Dokumentarfilm

Über Rassismus reden: "Wer wir sein wollten"

Die Filmemacherin Tatiana Calasans in einem ihrer Lieblingsrestaurants im Hamburger Schanzenviertel.

Die Filmemacherin Tatiana Calasans in einem ihrer Lieblingsrestaurants im Hamburger Schanzenviertel.

Foto: Roland Magunia

In ihrem Kinodebüt lässt die Hamburger Regisseurin Tatiana Calasans schwarze Menschen von ihrer Jugend erzählen.

Hamburg.  Vier schwarze Protagonisten, die 65 Minuten am Stück von ihrem Aufwachsen im Hamburg, Niedersachsen oder Bayern der 1990er-Jahre erzählen: Ja, es sei ein ungewöhnliches Format, sagt die Hamburger Regisseurin Tatiana Calasans, wenn sie über ihr Kinodebüt „Wer wir sein wollten“ spricht.

Der Dokumentarfilm, am 1. Oktober im Studio-Kino und am 25. Oktober im Westwerk zu sehen, erzählt langsam, am Rhythmus der Gespräche entlang, die Calasans mit drei Männern und einer Frau geführt hat. Wenig Schnitte, viele Totalen, lange Einstellungen. „Ich erwarte vom Zuschauer die Aufmerksamkeit, ihnen zuzuhören“, sagt Calasans.

Hamburger Filmemacherin beschäftigt sich mit Vorurteilen und Vorbildern

Statt an der üblichen Frage anzusetzen, ob es überhaupt Rassismus in Deutschland gibt, nimmt „Wer wir sein wollten“ ihn als gegeben hin. Und legt den Fokus auf die Auswirkungen: Wie können sich schwarze Menschen in diesem Rahmen bewegen und entfalten? Es geht um Vorurteile, Vorbilder und Erwartungshaltungen.

Ein Gesprächspartner erzählt, er habe das Gefühl, als Stellvertreter für schwarze Männer in Deutschland wahrgenommen zu werden. Das kann Calasans nachvollziehen. Die heute 41-Jährige wurde im brasilianischen Salvador geboren. Als sie sieben Jahre alt war, zog ihre Familie aus beruflichen Gründen nach Duvenstedt. Am Anfang war das mit viel Unsicherheit verbunden, Calasans sprach als Kind kein Deutsch.

Alltagsrassismus: Betroffene müssen schneller erwachsen werden

„So schön es war, es gab vielleicht drei ausländische Familien in Duvenstedt. Und es gab eine Familie, die Schwarz war – das waren wir“. Ähnlich wie die Protagonisten in „Wer wir sein wollten“ wurden auch Calasans und ihre zwei jüngeren Geschwister von den Eltern darauf vorbereitet, dass ihnen im Alltag Rassismus begegnen wird. „Man muss sich eine Strategie zurechtlegen, um keinen Raum für Aggressionen zu bieten – als Jugendlicher und auch schon als Kind“, berichtet Calasans. „Das bedeutet nicht, dass man nicht glücklich aufwachsen kann. Aber dieser Aspekt macht einen auch ein bisschen erwachsener als andere Kinder.“

Als schwarze Frau mit brasilianischen Wurzeln wird sie auch später mit Vorurteilen konfrontiert. „Man versucht, dem Klischee nicht zu entsprechen und auszubrechen“, sagt Calasans über ihre Jugend. Inzwischen ist das aber kein Thema mehr für sie. „Eine Zeit lang begleitet es einen, und dann muss man es als das erkennen, was es ist, und sagen: Jetzt ist Schluss“.

In ihrer Jugendzeit hat sich Calasans auch von einigen gängigen Schönheitsidealen gelöst - im Alltag trägt sie außer Rouge und Wimperntusche kein Make-up. „Weil ich in Sorge war, dass man sich irgendwann nicht mehr erkennt, wenn man es abnimmt“, so die Filmemacherin. „Daher habe ich gesagt: ich gewöhne mich jetzt daran, wie meine Haut ist. Mit tausend Sommersprossen, wo sich auch das Leben abzeichnet.“

Filmemacherin Calasans lebt seit 20 Jahren im Hamburger Westen

Für ein Diplomstudium Modedesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) zog sie mit 20 Jahren in die Hamburger Innenstadt. Nach ihrem Abschluss an der HAW arbeitete Calasans als Stylistin, unter anderem für Filmproduktionen, und schrieb nebenbei schon an eigenen Drehbüchern.

Vor sechs Jahren entschied sie sich für den beruflichen Wechsel – und da-mit für das Zweitstudium „Bildende Künste“ mit dem Schwerpunkt Film an der Hochschule für bildende Künste. „Wer wir sein wollten“ ist ihre Abschlussarbeit und gleichzeitig ihr erster veröffentlichter Film.

„Ich appelliere nicht an ein bestimmtes Publikum“, sagt Calasans. Daher ist sie gespannt, wer zu ihrer Filmtour kommt, die in dieser Woche startet. „Ich hoffe auf People of Color, auf weiße und Schwarze Menschen, die Lust haben, miteinander zu diskutieren.“ Sie wünscht sich, dass der Film beim Zuschauer nachhallt. Und, dass sich auch ihre Community mit dem Dargestellten auseinandersetzt – daher hat Calasans sich gefreut, ihren Film bereits im Februar bei einer Veranstaltung des Kollektivs afrodeutscher Frauen (KOA) in Kiel zeigen zu können.

Amadeu Antonio Stiftung: Betroffene müssen öfter zu Wort kommen

„Ich denke, dass sie etwas bedient, das es noch nicht so häufig gibt: Eine Dokumentation, die nichts Voyeuristisches hat und nicht darauf abzielt, Rassismuserfahrungen stumpf abzuspielen“, sagt KOA-Gründerin Mariam Touré. Sie war nach der Vorführung begeistert von Calasans: „Weil sie die Fragen, die ihr gestellt wurden, mit einer wahnsinnigen Ruhe beantwortet hat. Man wusste, dass ihr Wissen fundiert ist.“

„Viel zu oft wird in unserer Gesellschaft über Rassismus gesprochen, ohne dass die Menschen zu Wort kommen, die unmittelbar betroffen sind“, sagt Franziska Schindler, Sprecherin der Amadeu Antonio Stiftung, die den Film gefördert hat. „Diese Perspektive auf Deutschland muss viel öfter gesehen werden.“

Mit der Arbeit an ihrem Film begann Calasans schon 2018. Heute wird ihr Werk als hochaktuell wahrgenommen, oft in Verbindung mit der „Black Lives Matter“-Bewegung betrachtet. Das überrascht die Künstlerin: „Ich kann fast nicht glauben, dass wir es so diskutieren, als wäre es das Allerneueste.“ Mit dem Film möchte sie zeigen: „Schau, in den 90ern haben wir das Gleiche diskutiert.“

Das Thema Rassismus beschäftigt Calasans auch im Ehrenamt. Als Aktivistin hat sie sich in den vergangenen drei Jahren beim Hamburger Black History Month engagiert. Zum Ende dieses Jahres verlässt sie das Organisationsteam und möchte mit einer neuen Gruppe künftig über das ganze Jahr hinweg Veranstaltungen zum Thema Schwarze Identität auf die Beine stellen.

Als Filmemacherin will Calasans in Zukunft auch fiktive Geschichten umsetzen: Stoff zum Thema Männerfreundschaften, Musik und Mode der 1990er-Jahre hat sie schon in der Schublade.

„Wer wir sein wollten“ wird am Donnerstag, 1. Oktober, um 21.00 Uhr im Studio-Kino und am Sonntag, 25. Oktober, um 16.00 Uhr Westwerk gezeigt.