Aufgeblättert

Marons Ärgernis, Justs toller Berlin-Roman

Foto: Imago; Montage: HA

In „Artur Lanz“ will Monika Maron erneut ein Sittenbild vorlegen und den Zeitgeist befeuern – und stolpert dabei in jederlei Hinsicht.

Hamburg. Literatur muss dahingehen, wo es wehtut. Und mit ihr dann auch die Leserinnen und Leser. Wohl oder übel, zumindest im Falle des neuen Romans der Schriftstellerin Monika Maron („Flugasche“), die sich derzeit leider einen allzu gesellschaftskritischen und politischen Auftrag gegeben hat. Sie gehört zur zweifelhaften Gruppe der sich unabhängig und unerlaubt andersdenkend wähnenden, zu denen auch Uwe Tellkamp („Der Turm“) zählt. Wie dieser hat Maron keine Scheu, sich in neurechter Gesellschaft zu zeigen. Ihr letzter Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ handelte, psychologisch und auch literarisch plausibel, von Fremdenfurcht und anderen Ängsten. In „Artur Lanz“ (S. Fischer, 24 Euro) will Maron erneut ein Sittenbild vorlegen und den Zeitgeist befeuern – und stolpert dabei in jederlei Hinsicht. Ihre Heldin Charlotte Winter trifft im Park auf einen schlecht abgehangenen Mann. Etwa 50 Jahre alt, geschieden, fad unterwegs. Seine Mutter benannte ihn, es mutet beinah ironisch an, nach dem Ritter der Tafelrunde.

Aber dieser Artur Lanz ist völlig unheldenhaft, was Charlotte Winter dazu bringt, ausschweifend über das unheroische Zeitalter nachzudenken und darüber, dass Männer heutzutage keine Männer mehr sein können. Manche Männer seien „nur schwul geworden, weil sie sich nur noch bei Männern wie Männer fühlen dürfen“. Klingt lustig, ist aber so ernst gemeint, dass man es nur schwerlich als Rollenprosa begreifen kann. Den Diskurs über das (Un-)Männliche mag man noch einigermaßen putzig finden, das gilt aber nicht für die plumpe Pointe: Artur Lanz soll endlich zum Helden werden, indem er seinem Freund und Kollegen, der mit einer Facebookäußerung in den Ruch des Rechtsaußens geriet, zur Seite springt und auf Meinungsfreiheit (Voltaire, gähn) pocht. Diese Verknüpfung der Diskurse ist beinah lächerlich, und die trotzige Opferstilisierung mancher Intellektuellen schlicht ein Ärgernis.

Überhaupt nicht ärgerlich ist Lorenz Justs fabelhaftes Debüt „Am Rand der Dächer“ (Dumont, 22 Euro). Der 1983 geborene Autor und Islamwissenschaftler beschreibt in dem Roman eine Kindheit im Berlin der Nachwendezeit. Dabei ist es eine anarchische Freiheit, die das Leben der beiden Kinder Andrej und Simon und ihrer Freunde bestimmt, die im Verlaufe dieser große suggestive Kraft entwickelnden Geschichte zu Teenagern heranwachsen. Der Kosmos Berlin-Mitte, in dem aus dem Alten, Ausgetriebenen das Neue, einstweilen noch Unnormierte entsteht, wird aus der Perspektive von Jugendlichen beschrieben.

Dabei formt die Architektur der Stadt maßgeblich das Heranwachsen. Die Jungs treiben sich herum, in besetzten Häusern, auf Spielplätzen, in Altbauwohnungen. Nicht immer den eigenen: Andrej und Simon brechen ein. Sie klauen Champa­gner. Sie merken nicht, dass sie auseinanderdriften: Die Freiheit des Streunens gibt es auch in der größeren Variante. Drogen, erste Liebe, das Ausbilden einer Identität – davon wird hier erzählt. In einem großen Berlin-Roman, auf den man schon gar nicht mehr gehofft hatte.