auch, das Ungewöhnliche zu präsentieren.

Der Gründer der Akademie, Hans Henny Jahnn, wollte mit seiner Künstlergemeinschaft auch ein „umstrittener, störender Fremdling im Hamburger Kulturleben“ sein. Teilen Sie diesen Grundsatz?

Schwarz: Das würde ich so nicht unterschreiben. Dann würden wir uns ja selbst ausschließen. Das ist mir zu negativ. Wir wollen keine anderen Institutionen verstören – die Besucher einzelner Veranstaltungen gelegentlich schon. Wobei verstören nicht ganz das richtige Wort ist. Besser wäre: anregen, Horizonte öffnen.

Was sind die größten Herausforderungen der Akademie in den kommenden Jahren?

Schwarz: Wir möchten unsere Wirksamkeit in der Öffentlichkeit verstärken. Das ist vielleicht das wichtigste Ziel. Der geplante Umbau der Markthalle, also des Gebäudes, in dem die Akademie untergebracht ist, verspricht hier einen strategischen Fortschritt, was die örtliche Zugänglichkeit und Präsenz im öffentlichen Raum betrifft. Die heutige Hinterhoflage ist nicht gerade ideal.

Was wollen Sie anders machen als Ihre Vorgänger?

Schwarz: Meinen Vorgängern kann ich nur Dank aussprechen. Konzeptionell geht es mir auch gar nicht darum, nun alles anders zu machen. Mich zieht das Grenzüberschreitende an. Unsere sechs Sektionen sind ein gutes Forum für Brückenschläge, und ich wünsche mir, dass zwischen den verschiedenen Kunstsparten ein noch stärkerer Austausch stattfindet. Den gibt es bisher auch schon, etwa in Form von Gesprächsereignissen, wenn sich zum Beispiel ein Musiker mit einem Architekten zum Austausch trifft. Ich könnte mir vorstellen, dass es gemeinsame Projekte gibt, in denen die verschiedenen Künstler in Austausch treten, diskutieren, unterschiedliche Perspektiven einnehmen und Energien freisetzen.

Was haben Sie konkret für Pläne?

Schwarz: Da kann ich Ihnen zwei Projekte nennen, die ich gerne umsetzen möchte. Zum einen eine Reihe mit dem Namen „My Favorites“. Der Grundgedanke dabei ist, dass ein Mitglied der Akademie an einem Abend dem Publikum seine liebsten Bücher, Bauwerke oder Musikstücke vorstellt. Das ist ja etwas sehr Subjektives, da entstehen viele Anregungen und Diskussionen über die einzelnen künstlerischen Bereiche hinaus. Das andere ist eine Vortragsreihe, in der es um Fragen der Nachkriegsmoderne geht. Auch das wieder über alle Sparten hinweg, von der Musik, der Literatur, dem Film, der Malerei bis hin zur Architektur. Meine Frage dabei wäre: Wie gehen die Künste in den 50er- und 60er-Jahren mit der klassischen Moderne der Vorkriegszeit um und wann beginnt – wie Adorno einmal sagte – „das Altern der Neuen Musik“? So eine spartenübergreifende Fragestellung könnte man später vielleicht auf das Thema Postmoderne ausweiten. Gab es überhaupt in allen künstlerischen Bereichen so etwas wie Postmoderne und wie stellte sich das jeweils dar?

Die Unabhängigkeit von staatlicher Aufsicht oder Bevormundung ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der „Freien“ Akademie der Künste. Sie bekommen von der Stadt rund 200.000 Euro im Jahr für Miete und Personalkosten, schreiben selbst von einer „nennenswerten, wenngleich nicht annähernd hinreichenden Unterstützung seitens der Stadt“, für die Sie dankbar sind. Wünschen Sie sich mehr staatliche Unterstützung oder wäre das ein Widerspruch zum Anspruch der größtmöglichen Unabhängigkeit?

Schwarz: Die Akademie wünscht sich natürlich eine größere Unterstützung. Der jetzige staatliche Zuschuss reicht gerade für die Personalkosten – wohlgemerkt: zwei Mitarbeiter – und die Miete, die absurderweise wieder an die Stadt geht. Aber egal wie hoch die staatlichen Zuwendungen sind: Die Akademie hat noch nie irgendeine Form von politischer Intervention erlebt, und das wird auch so bleiben. Selbst wenn sich unser Budget verdoppeln sollte.

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Mitglieder der Freien Akademie müssen berufen werden, es handelt sich also um einen ausgewählten, manche sagen auch elitären Kreis von rund 200 Schauspielern und Autoren, Filmemachern und Theaterleuten, Malern und Musikern, Architekten und bildenden Künstlern. Ist das noch zeitgemäß?

Schwarz: Es ist einfach richtig so. Die Akademie lebt aus dieser Selbstbestimmtheit. Das macht ihre Besonderheit und Qualität aus.

70 Jahre Akademie

  • Ihr Jubiläum feiert die Akademie mit zahlreichen Veranstaltungen.
  • Metropolis: Kurzfilm Double­feature (17.10., 17 und 19.30 Uhr)
  • Literaturhaus: „Zugeneigt“, Wolfgang Hegewald über Walter Kempowski, Sabine Peters über Hubert Fichte (29.10., 19.30 Uhr)
  • Galerie der Gegenwart: „Akademien nach der digitalen Revolution“, Gespräch zwischen Wolfgang Ullrich und Harry Lehmann (30.10., 19 Uhr)
  • Programm & Infos: 70.FADK.de

In dem Jubiläumsprogramm mit 15 Veranstaltungen bis Mitte Dezember dominiert sehr eindeutig der Bereich Filmkunst mit allein elf Vorstellungen im Abaton oder im Metropolis Kino. Zufall?

Schwarz: Großer Dank an die Sektion Medien für dieses interessante und umfangreiche Programm. Die Filmer haben hier in Kooperation mit den Kinos einen logistischen Vorteil. Wenn man das Programm aber genau studiert, wird man sehen, dass alle Sektionen vertreten sind. Besonders erwähnt werden sollte die sozusagen interdisziplinäre Veranstaltung am 1. Dezember, die wegen Corona nicht im Curio Haus, sondern in den Räumen der Akademie stattfindet.