Ausstellung

Kunsthandwerk als Liebeserklärung an die Stadt

Elbphilharmonie aus Draht, Papier und Acrylfarbe – das Plakatmotiv der Ausstellung „Inspiration Hamburg“.

Elbphilharmonie aus Draht, Papier und Acrylfarbe – das Plakatmotiv der Ausstellung „Inspiration Hamburg“.

Foto: MHG Susanne Schwarz

Das Museum für Hamburgische Geschichte zeigt in der Ausstellung „Inspiration Hamburg“ das große Potenzial angewandter Künstler.

Hamburg. Manchmal ist die Erinnerung ein zuckrig-klebriges Gebäckstück. Der Hanseat, den Heike Ahrens jahrelang von ihrer Oma am Bahnhof spendiert bekam, hat sich in Form einer Brosche in ihre aktuelle Schmuckkollektion geschlichen: die eine Hälfte weiß, die andere Hälfte rosa. Bei Kollegin Claudia Craemer ist es der über 90 Jahre alte „Polstjernan“, ein Bootswrack am Falkensteiner Ufer in Blankenese, der zur Keramikarbeit „Gefunden“ führte.

Und Samira Heidari Nami wiederum hat ihre Erfahrungen als Tochter eines persischen Teppichkaufmanns in der Speicherstadt in der Wollfilzarbeit „Polygon“ verarbeitet, bei der traditionelle Muster in modernem Siebdruckverfahren aufgetragen wurden: „Der Teppich vereint meine beiden Kulturen, bildet eine harmonische Symbiose aus Orient und Okzident, Klassik und Moderne.“

Drei völlig unterschiedliche Arbeiten mit jeweils eigenen Zugängen und Materialien, und doch ist der Hauptnenner derselbe: Alle drei angewandte Künstlerinnen hatten dabei ihre Heimat als Vorlage – „Inspiration Hamburg“. Was macht uns aus, wie ist die bauliche Struktur der Stadt, in der wir leben, und welche Plätze, Wahrzeichen, Menschen haben uns vielleicht schon seit Kindertagen geprägt?

Das Museum für Hamburgische Geschichte, wo Forscher und Kuratoren normalerweise den Objekten geschichtlich auf den Grund gehen, zeigt in einer sehr sehenswerten Ausstellung nun die durch die Stadt angeregten Arbeiten von 62 Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerkern. Gewerke aus Glas, Holz, Keramik, Papier, Schmuck, Tafelsilber und Textil sind vertreten und bilden das große gestalterische Potenzial dieser Branche ab.

Keine Grenze zwischen freier und angewandter Kunst

Die Schau ist eine Liebeserklärung an die Stadt. So hat Susanne Schwarz etwa ganz gezielt nach den Hamburger Schmuckstücken gesucht und aus Draht, Papier und Acrylfarbe sowohl die Elbphilharmonie als auch das Riesenrad auf dem Hamburger Dom in Miniatur nachgebaut. Andreas Wencke, Spezialist für Atmosphären, hat seine wunderschöne Holzinstallation „Wellen“ an die Decke des Museums gebracht.

„Die Grenzen zwischen freier und angewandter Kunst verwischen“, sagt Isabelle Hofmann, Vorstandsvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg (AdK). „Skulpturen, Wandbehänge und Dekorationen reflektieren unsere Wohn- und Lebenskultur im 21. Jahrhundert.“ Von diesem Imagewandel zeugen auch eindeutig konzeptionelle Arbeiten wie das „Hamburger Bohrprofil“:

Silja Böhm ordnete den geologischen Schichten unterschiedliche Farben zu; diese können in Form eines Kettenanhängers getragen und darin beliebig getauscht werden. Dafür erhielt die Silberschmiedin den diesjährigen Preis für Innovationen. Der Hauptpreis geht an Ulrike Isensee für „Stadt am Fluss – die Elbe von Wittenberge bis Cuxhaven“. Ihr Wandbehang aus Polyestergarn bildet den Strom in filigraner Zartheit von oben ab.

Der mittlerweile in der Provence lebende Keramiker Uwe Krause trägt mit seiner „Hafenlandschaft“ ein zentrales Werk zur Ausstellung bei: Seine Kontorhäuser und Boote, die durch die Fleete schippern, sind von faszinierender Plastizität. Völlig zu Recht erhält Krause dafür den Ehrenpreis für herausragendes Kunsthandwerk.

Vorführungen und Kinderprogramm zum Mitwerkeln

„Inspiration Hamburg“, die als Biennale angewandter Kunst gedachte Ausstellung, ist ein Auftakt, ein Neubeginn. 29 Jahre lang war die Handwerkskammer Kooperationspartner und Austragungsort der zweijährlichen Kunsthandwerks-schau. Der Vertrag wurde gekündigt. Umso erfreulicher ist es für Isabelle Hofmann verkünden zu können, dass die AdK ihren Sitz ab 2021 in der Justus Brinckmann Gesellschaft haben wird.

Für Claudia Horbas, verantwortlich für Ausstellungen im Museum für Hamburgische Geschichte, ist die aktuelle Schau prototypisch für die künftige Ausrichtung des Hauses: „Wir wollen uns noch weiter hin zur Stadt, ihrer Gesellschaft und ihren Institutionen öffnen. Und ich wünsche mir, dass Objekte der zeitgenössischen und angewandten Kunst vermehrt für die Sammlung erworben werden. Partner sind hierfür sehr willkommen.“

Um Besuchern einen Eindruck von den Arbeitstechniken zu geben, wird es im Rahmen der Ausstellung Vorführungen und ein Kinderprogramm in den Werkstätten geben.

„Inspiration Hamburg“ bis 16.11. im Museum für Hamburgische Geschichte (U St. Pauli), Holstenwall 24, Mo, Mi-Fr 10.00-17.00, Sa/So 10.00-18.00, Eintritt 9,50/6,- (ermäßigt), www.shmh.de