Konzertkritik

Mit Mozart und Beethoven in die Corona-Saison

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Helmut Peters
Symphoniker-Chefdirigent Sylvain Cambreling (mit Maske) und Orchestermusiker beim Saisonauftakt im Großen Saal der Laeiszhalle.

Symphoniker-Chefdirigent Sylvain Cambreling (mit Maske) und Orchestermusiker beim Saisonauftakt im Großen Saal der Laeiszhalle.

Foto: Daniel Dittus

Die Symphoniker Hamburg meldeten sich in der Laeiszhalle mit einem überzeugenden Konzert aus der Zwangspause zurück.

Hamburg.  Gustav Mahlers „Sinfonie der Tausend“ oder Ludwig van Beethovens Missa solemnis für Chöre und große Orchesterbesetzungen boten sich zu Corona-Zeiten für eine Saisoneröffnung natürlich nicht an. Für ihr 1. Symphoniekonzert am Sonntag hatten die Symphoniker Hamburg Beethovens berühmte Messe ursprünglich eingeplant, als die Auswirkungen der Pandemie noch nicht abzusehen waren. Stattdessen entschieden sich der Symphoniker-Chef Sylvain Cambreling und seine auftrittshungrigen Musikerinnen und Musiker für Mozarts Sinfonia concertante KV 364 und Beethovens 1. Symphonie C-Dur op. 21, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Gattung einen Neubeginn bedeutete und zum Neustart des Orchesters mit Live-Konzerten in der Laeiszhalle deshalb auch symbolisch passte.

Mit genau ausgezählten 543 in angemessener Distanz zueinander platzierten Besuchern im Großen Saal der Laeisz­halle kamen die Symphoniker auf gut ein Viertel ihrer gewohnten Auslastung. Da man das Konzert aber gleich zweimal – am späten Nachmittag und am Abend – spielte, war der Verlust nicht gar so schlimm.

Besonderer Saisonstart

Intendant Daniel Kühnel begrüßte das Publikum zu diesem besonderen Saisonstart und sagte auf die Musik bezogen: „In Live-Konzerten wird etwas gesagt, was anders einfach nicht gesagt werden kann.“ Noch emotionaler und fast poetisch wandte sich nach ihm Sylvain Cambreling, der mit schwarzer, zur Maestro-Robe passender Maske aufgetreten war, ans Publikum. Er stellte die These auf, dass auch die Musik die vergangenen Monate fühlen könne. „Wir werden uns an das imponierende Schweigen erinnern. Durch die Kraft der Musik gibt es aber keine Leere zwischen uns!“

Als Solisten für Mozarts so beliebte, im Herbst 1779 entstandene Sinfonia concertante für Violine, Viola und Orchester waren der den Symphoniker als Geiger und Dirigent über Jahre hinweg verbundene Guy Braunstein und der ukrainisch-britische Bratschist Maxim Rysanov eingeladen. Rysanov, der auch viel zeitgenössische Musik etwa von Gija Kantscheli oder Benjamin Yusupov aufzuführen pflegt, erwies sich als Meister feinster Abstufungen und idealer Partner für Braunstein, den ehemaligen Konzertmeister der Berliner Philharmoniker.

Überraschendes Klangbild

Ein überraschendes Klangbild erzeugten die Symphoniker wegen ihrer breit aufgefächerten Sitzordnung gleich in der Orchesterexposition des Allegro maestoso. Mehr als anderthalb Meter Distanz zwischen den Pulten, aber auch zwischen den Pultnachbarn bei den Streichern, waren verordnet. Das erforderte so viel Raum, dass die Klarinetten und die Fagotte direkt vor der Rückwand Platz nehmen mussten und die Streicher trotz der kleinen klassischen Besetzung bis an die Seitenränder verteilt waren. Dadurch ging der Klang sonderbar in die Breite und ungewohnt wirkten die Violin-Pizzicati begleitend zu Bläserpartien.

Heikel ist bei diesem Stück ja immer der fast schleichende Einstieg der Soloinstrumente, doch nach überstandener Herausforderung entfaltete Rysanov schnell eine dominierende Rolle. Sein voller, warm eingängiger Ton, den Mozart ganz bewusst mit tiefen Streichern noch zu verstärken verstand, fesselte die Zuhörer.

Viele lyrische Stellen

Aber Guy Braunstein holte rasch auf, und an vielen lyrischen Stellen und erst recht in der auskomponierten Solokadenz bewies er eine außerordentliche Klangsensibilität. Besonders fein gerieten dem Geiger die in hoher Lage singenden Kantilenen des Andante-Satzes, der so zwischen Melancholie und Sehnsucht schwankt und die Herzen zutiefst berührt. Fast wie gehaucht gingen die Solisten in die Solokadenz über und es war bewundernswert, wie die langsam angesetzten Triller am Ende penibel aufeinander abgestimmt waren.

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Die Zuversicht, Lust und Freude des Rondofinales mit seinem aufsteigenden Hauptthema leitete perfekt zum zweiten Werk des Abends, der Ersten Beethovens, über, das an Lebendigkeit und Frische unter Cambrelings Leitung kaum zu überbieten war. Leider kleckerten nur die Pizzicati der Violinen gleich in den ersten Takten. Die dynamischen Kontraste gerieten krass, obwohl sich Cambreling mit gar zu harten Akzenten eher zurückhielt, dafür aber mehr auf die Fülle des Klangs setzte.

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Selbst das Andante cantabile mit den durch die Register wandernden Phrasen erhielten einen fast neckischen Charakter. Überzeugend agierten die Holzbläser, die zu schnellen Läufen der Streicher im Menuett ihren speziellen Auftritt hatten und sich im Finale die Bälle brillant gegenseitig zuwarfen.

Beim Schlussapplaus strahlte Sylvain Cambreling über das ganze Gesicht, ja applaudierte nicht nur dem Publikum, sondern drehte sich um und verbeugte sich sogar vor dem eigenen Orchester.