Harbour Front Festival

Der Kopf lüftet durch, das Herz läuft voll

Die Schriftstellerin Simone Buchholz traut sich auch gesanglich einiges.

Die Schriftstellerin Simone Buchholz traut sich auch gesanglich einiges.

Foto: picture alliance

Die Autoren Simone Buchholz und Franz Dobler luden mit dem Musiker Digger Barnes zu „Harbour Front Sounds“.

Hamburg.  Der Abend begann und endete mit diesem einen Lied. Mit Leonard Cohens „Tower Of Song“ aus dem Jahr 1988, in dem der Singer-Songwriter sein Kunstschaffen reflektiert. Und es schildert die Zwiesprache mit einer seiner Ikonen, dem Countrymusiker Hank Williams. Eine äußerst passende Klammer für eine besondere Veranstaltung des Harbour Front Literaturfestivals im Kleinen Saal der Elbphilharmonie.

In der Reihe „Harbour Front Sounds“ luden die Krimiautoren Simone Buchholz und Franz Dobler gemeinsam mit dem Sänger und Gitarristen Digger Barnes zu einer Art Meta-Konzept-Show. Drei Schreibtische. Drei Stimmen. Es ging um nicht weniger, als die Inspirationen aus Literatur und Musik mit dem eigenen Werk zu verknüpfen. Angesichts der pandemiebedingt locker gefüllten Reihen lag der Fokus anfangs aber auf: Corona.

Franz Dobler entfaltete seine ganz eigene Melodie und Rhythmik

„Wow, es ist eine Veranstaltung. Ich bin ein bisschen angefasst, das wieder machen zu können. Danke, dass Sie sich das getraut haben“, sagte Buchholz hörbar gerührt. Die Kultur, sie lebt von der Wechselbeziehung, vom Austausch, von der Energie des Unmittelbaren. Das war in diesen gut anderthalb Stunden deutlich zu spüren. Etwa, als Buchholz mit akzentuierter Wärme aus Marguerite Duras’ Roman „Der Liebhaber“ vortrug. Ein Sound, in dem viel Liebe für das literarische Vorbild mitschwang. „Wie sie sich mutig als Frau in ein Buch hineingeschrieben hat“, das bewundere sie an Duras, sagte Buchholz – und zeigte mit einem Abschnitt aus ihrem Roman „Blaue Nacht“, wie diese literarische Prägung im eigenen Schaffen nachhallt.

Und auch Franz Dobler entfaltete seine ganz eigene Melodie und Rhythmik. Mit bärbeißiger Distinktion und leicht bayrischem Zungenschlag las er ein Gedicht von Jörg Fauser: „Sonntagnachmittag: Wieder in Schwabing“ (1978). Im Gegenschnitt zu dieser Milieustudie trug Dobler aktuelle eigene Lyrik vor: „Nizza nach Mitternacht“ entspannt einen Bogen, der von der Judenverfolgung bis hin zur Jazzleidenschaft reicht. Ein bitterschwarz tönender Sog.

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Die Querverweise und Huldigungen des Abends reichten von Charles Bukowski über Raymond Chandler bis zu Dorothy Parker und Wanda Coleman. Ein literarisches Netzwerken, das aufs Schönste zum Weiterlesen zu Hause anregte. Wohltuend aber auch, dass dieser Input zur Musik immer wieder zur Ruhe kommen konnte. Digger Barnes zog mit dunkel schillernden Countrysongs eine weitere Ebene ein. Der Kopf lüftete durch, während das Herz volllaufen konnte.

Gerne hätte der Abend länger dauern dürfen. Vor allem wegen jener Passagen zwischen den Vorträgen, zwischen den Zeilen. Wenn Buchholz und Dobler laut über das Schreiben nachdachten. Wenn sie sich anfrotzelten, während ihres Gesprächs auch mal in eine Sackgasse stolperten (womöglich am liebsten in eine Kneipe gefallen wären). Und wenn Dobler seinen Text nicht fand und alles ins Slapstickhafte abzurutschen drohte. Zum Abschluss dann noch einmal Leonard Cohen. Nicht Digger Barnes solo, wie zu Beginn, sondern im Wechsel und im Duett mit Simone Buchholz. Brüchig, wahrhaftig. Ein eigener Sound.