Hamburg

Wiederspiel: „Das Filmfest ist diesmal mehr Film als Fest“

Seinen ersten Film hat Albert Wiederspiel nach den Kino-Schließungen im Abaton gesehen.

Seinen ersten Film hat Albert Wiederspiel nach den Kino-Schließungen im Abaton gesehen.

Foto: Roland Magunia

Direktor Albert Wiederspiel freut sich auf ein Film-Festival, vor Ort und online, das mit weniger Gästen auskommt.

Hamburg.  Abstand zu halten – nein, das entspricht wirklich nicht seinem Naturell. Albert Wiederspiel, Direktor des Hamburger Filmfests seit 2003, ist der geborene Gastgeber, er ist schlicht gern unter Menschen, ein quirliger, herzlicher, im allerbesten Sinne neugieriger Mann. Seinen Mitarbeitern allerdings musste er jetzt versprechen, sich in diesem Jahr zurückzuhalten. „Ich würde Stau kreieren“, sagt er und seufzt, „und man sollte jetzt keinen Stau kreieren.“ Ob ihm das auf den roten Teppichen wirklich gelingt, wird man schnell feststellen können: An diesem Donnerstag ist Filmfest-Eröffnung im Cinemaxx am Dammtor, unter den rund 300 (statt wie sonst mehr als 900) Gästen im großen Kino ist auch der Erste Bürgermeister.

Hamburger Abendblatt: Ein Filmfestival hat immer auch etwas mit Glanz und Glamour zu tun, es geht nicht allein um starke Filme, sondern auch um rote Teppiche. Wie gehen Sie in diesem Jahr damit um? Wie funktioniert Glamour unter Corona-Bedingungen?

Albert Wiederspiel: Es war ziemlich früh klar, dass das das große Manko dieses Festivals sein würde: wenig Gäste. Wenn Gäste, dann hauptsächlich aus der EU. In den letzten Tagen hat es uns dann noch einmal sehr hart getroffen, weil Paris Risikogebiet geworden ist. Wir hatten viele Gäste aus Paris eingeladen. Wenn du denen erklärst, dass sie sich hier erst einmal testen lassen müssten und in Quarantäne müssten, bis das Ergebnis da ist – da haben einige abgesagt. Das nehme ich den Leuten nicht übel. Ein Filmfestival ist nicht weltbewegend wichtig, ich verstehe und respektiere, wenn Leute unter diesen Umständen dafür nicht reisen wollen. Paris war also ein Problem, Wien leider auch, Spanien auch, ach … Aber: Aus Deutschland kommen alle. Da haben wir keine Absagen! Es kommen sogar Schauspieler, die mitten in Dreharbeiten stecken, die müssen natürlich besonders vorsichtig sein. Aber man merkt: Der unbedingte Wille ist da.

Sie haben sich für einen deutschen Eröffnungsfilm entschieden, „Enfant terrible“ von Oskar Roehler, war da also auch ein bisschen Taktik dabei?

Wiederspiel: Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir einen deutschen Eröffnungsfilm wollen. Ja, auch damit wir einen roten Teppich machen können. Ich wollte einen Film, den ich groß eröffnen kann! Ich finde, nach so einer langen Pause muss man mit einem Paukenschlag eröffnen. Auch wenn der Teppich nur ein Teppichchen ist und abgeschirmt wird, damit sich keine Schaulustigen davor sammeln können. Es ist nicht sexy, ich gebe es zu. Aber es ist das, was wir erlaubt bekommen. Das Filmfest ist in diesem Jahr mehr Film als Fest.

Wann wussten Sie denn endgültig: Es wird dieses Jahr ein Filmfest geben?

Wiederspiel: Wir haben uns im Mai entschieden, hatten aber immer im Hinterkopf, dass wir jederzeit gestoppt werden können. Wir wussten ja nicht, wie sich der Sommer entwickelt.

Wie kompliziert waren die Planungen?

Wiederspiel: Es gab Wochen, da fand ich alles ganz toll – und es gab Wochen, in denen ich gar nicht sah, dass es überhaupt möglich sein könnte. Dann haben wir uns entschieden, ein „hybrides Filmfest“ zu machen – wir wussten ja, dass wir keinesfalls die gesamte Kapazität der Kinos haben würden. Es bleiben links und rechts jeweils zwei Plätze frei, vor und hinter den Zuschauern bleibt ebenfalls Platz. Die Kinos unterstützen wir ganz direkt finanziell, indem wir trotzdem die volle Saalmiete zahlen und die frei bleibenden Sitze als Streamingplätze anbieten.

Rechnen Sie damit, dass die Streaming-Angebote gut angenommen werden?

Wiederspiel: Ich hoffe es – aber ich mache mir keine Illusionen, weil ich weiß, dass das Filmfest-Publikum eigentlich kommt, um ein Gemeinschaftserlebnis zu haben. Und zu Hause einen Film zu schauen, ist das Gegenteil eines Gemeinschaftserlebnisses. Das weiß ich nur zu gut, weil ich Filme ja sehr viel zu Hause auf dem Sofa gucken muss. Ich finde das ziemlich einsam, grundsätzlich fehlen mir die Gespräche danach, der Austausch mit anderen. Aber wir haben zum Beispiel vorab über Zoom Gespräche mit Regisseuren und Regisseurinnen geführt, die nicht dabei sein können, auch die werden wir streamen. Bei einem Filmfest sind die Diskussionsveranstaltungen ja fast so wichtig wie die Filme selbst! Ich hoffe einerseits, dass ich das alles nur dieses Jahr so machen muss. Andererseits muss man das Risiko im Blick haben, dass es im nächsten Jahr noch einmal so kommt. Deshalb müssen wir jetzt lernen, viel lernen.

Was war der erste Film, den Sie nach den Schließungen wieder im Kino gesehen haben?

Wiederspiel: Das war eine kleine Premiere im Abaton: „Winterreise“, wir waren nur 15 Leute im Kino. Ein bisschen traurig. Aber: Ich fühlte mich nicht unsicher im Kino, gar nicht. Man hat sehr viel Luft und fühlt sich in keinster Weise bedrängt. Auch viele unserer Veranstaltungen sind jetzt tatsächlich schon ausverkauft – bei deutlich reduzierter Kapazität natürlich.

Das „Streamfest“

  • Da die Platz-Kapazitäten in den Kinos aufgrund der geltenden Abstandsbedingungen derzeit begrenzt sind, hat sich das Filmfest entschlossen, herausragende Produktionen trotzdem einem theoretisch kompletten Saalpublikum verfügbar zu machen – das „Streamfest Hamburg“ bietet für die nicht besetzten Plätze im gleichen Umfang Streamingtickets für zu Hause. Der Kinosaal er­weitert sich ins Wohnzimmer.
  • Tickets für einzelne Filme kosten jeweils 7 Euro, es ist auch möglich, von der Programmab­teilung kuratierte Filmpakete zum reduzierten Preis zu erwerben. Auf der Streamfest-Plattform sind zudem kostenlos Filmgespräche mit Regisseur/-innen abrufbar, es gibt ein „Cinephiles Quartett“ und Fachveranstaltungen.
  • Programm und weitere Infos: filmfesthamburg.de/streamfest

In den Theatern und Konzerten scheint das Interesse teilweise noch zurückhaltend zu sein, stellen Sie das für das Filmfest also nicht fest?

Wiederspiel: Die Veranstaltungen, die ausverkauft sind, waren das sehr früh. Da hätte es mehr Nachfrage gegeben. Insofern glaube ich schon, dass das Kinopublikum vielleicht ein bisschen beweglicher ist als das Theaterpublikum ... Vielleicht auch ein bisschen jünger? Vielleicht fühlen die sich durch die Abstände auch einfach safe.

War es schwieriger als in anderen Jahren, Filme zu finden, die festivalwürdig sind?

Wiederspiel: Hätten wir gesagt, wir wollen 140 Filme zeigen, wäre es nicht gegangen, das ist im Moment nicht drin. Zu viele Verleiher oder Produzenten haben ihre Filme zurückgezogen und bringen sie erst später ins Kino. Das muss man verstehen, sie warten, bis das normale Kinoleben losgeht. Hoffentlich wieder losgeht.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Immerhin haben Sie nun sogar einen Pandemie-Film im Programm...

Wiederspiel: „Apples“! Toller Film. Und weit vor Corona gedreht! Darin gibt es eine weltweite Amnesie-Pandemie, heute hat der Film natürlich eine völlig neue Dimension dazugewonnen. „Apples“ spielt in einem surrealen Athen, gedreht von dem Griechen Christos Nikou, einem ehemaligen Assistenten von Yorgos Lanthimos, bei den Filmfestspielen von Venedig lief er auch schon.

Auch beim Abschlussfilm haben Sie ein gutes Händchen bewiesen: „Nomadland“ hat gerade in Venedig den Goldenen Löwen und beim Toronto Film Festival den People’s Choice Award, ebenfalls die höchste Auszeichnung, gewonnen.

Wiederspiel: Damit haben wir gerechnet! Wir haben den Film relativ früh gesichtet und wussten: Das wird der Gewinner dieses Jahres sein. Und wenn jemand noch Zweifel gehabt haben sollte, ob Frances McDormand eine große Schauspielerin ist, dann ist hier bewiesen: Sie ist die allergrößte! Sie ist einfach unglaublich, ihr Gesicht ist sehr viel in Close-ups zu sehen, ein ganz starker Film.

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Verraten Sie noch einen Geheimtipp?

Wiederspiel: Es gibt da einen Film aus Frankreich mit dem schrecklichen deutschen Titel „Frühling in Paris“. Das klingt wie ein ZDF-Vorabendfilm, im Original heißt er „16 Sommer“, viel schöner. Die Regisseurin Suzanne Lindon ist 20 und spielt selbst die Hauptrolle. Es geht um eine 16-Jährige, die sich in einen 35-Jährigen verliebt, und es ist trotzdem keine Lolita-Geschichte. Unwahrscheinlich imponierend, wie sensibel diese junge Regisseurin – und 20 ist wirklich sehr jung! – das in ihrem Debüt filmisch erzählen kann. Gut, sie hat berühmte Eltern, sie ist die Tochter von Vincent Lindon, beide Eltern sind Schauspieler. Trotzdem! Auch einen wichtigen Film bringen Stephan Lamby und Klaus Brinkbäumer: „Im Wahn“. Das ist eine mehr als 90-minütige Dokumentation über Trump und die Medien, spannend und bedrückend und hochaktuell, Stephan Lamby schneidet immer noch.

Und zum Auftakt: ein Fassbinder-Schwerpunkt. Mit Fassbinder seien Sie aufgewachsen, haben Sie einmal gesagt. Aber Sie sind doch in Dänemark groß geworden?

Wiederspiel: Ja, und es gab dort einen Filmjournalisten, der war ganz verrückt nach Fassbinder. Der atmete Fassbinder! Ich dachte als Jugendlicher, Fassbinder wäre Däne! (lacht) Ungefähr mit 12 habe ich „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ das erste Mal gesehen – und dieser Film hat mich wirklich geprägt, er ist einer der Gründe für meine Filmleidenschaft. Und Oskar Roehlers Film „Enfant terrible“, mit dem wir eröffnen, ist kein Bio-Pic, es ist eine Verbeugung vor Fassbinder. Ein Hommage, die bestimmt polarisieren wird – aber das darf doch eine Filmfesteröffnung auch mal. Es muss nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen sein!

Filmfest Hamburg, 24.9. bis 3.10., Cinemaxx Dammtor, Passage, Abaton, Metropolis, Studio-Kino; Programm unter www.filmfesthamburg.de