Gastbeitrag

Wie Kent Nagano den Corona-Lockdown in Paris erlebte

Kent Nagano lebt in Hamburg und Paris. Seit 1991 ist er mit der Pianistin Mari Kodama verheiratet.

Kent Nagano lebt in Hamburg und Paris. Seit 1991 ist er mit der Pianistin Mari Kodama verheiratet.

Foto: Imago/Lars Berg

Der Hamburger Generalmusikdirektor beschreibt exklusiv im Abendblatt, welche Erfahrungen er während der Corona-Krise gemacht hat.

Paris.  Als in Paris der Lockdown galt, sind meine Familie und ich weitgehend in sozialer Isolation geblieben, aber glücklicherweise konnten wir dank der leichten Lockerung der Ausgangsbeschränkungen zu Hause kontinuierlich produktiv arbeiten und dennoch in Wäldern in der Nähe spazieren gehen. Wie für viele von uns waren soziale Medien und das Telefon in den letzten vier Monaten die einzige Möglichkeit, Freunde und Kollegen zu erreichen und in nah und fern zu arbeiten.

Die tragischen Folgen des Coronavirus sind nie weit weg gewesen. Als die Pandemie ausbrach, waren wir in einem der europäischen Epizentren des Virus (Paris) untergebracht und standen in engem Kontakt mit Kollegen in ganz Europa, den USA, Japan und Kanada. Die schwierigen Mühen so vieler Menschen waren für alle sehr real und lasteten schwer auf dem Herzen. Wir haben persönlich Freunde und Kollegen durch diese schreckliche und mysteriöse Krankheit verloren, die immer noch andauert.

Aber glücklicherweise sind wir bei guter Gesundheit, zum Teil auch deshalb, weil das Coronavirus bisher durch die allgemeinen Hygienemaßnahmen, die wir gemeinsam als vernünftig und notwendig akzeptiert haben, eingegrenzt wurde.

Seit Beginn der Zivilisation war (und ist) das Hauptziel für eine Gesellschaft im Allgemeinen das Überleben. Die von der Polizei erzwungene soziale Isolierung in Paris war unangenehm. Die Zeit, die nun unbegrenzt zur Verfügung stand, erlaubte es jedoch, ernsthaft nachzudenken, an wichtigen, aber aufgeschobenen Projekten und Ideen zu arbeiten und Pläne zu schmieden für eine Rückkehr zu einer Form der Normalität. Diese Zeit war ein Geschenk.

Wir erkannten, dass wir Seelenverwandte sind

Ein kleines Beispiel: Meine Frau und ich haben nach 30 Jahren Ehe und aufgrund des reisenden Lebensstils in unseren Berufen nie viel mehr als drei Wochen zusammen verbracht. So erkannten wir fast überraschend, dass wir über unsere gegenseitige Liebe und unsere Familieneinheit hinaus tatsächlich beste Freunde und Seelenverwandte sind. Das war eine freudige, euphorische Bestätigung, die sich unerwartet einstellte, da wir mehr als drei Monate lang in einer kleinen Wohnung eingesperrt waren.

Wie viele Familien können sich den Luxus leisten, jeden Tag, sieben Tage die Woche, über drei Monate lang, wirklich zu kommunizieren, ihren Kinder aufmerksam zuzuhören, mit ihnen Gefühle, Träume und Ideen zu teilen – und das, während die Kinder ihr letztes Semester an der Universität absolvieren, auf ihren Abschluss hinarbeiten und den Prozess des Eintritts in die berufliche Arbeitswelt durchlaufen? Und wenn dies normalerweise eine Phase wäre, in der die Kinder ihre Unabhängigkeit ausüben, die intime Familienzeit abnimmt und die Kommunikation gefiltert wird? Abgesehen von der Familie haben die vergangenen Monate unstrukturierter Zeit es mir ermöglicht, mich einer Reihe von Aktivitäten zu widmen, die sonst nicht leicht zu unternehmen gewesen wären.

Für mich persönlich vielleicht am wichtigsten war die Zeit, mein Instrument „a volonté“ zu üben. Nicht nur das Repertoire für die Konzerte der Saison zu studieren, sondern auch völlig neues Repertoire zu lernen und gleichzeitig längst erlerntes Repertoire wiederzuentdecken – zum Beispiel das Organum-Repertoire und die Werke von Léonin und Pérotin durchzugehen, während ich mich mit der historischen Entwicklung ihrer Musik in Richtung Ars Nova und Guillaume de Machaut neu vertraut mache.

Ausgiebig gelesen und die Zeit genutzt

Ich habe auch von der Provokation profitiert, die sich daraus ergibt, dass man Zeit in ausgedehnter Interaktion und Diskussion mit der Jahrtausendgeneration, der sogenannten „Z“-Generation, verbringt, der neuesten Generation, die geboren wurde. Konkret hat mich dies als Musiker und Hamburgischer Generalmusikdirektor dazu gezwungen, die umfangreiche Zeit aufzubringen, die erforderlich ist, um neue Aufführungsrahmen in Tiefe und Detail zu konzipieren und sie spezifisch für die Dynamik der eigentlichen Social-Media-Plattformen zu gestalten. Eine innovative Plattform für klassische Musik wird von der Generation „Z“ benötigt, verdient und erwartet, und wir müssen die Verantwortung übernehmen, dieses Bedürfnis als ernsthafte Herausforderung anzugehen und nicht einfach Wege für eine schnelle kommerzielle, unterhaltungs- oder konsumorientierte Lösung zu finden.

Und schließlich habe ich ausgiebig gelesen und die Zeit genutzt, um über Themen nachzudenken, die mit der Hamburger Musiktradition, ihrer künstlerischen Bedeutung für die europäische Musikgeschichte und ihrer ewigen Aktualität verbunden sind: zum Beispiel der historische Kontext hinter der Entscheidung der Stadt Hamburg zur Gründung der Oper und schließlich des Philharmonischen Staatsorchesters um 1800.

Nachhaltige Auswirkungen Beethovens

Die Pariser Ausgangsbeschränkung habe ich genutzt, um die aufstrebende, nächste Generation französischer Komponisten zu entdecken: Matteo Franceschini, Benjamin Attahir, Fabien Touchard, Camille Pépin, um nur einige zu nennen. Die Idee von Hamburg als Weltzentrum legt nahe, dass das, was in der Welt geschieht, auch in und für die Hamburger zugänglich sein sollte.

Ich habe mich auch mit Beethoven als Komponist und Künstler beschäftigt und mit den nachhaltigen Auswirkungen, die er auf die gesellschaftliche Entwicklung und den Verlauf der westlichen Zivilisation hatte. Die sorgfältige und neue Erforschung jeder der neun Sinfonien Beethovens hilft zu verstehen, was diese 45 Jahre währende Entwicklung für unser 21. Jahrhundert bedeutete, und bietet parallel dazu einen Einblick in die Vision Hamburgs, die Philharmoniker in den frühen 1800er-Jahren, der Zeit Beethovens, zu gründen.

Und da war meine Lektüre über die Blütezeit des burgundischen Hofes und des italienischen Gegenstücks, die zur Entwicklung der Idee „Oper“ führte – eine Idee, die dann von Hamburg in die offene Gesellschaft getragen wurde, als es das bahnbrechende, erste öffentliche Opernhaus bildete.

Eine Reihe von wichtigen Büchern

Diese besondere Zeit hat es mir zudem ermöglicht, eine Reihe von Büchern zu lesen, die seit Jahren auf dem Klavier lagen und die überraschenderweise jeweils wichtige Perspektiven auf die Wurzeln der großen Hamburger Kulturtradition eröffnet haben, darunter Peter Wilsons „The Holy Roman Empire 1495– 1806“, Martin Luthers „On the Bondage of the Will (De Servo Arbitrio; Vom unfreien Willen)“, John Calvin, Philip Melanchthon, Juliet Barker, Ulla Hahns „Gedichte fürs Gedächtnis“, Carsten Brosdas „Die Kunst der Demokratie“.

Viele Bücher halfen mir als Amerikaner, die Bedeutung des lebendigen europäischen Mittelalters und seines Lebensstils besser einschätzen zu können, was wiederum einen Einblick gab, wie und warum die Entwicklung des Barock nach der Öffnung der Renaissance geschehen konnte. Andere umfassendere zeitgenössische Themen waren der Klimawandel (mittelalterliches Klima-Optimum und kleine Eiszeit), die Auswirkungen von Luther/Bach/Protestantismus auf die Musik und die Art und Weise, wie die kirchliche Trägerschaft als Reaktion darauf die Blüte der Künste während des Heiligen Römischen Reiches unterstützte – jedes dieser Themen hat Auswirkungen auf das 21. Jahrhundert.

Universelle Gefühle der kollektiven Isolation

Als ich mich mit den universellen Gefühlen der kollektiven Isolation der Pandemie auseinandersetzte, zog es mich durch Ulla Hahns Schriften dazu, tiefer in die Zeit der Wiener Kongress/Metternich-Ära, der sichtbaren Polizeikontrolle, zu recherchieren, als zeitweise große Versammlungen verboten waren und es Momente gab, in denen auch Menschen im Haus eingesperrt werden konnten – alles auf unheimliche Weise ähnlich wie bei den Covid-19-Einschränkungen in Paris vor vier Monaten.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Was brachte die Kunst in dieser Zeit hervor? Die Gesellschaft hat eine reiche Entwicklung erlebt: Kammermusik, Hausmusik, Liederabende, Rossini-Fieber, Paganini, Chopin, Liszt, Offenbach, Heine. Es gab eine neue Art der Mobilität, nicht nur Künstler suchten Zuflucht vor politischer Unterdrückung und Revolution. Viele verließen ihre Heimat, um in tolerantere Städte umzusiedeln, die berufliche Möglichkeiten boten. In bürgerlichen Familien wurde die häusliche Lebensstruktur kultiviert, in der Frauen und Kinder Instrumente lernten und später gleichberechtigt an Konzerten teilnahmen. Kunstpädagogik wurde immer wichtiger, ersichtlich in den Kompositionen der Zeit wie den „Kinderszenen“ von Schumann.

Europa erlebte eine Welle neuer kompositorischer Entwicklungen, wie man an der schieren Zahl der entstandenen Kompositionen sehen kann – es war die Zeit der „Restauration“.

Wie wirkt sich ein Zerstörungsprozess aus?

Auf der anderen Seite schien es wichtig, diese Einschränkungen zu nutzen, um die Pandemien aus historischer Perspektive kennenzulernen, die Wellen von Pest, Cholera, Hepatitis und Typhus und wie sie in Verbindung mit militärischen Konflikten wie dem 100-jährigen Krieg, dem 30-jährigen Krieg, dem Ersten Weltkrieg – um nur einige zu nennen – zu überwältigenden Folgen führen.

Warum gab es plötzlich Zeitabschnitte in der Musikgeschichte, in denen Komponisten nur wenige Kompositionen mit großen Ensembles produzierten? Wie wirkte sich ein Zerstörungsprozess auf Politik, Gesellschaft, Kunst und das Individuum aus? Wie hat die Pandemie der Spanischen Grippe in den 1920er-Jahren so viele Veränderungen in der Kunst bewirkt?

Und schließlich boten diese unterschiedlichen Bücher die Möglichkeit, die Ursprünge der Idee der Oper und ihre Verbindungen zum antiken Griechenland wieder zu entdecken, die zu einer Wiederannäherung an das Denken und Werk von Pythagoras, Zeno, Platon, Aristoteles und Sokrates führten. Sie alle beeinflussten so viele progressive Gattungen des 16. bis 17. Jahrhunderts. Warum zum Beispiel gibt es in fast allen Gemälden von Rubens einen kleinen, quasi versteckten Hinweis auf das antike Griechenland, vielleicht in Form einer diskreten Statue im Hintergrund oder eines Schleiers, eines Vorhangs oder einer Pastoralszene, die eine andere Welt suggeriert – eine ideale Welt?

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Die Aktivitäten der letzten Monate – für mich eine von den Einflüssen externer Faktoren befreite Zeit – haben fast paradoxerweise zu einer Hyperproduktivität in Form einer unbändigen Neugierde geführt und dringende Fragen genährt, die notwendig und unerlässlich sind, um den Weg in die Zukunft zu finden.

Nach einer Katastrophe (einer globalen Pandemie) kann eine ungeheure künstlerische Entfaltung in unserer Welt entstehen. Gerade jetzt, in dieser unsicheren und herausfordernden Zeit, ist es der Moment, alle Sinne wachsam und scharf zu halten, während wir den Horizont nach einer möglichen neuen und aufregenden Phase der Musik und der Künste absuchen.