Harbour Front in Hamburg

"Gefährdung": Lisa Eckhart von Literaturfestival ausgeladen

| Lesedauer: 6 Minuten
Lisa Eckhart gehört  mit 27 Jahren zu  den jungen Gesichtern des Kabaretts.

Lisa Eckhart gehört mit 27 Jahren zu den jungen Gesichtern des Kabaretts.

Foto: HA

Beim Harbour Front Festival wurde eine Lesung der umstrittenen Kabarettistin abgesagt. Aus der linken Szene wurden Angriffe befürchtet.

Hamburg. Die Ausladung der österreichischen Kabarettistin und Autorin Lisa Eckhart beim Harbour Front Literaturfestival sorgt für Aufregung in der Kulturszene. Wie der „Spiegel“ zuerst berichtete, wurde die 27-jährige Österreicherin aufgrund von Sicherheitsbedenken im Hinblick auf mögliche Drohungen durch die autonome Szene, die Veranstaltung im Nochtspeicher auf St. Pauli gewalttätig zu stören, aus dem Programm gestrichen.

Eckhart sollte ursprünglich mit ihrem ersten Roman „Omama“ im September bei den Debütantensalons auftreten, in deren Rahmen der Klaus-Michael Kühne-Preis vergeben wird. Man habe nach einer Intervention der Betreiber des Veranstaltungsorts zunächst auf einen freiwilligen Verzicht der Autorin hingewirkt, teilte Festivalorganisator Nikolaus Hansen dem Abendblatt mit. Als diese dem nicht nachkommen wollte (Hansen: „Für mich durchaus verständlich“), sei die Ausladung von Festivalseite erfolgt.

Die Warnungen der Betreiber des Nochtspeicher nehme man sehr ernst, „wir als Veranstalter tragen die Sorge um die Sicherheit unserer Besucher, der Künstler und des Ortes“.

Lesung von Lisa Eckhart abgesagt: "Gefährdung der Gäste nicht akzeptabel"

Die Nochtspeicher-Betreiber teilten auf Abendblatt-Anfrage mit, „dass alle Beteiligten ein Recht auf die ungestörte Vorstellung der ,Debütantensalon’-Romane“ hätten. Diese im Nochtspeicher zu garantieren, „in einem der Viertel Hamburgs, wo eine Eskalation am Wahrscheinlichsten ist, dazu sind wir nicht im Stande“, heißt es weiter und anschließend: „Diese Situation ist miserabel, und wir bedauern sie zutiefst. Aber eine Gefährdung der Gäste und Künstler ist für uns nicht akzeptabel. Wir sind diejenigen, die dafür vor Ort verantwortlich sind“.

Obendrein verweisen die Nochtspeicherbetreiber auf einen Gesellschaftstrend: „Wir begrüßen, dass die Ausladung Lisa Eckharts zu einer öffentlichen Debatte führt, diese gesellschaftliche Debatte ist wichtig, um der bedrohlich um sich greifenden ,Cancel Culture’ Einhalt zu gebieten.“

Am interessantesten erscheint jedoch, dass es dem Vernehmen nach wohl keine handfesten Drohungen gab. Diese wurden auch nie vom Nochtspeicher in den Raum gestellt. Es sind eher grundsätzliche Bedenken, die zuletzt nach dem Stille-Post-Prinzip zu einer konkreten Drohgebärde des „schwarzen Mobs“ aufgebauscht wurden.

Man wirft Eckhart das Bedienen antisemitischer Klischees vor

Vor der Entscheidung des Nochtspeichers, so Festivalmacher Hansen, habe es allerdings auch die Weigerung zweier Teilnehmer gegeben, gemeinsam mit Eckhart an dem Wettbewerb teilzunehmen. Das habe man freilich lösen können, indem man Eckhart einen Solo-Auftritt ermöglichte – bis dann die neuen Probleme auftraten.

Eckhart hatte im Mai mit einem Auftritt in der Kabarettsendung „Mitternachtsspitzen“ Empörung hervorgerufen. Man warf ihr das Bedienen antisemitischer Klischees vor. Ein Vorwurf, auf den die Wahlberlinerin Eckhart nicht reagierte.

Auf Festivalseite legt man Wert darauf, dass die Ausladung Eckharts nichts mit jenem Eklat zu tun habe. Hansen spricht ausdrücklich davon, dass das Festival sie nach der Aufregung um die „Mitternachtsspitzen“-Ausstrahlung „keinesfalls loswerden“ wollte. „Ich spreche für mich persönlich, wenn ich feststelle: Ich finde die gut“, sagt Hansen, und weiter: „in dem kritisierten Beitrag geht es im übrigen meiner Meinung nach um das Ausstellen von Vorurteilen, nicht um Antisemitismus“. Er könne aber verstehen, wenn manche ihre Äußerungen auf der Bühne als geschmacklos empfänden. So oder so gebe es aber die Freiheit der Kunst, sie sei als Festivalmacher und Verleger sein täglich Brot.

Am 3.9. liest Eckhart im Literaturhaus aus „Omama“

Wäre es im Falle der Eckhart-Lesung um eine Einzelveranstaltung gegangen, hätte man bei einer Gefährdungslage einfach den Ort gewechselt, „wir haben es aber mit einem Wettbewerb zu tun, bei dem die Gleichheit der Voraussetzungen gewährleistet sein muss“.

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Mit dem nun vorliegenden Romandebüt Eckharts, in dem es um eine komische Betrachtung der Nachkriegszeit geht, hat ihr viel diskutiertes Bühnenprogramm nicht unmittelbar etwas zu tun. Dass sie das Buch in Hamburg vorstellen wird, steht trotz der Absage fest: Am 3.9. liest Eckhart innerhalb einer umfangreichen
Lesereise im Literaturhaus aus „Omama“.

Dieter Nuhr nahm auf Facebook Stellung

Literaturhaus-Chef Rainer Moritz kritisiert in diesem Zusammenhang nicht allein eine „bedenkliche Entwicklung in unserer Gesellschaft“, in der es genüge, „dass irgendjemand die Rassismus-, Sexismus- oder Antisemitismuskeule“ auspacke, damit jemand „zur Persona non grata erklärt“ werde.

„Sich wie in diesem Fall möglichen Protesten einer Klientel, die im Zweifelsfall von Lisa Eckharts Arbeiten nichts kennt, im Vorhinein zu beugen ist beschämend und hat mit freiheitlicher Kultur nichts mehr zu tun“, führt Moritz weiter aus. Er freue sich nun umso mehr auf Lisa Eckharts Auftritt im Literaturhaus, „wenn sie ihren sehr lesenswerten Roman ‚Omama‘ vorstellen wird – um den nämlich geht es“.

Auch Dieter Nuhr nahm Stellung. Auf seiner Facebook-Seite bekräftigte Eckharts Kabarettkollege, dass der Künstlerin Antisemitismus „völlig fremd“ sei, die Anschuldigung sei „eine lächerliche Diffamierung“. Die Vorgänge in Hamburg bezeichnet er darüber hinaus als „Skandal“ – dass der „Protestmob auf der Straße“ darüber entscheide, wer hier bei uns seine Kunst ausüben darf“.

Kultursenator Brosda will mit Veranstaltern reden

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda sagte zur Causa Eckhart: „Die Kunst ist frei. Diese Freiheit haben auch Veranstalter, die ein künstlerisches Programm kuratieren und verantworten. Der Staat nimmt auch bei von ihm geförderten Veranstaltungen keinen Einfluss darauf, wer eine Bühne bekommt und wer nicht.

Zugleich aber müssen wir gesellschaftlich darauf achten, dass künstlerische Räume zum Beispiel durch Androhung von Gewalt nicht verengt werden. Wer das macht, schadet unmittelbar der Kunst und der Freiheit in unserer Gesellschaft. Dass im konkreten Fall dieser Eindruck entsteht, besorgt mich“. Er werde daher kurzfristig mit den Veranstaltern über die genauen Hintergründe ihrer Entscheidung reden.