Nach Corona-Pause

Freudiger Elbphilharmonie-Auftakt vor deprimierender Kulisse

Saisonstart in der Elbphilharmonie mit Carsten Brosda

Das NDR Elbphilharmonie Orchester eröffnete mit Alan Gilbert und der Geigerin Lisa Batiashvili die neue Spielzeit.

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NDR Elbphilharmonie Orchester eröffnete mit Alan Gilbert und Lisa Batiashvili die Spielzeit. Zu hören gab es Brahms und Prokofjew.

Hamburg. Es ist nach der Corona-Pause eigentlich wieder wie im Herbst 2016, in den Monaten vor der Eröffnung des Konzerthauses. Nur ganz anders. Denn erneut – nun allerdings unter komplett geänderten und katastrophalen Vorzeichen – muss das NDR-Orchester mühsam und wohl nicht ganz schmerzfrei lernen, wie der Große Saal der Elbphilharmonie reagiert.

Wie er funktioniert, was dort wie klingt oder aber – feiner, leicht gemeiner Unterschied – lediglich zu hören ist, wenn man dieses oder jenes tut oder unterlässt.

Elbphilharmonie: Zu leere Bühne und zu leerer Saal

Damals war die Freude auf und über das musikalische Ergebnis eine ganz andere. Jetzt, bei der ersten Runde einer interessanten Kombination der vier Brahms-Sinfonien mit den beiden Prokofjew-Violinkonzerten beherrschte eine irritierende, aber auch anrührende Mischung aus zaghaft wackerer Verunsicherung, trotzigem Pflichtoptimismus und riesiger Wiederhörensfreude das Geschehen, auf der viel zu leeren Bühne und im noch viel zu leeren Saal.

Denn die knapp 630 von 2070 möglichen Gäste sind, bei aller Seligkeit übers wieder erlaubte Da-Sein, eine erschütternd deprimierende Kulisse für dieses Wiederhochfahren einer Spielstätte, die im Normal-Ausnahmezustand ganze leere Reihen ja praktisch nie erlebt hat.

Einige Bläser sahen sich sicher sogar

Knapp 50 Instrumente durften nun, nach Monaten der Zwangspause, mitspielen; vor allem an den Streichern war gespart worden, rund 20 mehr hätten es sein können. Die Bläser wiederum saßen so weit auseinander, wie es jetzt nun mal sein muss. Mag sein, dass sie voneinander hörten, einige sahen sich sicher sogar.

Aber miteinander spielen, so eng, dass kein noch so schmaler emotionaler Spalt dazwischen passt, ist dann noch einmal etwas anderes. Und in dieser Weise sind spätromantische Sinfonien nicht gedacht und nicht gemacht.

Was Alan Gilbert – bei allem guten Willen, so zu tun, als wäre dieses Andere gar nicht so sehr anders – in die Verlegenheit brachte, Brahms’ Zweite als Ganzes vor allem zu regeln anstatt sie zu gestalten.

„Für mich ist der Saal voll“, sagte der NDR-Chefdirigent

Die Partitur, eine Handlungsanweisung für alles und jeden, war nun eher ein Bausatz aus Einzelteilen, eine Versuchs-Anordnung. Gilbert war für seine Zuversicht zu bewundern, zu beneiden war er nicht.

„Für mich ist der Saal voll“, sagte der NDR-Chefdirigent beim Kurz-Interview durch Intendant Christoph Lieben-Seutter nach diesem Konzert, als wäre das kein allzu ernstes Problem. „Das Orchester ist weit verstreut, aber als Musiker sind wir super nah beieinander. Das fühlte sich im schönsten Sinne des Wortes normal an.“

Zu lange Entfernungen zwischen Instrumentengruppen

Mag sein, aber: Nein. Und: ja. Oft gingen Dialoge und musikalische Ideenentwicklungen vorschnell ins Leere, der Zusammenhalt verflüchtigte sich auf den zu langen Entfernungen zwischen voneinander getrennten Instrumentengruppen.

Er löste sich in „tönend bewegte“ Luft auf, statt in Form, um ein Zitat des Brahms-Bewunderers und -Zeitgenossen Hanslick aufzugreifen und es unserem sonderbaren Jetzt anzupassen.

Stellen für Hörner im Einklang – nicht weit auseinander sitzend

Brahms hatte, um nur ein Beispiel zu nennen, schöne Stellen für Hörner im Einklang komponiert, für eine Horn-Gruppe, aus einem Guss, nicht für eins und eins oder das andere ganz hinten rechts und das letzte auch noch.

Dementsprechend unsicher waren nicht stellenweise nur diese Bläserinnen und Bläser, wenn ihnen die klangverschmelzende Nähe fehlte, die ihre persönliche Klangfarbenpalette erst bereicherte und zum Gemeinschaftserlebnis Brahms Zwei machte.

Und die Saal-Akustik tat das, wofür sie entworfen wurde: Sie bildete präzise die Details ab, wie und weil sie geschahen. Alle. Auch die ungewollten, aber nun vorerst unausweichlichen.

Große Kammermusik mit Lisa Batiashvili

Dass es auch anders gehen kann, zeigte anfangs das D-Dur-Konzert von Prokofjew. Große Kammermusik war zu hören, mit Lisa Batiashvili als klug mitdenkende Violin-Virtuosin, die ihren Part subtil in die Feinmotorik dieses Stücks einfädelte. Schlanker, tragender Ton, auf Ideallinie für dieses Konzert.

Beim Brahms wiederum waren die Bläser nicht die einzigen, die litten. Auch bei den Streichern hakte es in der Balance, im Miteinander und der Dynamik. Wenn eine dieser brahms-typisch zartbitter aufblühenden Melodielinien den Dirigenten verführt, ins Volle greifen zu wollen, sie auftrumpfen und ausspielen zu lassen, und dann ist diese Gelegenheit auf halber Strecke schon zur Gänze ausgereizt, wirkte es unbefriedigend. Weil man der Musik in diesen Momenten anhörte, dass wärmende Substanz fehlt.

Wie beim Fußball: Wichtig ist auf'm Platz

Aber, und das ist das so große, so fundamental wichtigere „Aber“: So ziemlich alles an konventioneller Lieferungs-Betrachtung ist bis zu genau diesem Satz herzlich und wirklich egal. Wie beim Fußball gilt auch jetzt: Wichtig ist auf’m Platz.

Mehr noch: Noch wichtiger ist gerade für alle der Platz an sich, das Spielen als solches, trotz der in der Aufregung der Freude passierten Fehlpässe zwischen Akteuren. Denn die werden sich entweder wieder geben oder wir gewöhnen uns auch daran.

Brahms nach fünf Monaten Durststrecke

Die interpretatorischen Feinheiten in Brahms’ Opus 73 sind momentan entschieden unwichtiger als die Tatsache, dass Brahms’ Opus 73 live gespielt wurde. Vor Publikum, für Publikum, nach rund fünf Monaten Durststrecke.

Lang genug war diese Kunst-Manifestation nur eine Erinnerung, auf Notenpapier verschollen. Nicht zuletzt zeigt diese Verwundbarkeit, diese Zerbrechlichkeit des ansonsten so durchtrainierten Konzepts Klangkörper auch, dass diese Musik Abend für Abend hart und leidenschaftlich erarbeitet werden muss. Und in den nächsten Monaten wohl auch zurückerobert.

Weitere NDR-Konzerte: 4. / 5.9., 18.30 / 21 Uhr: Prokofjew-Violinkonzert Nr. 2 und Brahms 3. Sinfonie, im zweiten Durchgang Brahms 4. Sinfonie. Leonidas Kavakos (Violine). Evtl. Restkarten. Der Saisonstart mit Prokofjew 1 und Brahms 2 ist auf www.elbphilharmonie.de als Stream abrufbar.