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Hamburger Kunsthalle: So viel Gegenwart war noch nie

Das Walross Antje ist Teil der Ausstellung "Die absurde Schönheit des Raumes" in der Galerie der Gegenwart in der Hamburger Kunsthalle.

Das Walross Antje ist Teil der Ausstellung "Die absurde Schönheit des Raumes" in der Galerie der Gegenwart in der Hamburger Kunsthalle.

Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Sehenswerte Ausstellungen: „Die absurde Schönheit des Raumes“ und „Früher war schon immer jetzt“. Auch Walross Antje ist zu sehen.

Hamburg. Einen ganz neuen, einen frischen Blick – das ist es, was die Hamburger Kunsthalle unter ihrem nun nicht mehr ganz neuen Direktor bieten will. Mit seiner (Kampf-)Ansage, die Galerie der Gegenwart wieder mehr zur Stadt und ihrer Gesellschaft hin zu öffnen, und zwar ganz konkret mit einem eigenen Entree, hat er ernst gemacht. Und sich intensiv mit dem Bau von Oswald Mathias Ungers (1926-2007) auseinandergesetzt, ihn „als Kunstwerk an sich begriffen“ und zum Ausgangspunkt für die erste, komplett unter seiner Ägide entstandenen Ausstellung genommen.

Als Mit-Kurator der groß angelegten Schau „Jetzt! Malerei in Deutschland“, die unlängst in den Deichtorhallen zu Ende gegangen ist, hat Klar einen guten Überblick bekommen, was gerade angesagt ist in Sachen Tafelbild – oder eben, was weit darüber hinaus geht. Denn die Disziplin Malerei ist keineswegs tot. Das beweisen die Künstlerinnen und Künstler aus den Jahrgängen zwischen 1971 und 1988, die aktuell im ersten Stock der Galerie ausstellen.

Walross Antje steht symbolisch für Überlebende eines Unglücks

„Die absurde Schönheit des Raumes. 7 Künstler*innen vs. Ungers“ ist eine Einladung, raumgreifend zu arbeiten, die Galerie als Resonanzraum zu nutzen, sich im wahrsten Sinne des Wortes Raum zu verschaffen, um Fragen zu stellen wie etwa: Kann ein Raum schön sein, und wird ein Raum schöner durch die Kunst, die darin gezeigt wird? Zumal, wenn Schönheit das Attribut ist, das von avantgardistischen Malern um jeden Preis vermieden wird?

Eine exotisches Flair vermittelnde Scheinwelt hat die aus Venezuela stammende Künstlerin Sol Caleros geschaffen. Dem Sehnsuchtsort, den Europäer gern in der Karibik sehen, setzt sie ihre Casa de Cambio (Geldstube) entgegen als Symbol für die aktuelle Wirtschaftskrise ihres Landes. Einen Ort der Apokalypse hat Helga Schmidhuber installiert: „Arche endemisch“ wirkt auf den ersten Blick einladend: „Ach, guck mal die Antje, das Walross aus dem Fernsehen!“ Dann erst versteht man, dass die anwesenden Tierpräparate symbolisch für Überlebende eines Unglücks stehen, das uns droht.

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Bei Schmidhuber heißt es dazu: „Noch scheint das Weltmeer ruhig. Wann zieht der Sturm auf? Wie wird das Morgen sein? Es gilt diese unwiederbringliche Fracht zu sichern. Sofort.“ Einen Aufbruch vermitteln auch Dominik Halmers Objekte: „Mars“ und „Chloris“ scheinen sich von der Wand zu entfernen und dynamisieren den Raum; Dana Greiners Video- und Soundinstallation fordert die Betrachter auf, zu Akteuren auf ihrer psychedelisch anmutenden Bühne zu werden; Claudia Wiese bricht den geordneten Raum mit einem verspiegelten Kubus aus Edelstahl auf.

Dekonstruktion ist bei Franziska Reinbothe oberstes Prinzip

Jan Albers hat in einen Galerieraum eine Wand eingezogen und zeigt in diesem abgeschlossenen Pavillon sowohl Minimal Art als auch von ihm bewusst zerstörte Arbeiten aus Styropor, wiederum geschützt durch Plexiglas. „Ich lerne mich in meiner Arbeit immer wieder neu kennen. Und es ist auch meine Sicht der Welt, die sich darin spiegelt: Der Mensch kann viel erschaffen, er kann aber zur gleichen Zeit auch zerstörerisch wirken.“

Die Dekonstruktion ist bei Franziska Reinbothe oberstes Prinzip: Sie staucht Leinwände zusammen, legt Keilrahmen frei, dehnt, faltet, zerbricht, durchschneidet oder vernäht ihre Bilder, um das zu zeigen, was in der Malerei normalerweise verborgen bleibt.

Ausstellung erprobt Möglichkeiten eines offenen Museums

Der neue Blick zielt natürlich auch auf die Kunst im Inneren ab. Die als offen angelegten Arbeiten stehen von der Produktion bis zur Betrachtung in einer fließenden Beziehung zueinander. Die Künstler, das Museum und die Besucher sind mit ihren Erfahrungen, Vorstellungen, Meinungen und Gefühlen gleichberechtigt im Umgang mit der Kunst. Die Ausstellung erprobt somit die Möglichkeiten eines offenen Museums.

Apropos: Von der Westseite der Galerie haben Besucher nun freie Sicht auf das Stadtpanorama vom Rathaus über die Binnenalster bis nach Harvestehude. Kunst als Möglichkeit, emotional und gedanklich daraus zu schöpfen, ohne vorgefertigte Antworten geliefert zu bekommen, ist die Strategie der Wiener Malerin Sabrina Haunsperg, zu sehen in der zweiten, neu eröffneten Ausstellung „Früher war schon immer jetzt. Malerei seit 1947 neu präsentiert“ im dritten Stock der Galerie. Sie ist damit in bester, vorwiegend männlicher Gesellschaft von Georg Baselitz über Werner Büttner bis Neo Rauch. Doch auch diese Sammlung wird sich stetig erweitern und ändern: In der „Jetzt!“-Schau war das Geschlechterverhältnis schon ausgeglichen.

„Die absurde Schönheit des Raumes“ (4.9. bis 7.3.2021) und „Früher war schon immer jetzt“ (4.9./5.9.2021), Galerie der Gegenwart, Glockengießerwall 5, Di–So 10.00–18.00, Do 10.00–21.00, Eintritt 14,-/8,- (ermäßigt), www.hamburger-kunsthalle.de