Rezension

Tobias Schlegls "Schockraum": Bloß nicht mehr oberflächlich

Tobias Schlegl in seiner schon nicht mehr ganz neuen Berufskleidung.

Tobias Schlegl in seiner schon nicht mehr ganz neuen Berufskleidung.

Foto: dpa

Der ehemalige TV-Moderator hat einen Roman zu seinem neuen Leben als Notfallsanitäter geschrieben. Wir haben es gelesen.

Hamburg. Zunächst die Erläuterung, was ein „Waschzettel“ ist: Die papierene (oder digitale) Dreingabe zum Buch für Rezensenten; sie ist zuvorkommend gedacht, immer irgendwie servil und absolut berechnend: Das nennen die Verlage selbst wahrscheinlich Promo- oder Werbeblatt. Und Journalisten eher abwertend „Waschzettel“. Nun denn.

Den Waschzettel zum Roman „Schockraum“ hat dessen Autor persönlich verfasst. Tobias Schlegl (früher: Tobi Schlegl) adressiert die Erstleserinnen und Erstleser („Liebe Journalistinnen und Journalisten“) seines Debüts direkt – sie sind seine Exkollegen. Schlegl weiß also, wie es geht. Und er kennt auch die journalistischen Reflexe, weshalb er sein Schreiben mit einem Bekenntnis beginnt.

Er habe, so Schlegl, nachdem er vor vier Jahren die Medienwelt verließ – Viva, „Extra 3“, „Aspekte“ usw. stehen in seiner Vita – und zum Berufsstand der Rettungssanitäter wechselte, sofort Angebote von Verlagen bekommen. Die er alle abschlägig beschied. Soll schließlich keiner sagen, er habe doch wieder gleich in die Öffentlichkeit gedrängt. Kennt man ja, solche Aufmerksamkeitsjunkies.

Schlegl will ein Schlaglicht auf Missstände werfen

Aber Schlegl meinte es augenscheinlich ernst mit seinem radikalen Schnitt. Drei Jahre ließ sich der heute 42-Jährige zum Notfallsanitäter ausbilden. Er arbeitet jetzt in dem Beruf. Und der Ernst, mit dem der Wahlhamburger Schlegl, der in Köln geboren wurde, die neue Aufgabe anging, findet auf jeder Seite von „Schockraum“ seinen Niederschlag.

Auf jeder Seite jenes Romans, den Schlegl nun eben doch geschrieben hat, es blieb ihm, so liest es sich im Roman und auch im Waschzettel, am Ende keine andere Wahl. Schlegls Ernst ist heilig, und sein Vorhaben ist gewissermaßen eine sendungsbewusste Donnerwalze. Denn in „Schockraum“ geht es um die Erlebnisse eines Hamburger Notfallsanitäters. Diese Hauptfigur Kim ist aufgrund ihrer Tätigkeit posttraumatisch gestört, sie hat Albträume und Aussetzer im Job.

Schlegls Roman, ein "Augen auf bei der Berufswahl"-Fanal

Und so gerät dieser Roman, der stellenweise aber auch penetrant wie das literarische Imagevideo oder die Werbebroschüre von Rettungsdiensten anmutet, am Ende doch eher zum „Augen auf bei der Berufswahl“-Fanal. Er wolle ein „Schlaglicht auf Missstände im Rettungsdienst werfen“, „Schockraum“ sei ein „politisches Buch“, schreibt Schlegl im Begleitzettel. Sein Roman soll also die nachdrückliche Illustrierung dessen sein, was ihm im Blaulichtmilieu aufgefallen ist.

Um es deutlich zu sagen: Literarisch tut der Auftrag, den sich Schlegl halb selbst gibt, halb fühlt er sich verpflichtet („Meine Kollegen wollten, dass ich davon erzähle, von ihnen erzähle“), diesem Buch natürlich nicht gut. Weite Teile der Handlung bestehen aus den detaillierten Beschreibungen der Einsätze, und das liest sich so: „Ich assistiere bei der Intubation. Mit dem Laryngoskop und dem dazugehörigen Spatel drückt die Notärztin Leas Zungengrund nach oben, bis sie Leas Stimmritze sehen kann. Ich reiche ihr den Endotrachealtubus. Sie versucht, ihn so weit in die Luftröhre hineinzuschieben, dass die Markierung hinter der Glottis verschwindet.“

Der Rettungssanitäteralltag und seine Probleme

Dann wieder folgt sein Text der Selbsterbauungslogik und den Teambuildingsimperativen und klingt wie aus dem Rettungssanitäterkursus. Etwa wenn es um die 90 Prozent der Blaulichteinsätze geht, die zu harmlosen Fällen führen. „Die restlichen zehn Prozent haben es in sich. Das sind die Einsätze, bei denen die Uhr gegen uns tickt. Bei denen wir voll da sein müssen. Als Team. Bei dem jeder Handgriff sitzen muss“, heißt es da plakativ.

Schlegl beleuchtet in diesem flott voranschreitenden Plot den Rettungssanitäteralltag und nimmt all das in den Blick, was aufmerksamen Zeitgenossen aus der Tageszeitung oder der TV-Reportage bekannt ist: Dass auf den Straßen ein Konkurrenzkampf von Rettungsdienst-Wirtschaftsunternehmen stattfindet, dass es einen permanenten Personalnotstand gibt. Etwas überraschender sind die Vorgänge hinter den Kulissen. So lässt Schlegl seinen Kim berichten, wie die Krankenhäuser teilweise mit Annehmlichkeiten wie Schokoriegel im Aufenthaltsraum um die Gunst der Sanitäter buhlen. Oder wie mitleidlos Pfleger und Ärzte Rauchern und Adipösen entgegentreten.

„Schockraum“ ist eine Art Rettungsdienst-Turboseminar, in dem der Autor Schlegl sehr deutlich selbst spricht. Die Hauptfigur ist autobiografisch angelegt, auch Kim kommt als ehemaliger Werber und mit der Modewelt Befasster aus einem Jahrmarkt der Eitelkeiten. „Ich wollte einen Beruf, der das genaue Gegenteil war von dem, was ich bisher gemacht hatte. Ich wollte mutig sein. Verwegen. Ich wollte, dass meine Kollegen mich für völlig bescheuert erklären. Ich wollte einen Job, der keine oberflächliche Scheiße propagiert“, erklärt Kim einmal. Eigentlich hätte Schlegl, denkt man bei der Lektüre, eine Langreportage oder ein Sachbuch schreiben sollen. Andererseits: Mit einem Roman erreicht man eine andere Leserschaft.

Schlegl widmet das Buch allen Rettungssanitätern

Es bleibt allerdings nicht aus, dass die Handlung wie Beiwerk dieses mit heißem Herzen geschriebenen Textes daherkommt, der ein implizites Plädoyer für bessere Arbeitsbedingungen im Rettungsdienst ist. Das Plotgerüst ist Kims Derangiertheit. Erst allmählich enthüllt Schlegl, dass sein wackerer Sani selbst gerettet werden muss. Er leidet unter Wahrnehmungseintrübungen und Realitätsverlust. Seine Freundin Marie bildet sich Kim jedenfalls nur ein; sie hat ihn längst verlassen. Auch sonst gibt es allenthalben Verlustmeldungen. Kims Gehör ist ramponiert, sein Tinnitus ist ein Alarmpiepen dafür, dass ihm alles aus dem Ruder läuft.

Gewidmet hat Tobias Schlegl seinen ersten Roman allen Kolleginnen und Kollegen. Die werden dieses Buch begierig lesen. Es sei auch anderen empfohlen, vielleicht auch einfach nur deshalb, weil Schlegls Entscheidung, aus einem halbwegs kommoden Fernsehjob kommend an die Rettungsfront zu gehen, großen Respekt verdient.

Tobias Schlegl liest am 29.9., 20 Uhr, im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals im St. Pauli Theater. Die Lesung ist ausverkauft.