Diskussion

Levit und Brosda: Wie stoppt man die Corona-Kultur-Einöde?

Pianist Igor Levit (l.) und Kultursenator Carsten Brosda (SPD) trafen sich im Hansa Theater zum Gespräch.

Pianist Igor Levit (l.) und Kultursenator Carsten Brosda (SPD) trafen sich im Hansa Theater zum Gespräch.

Foto: Andreas Laible / HA

Der Pianist und Hamburgs Kultursenator diskutierten, wie man die verheerenden Folgen der Pandemie eindämmen kann.

Hamburg.  Dass sich Kultursenator Carsten Brosda (SPD) und der Pianist Igor Levit aus Mangel an Argumenten nur verlegen anschweigen würden, war wirklich nicht zu erwarten gewesen. Im Gegenteil, beim Gedankenaustausch im coronabedingt geschlossenen Hansa Theater ging es gleich und ziemlich direkt zur Sache.

Denn beiden – allerdings aus unterschiedlichen Perspektiven – liegt viel daran, die verheerenden Folgen der Pandemie für die Kulturlandschaft auch in Hamburg so schnell wie möglich einzudämmen und auszugleichen. Das eint ungemein beim besorgten Blick nach vorn.

Igor Levit und Carsten Brosda: Was macht die Pandemie mit der Kulturlandschaft?

Erster Anknüpfungspunkt, klar, war für Levit das Phänomen Elbphilharmonnie, die weit mehr als eine weitere Spielstätte in seinem Lebenslauf ist. In Erinnerung an seinen ersten Auftritt dort vor gut drei Jahren beschrieb er rückblickend, was dieser Konzertsaal und sein Charisma mit einem Musiker machen können: Man gehe dort raus auf die Bühne und wünsche sich „von Herzen, dass das ein fantastischer Abend wird. Jeder Abend muss bitte ein besonderer werden. Weil er es ist.“ Und er fügte zur unsicheren Gegenwart dieses Erlebnisses hinzu: „Die Zukunft liegt an uns.“

Eine erste Steilvorlage, um mit dem Kultur-Verwalter Brosda auf akute und absehbare Probleme zu kommen. Die Kultur sei flächendeckend betroffen, „wir als Gesellschaft müssen aufpassen, dass wir die kulturellen Räume und die Strukturen durch diese Zeit bringen“. Zur Wegweiser-Funktion der Elbphilharmonie sagte Brosda, erwartungsgemäß clever und unausgesprochen fordernd: „Man wird nicht Kulturstadt, indem man sich ein großes Konzerthaus baut. Es geht darum, auch mit der Kleinteiligkeit präsent zu sein. Das ist das Fundament, auf dem diese Leuchttürme überhaupt nur Sinn haben können.“

Kultur als Gesellschafts-Kitt? Brosda und Levit widerspechen vehement

Was in dieser Stadt passieren muss, damit die Pandemie nicht eine verwüstete Kulturlandschaft hinterlasse? Eine direkte Antwort blieb Levit schuldig. Er meinte: „Wir sind in einer Realität, die niemand von uns kennt. Niemand war darauf vorbereitet, niemand hat das zu verantworten. Fakt ist: Wir sind in einer dramatischen Ausnahmesituation. Wirtschaftlich stehen wir in der Kultur mit dem Rücken zur Wand. Noch sechs, sieben Monate, dann fangen wir an zu sehen, wie Bäume zu fallen beginnen.“

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Unisono allergisch reagierten Brosda und Levit auf die Frage, ob Kultur so etwas wie der Kitt einer gespaltenen Gesellschaft sein könne. „Kultur kann Anlässe dafür geben, dass wir uns darüber verständigen, wie wir leben wollen“, entgegnete Brosda, „aber sie hat niemals die Aufgabe, Gesellschaft zu kitten. Sie ist der Werkzeugkasten, den wir nutzen müssen.“ Auch Levit widersprach, heftig: „Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ist nicht gespalten, die steht nicht mit Reichsflaggen vor dem Reichstag… Man kann’s auch mal herbeireden.“

Welche Zukunft hat die Elbphilharmonie als Ort der Kultur?

Und erneut kamen die beiden danach argumentativ zurück zu jenem Kultur-Bau, der nicht erst in den letzten drei Jahren das Image der Kulturstadt Hamburg geprägt, verbessert und aufpoliert hat: „Eine Elbphilharmonie wird im 21. Jahrhundert nur dann eine wirkliche Daseinsberechtigung haben, wenn sie auch die Gesellschaft abbildet“, betonte Levit. „Multikulturell. Was im Schatten solcher Juwelhäuser passiert – sie brauchen diese Gesamtstruktur, aus eigenem Interesse! Da kommen die jungen Künstlerinnen und Künstler her, der existenziell wichtige Nachwuchs.“

Eine Gefahr, die Levit generell sieht: Hinter den Kulissen der Kulturwelt gäbe es Verantwortliche, die die Corona-Zeit gern nutzen würden, um sich ihre Träume von der Rückkehr in die 50er-Jahre zu erfüllen. „Das ist echt gefährlich“, fand Levit. Und Brosda sekundierte: Man könne nicht, wie beim Kulturzentrum Gasteig in München geschehen, andere soziokulturelle Infrastrukturen in ein Konzerthaus hineinbauen, um es damit stadtgesellschaftlich akzeptabler zu machen.

Die Aufgabe, siehe Elbphilharmonie, müsse sein, „es auf den Kunstort zu fokussieren. Aber dann müssen wir den Kunstort auch so öffnen, dass er für die Stadtgesellschaft offen ist. Man muss ihn so bespielen, dass die Vielfalt in dem Ort ist und nicht nur an dem Ort. Das ist die große Aufgabe der nächsten Jahre.“

Das Gespräch der beiden wird am Freitag um 18 Uhr auch im NDR Fernsehen gesendet.