Hamburg

Johann Scheerer über das Schreiben in Corona-Zeiten

| Lesedauer: 8 Minuten
Johann Scheerer in seinem Studio Clouds Hill Recordings

Johann Scheerer in seinem Studio Clouds Hill Recordings

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Tonstudiobetreiber und Autor Johann Scheerer arbeitet an seinem neuen Buch. Von einem, der viel unter einen Hut bekommen muss.

Hamburg.  Dies ist kein Sommer wie jeder andere. Er ist, gerade in der Kultur, einer des Missvergnügens. Es ist, pandemiebedingt, alles anders als sonst. Wobei man eines festhalten muss: Der Sommer ist grundsätzlich die Zeit des Jahres, in der so unterschiedliche Zustände wie „Sommerloch“, „Sommerfrische“, „Sommerinspiration“ und, auch das, „Sommeraction“ (Festivals!) fröhlich neben­einander existieren.

Einer, für den der Sommer immer schon so wenig vorhersehbar ist wie alle anderen Jahreszeiten, ist der Musikproduzent und Autor Johann Scheerer, um den es im folgenden gehen soll. Scheerer betreibt seit 2006 das, wie man in vordigitalen Zeiten noch selbstverständlicher sagte, „Plattenstudio“ Clouds Hill Recordings in Rothenburgsort. „Seit ich in Studios arbeite, versuche ich vergeblich herauszufinden, wann Musiker am liebsten Aufnahmen machen“, sagt der 37-Jährige. Scheerer ist bekannt geworden mit Arbeiten für Pete Doherty und At the Drive-In, er hat einen sehr guten Ruf gerade bei Künstlern aus Amerika und England.

Die kommen gerne nach Hamburg, weil sie hier günstiger arbeiten können als zu Hause. Aber sie kommen immer nur dann, wenn sie von der Muse geküsst sind. Und nie, wenn es dem Studio ganz gut passen würde. Scheerer erzählt, er habe „alles probiert“, etwa Rabatte im Januar und im Februar. Nichts half, Bands buchen sich dann ein, wenn sie sich einbuchen, man kann nichts planen. Das ist die Lehre aus mehr als zwei Jahrzehnten in der Branche.

Gerade war Scheerer „im Schreibexil“

Es gibt mehrere gute Gründe, in diesen Tagen mit Scheerer zu sprechen. In ihm kristallisieren sich der auf mehreren Gebieten tätige kreative Geist, der Kulturunternehmer in Zeiten der Krise und der im Familien- wie im Berufsleben geforderte moderne Mann. Scheerer reüssierte 2018 mit seinem literarischen Debüt „Wir sind dann wohl die Angehörigen“, in dem er die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma aus der Sicht eines Heranwachsenden beschrieb. Derzeit schreibt er am Nachfolger „Unheimlich nah“, der im Januar 2021 erscheinen soll und eine Adoleszenz mit Personenschutz in den Blick nimmt. Es wird um einen jungen Mann gehen, der zu Dates und auf Partys ging und dabei immer von allen unbemerkt von Bodyguards begleitet wurde. Ein ungewöhnlicher Stoff in jedem Fall.

Gerade war Scheerer „im Schreibexil“, wie er es nennt. Das sah aber, auch das hat mit Corona zu tun, schlicht so aus, dass er für sein jüngstes Kind einen Babysitter engagierte und dann im heimischen Wohnzimmer von 8 bis 16 Uhr am Manuskript arbeitete. Bevor das Gespräch zu dieser konzentrierten Klausur des Literarischen kommt, berichtet Scheerer noch ein paar Dinge aus dem Studioalltag anno 2020. Es sei ein Jahr gewesen, das so gut begonnen hätte wie noch nie, „und dann kam Corona“. Es gab, so Scheerer, „auch wenn das immer so dramatisch klingt, schlaflose Nächte – wegen meiner Mitarbeiter“.

Kurzarbeit musste dann doch nicht angemeldet werden, obwohl 80 Studiotage einfach so wegbrachen. Erst wollten die angloamerikanischen Kunden nicht mehr, dann durften sie nicht mehr kommen. Es waren tatsächlich, in diesem Zusammenhang beinah lustig, Die Ärzte, die Cloud Hills Recordings retteten. „Unsere Lifesaver“ nennt Scheerer sie. Dreieinhalb Monate arbeitete die Band in Hamburg an ihrem neuen Album. Gut für die Stimmung in Rothenburgsort; und die Bilanzen.

Coronavirus: Die Situation war und ist mies

Wenn Scheerer von der Negativ­dynamik der vergangenen Monate erzählt – Bands, die ihre Aufträge stornierten und Anzahlungen zurückerbaten oder ihre Studiozeit canceln mussten, weil sie die zweite Rate aufgrund fehlender Festivalauftritte nicht zahlen konnten –, wird deutlich, wie mies die Situation aufgrund der Corona-Krise war und ist. Scheerer weiß, dass sich das im Kulturbetrieb überall so darstellt. „Ich mag diese schlecht bezahlten Livestream-Geschichten nicht, die jeder erst mal machen musste“, sagt er, bestätigt auf Nachfrage, dass die Arbeit im Studio eh irre anstrengend sein kann („Man hat es mit Banddynamiken zu tun, muss Egos streicheln“) und Burn-outs durchaus vorkommen können – und spricht dann über die zweite Welt, in der er seit einiger Zeit auch zu Hause ist. Sie ist für ihn immer noch kurios. „Das Timing in der Literaturbranche ist ganz anders als in der Musikbranche“ sagte Scheerer.

Dort ist es normal, dass erst nach Fertigstellung eines Albums die PR-Maschine angeworfen, dass etwa überlegt wird, welche Single ausgekoppelt werden soll. Wie anders bei den Buchmachern. In den Vorschauen der Verlage werden nicht selten Bücher angekündigt und gepriesen, die es gar nicht gibt. „Ich bin halt noch nicht fertig“, sagt Scheerer. Es klingt nicht schuldbewusst, warum sollte es auch. Scheerer ist ein begabter Autor, und er spricht beinah mit Inbrunst vom Feilen am Text. Ein Kapitel wird umgestellt, eine einzige Formulierung gestrichen, normale Vorgänge bei der Produktion eines Schriftstellers. „Für den Schreibenden steht und fällt ein Text oft mit einem Satz“, sagt Scheerer.

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Aber die Sache mit der Künstlerexistenz sieht er unromantisch, um nicht zu sagen: bemerkenswert leidenschaftslos. Scheerer gibt zwar zu, dass er auch jetzt wie bei seinem Debüt gerne ein paar Tage verreist wäre, um in Ruhe schreiben zu können, „aber ich fand diesen Anspruch gerade von Männern, sich zurückzuziehen, um der Genialität freien Lauf zu lassen, immer schon nervig, das ist ein gelebtes Klischee.“ Man müsse sich halt zusammenreißen, „Schreiben ist auch nur ein Job.“ Was soll man sagen, außer: erfrischende Sichtweise. Scheerers Schreibklausur im Wohnzimmer als längst überfälliges Update des einsamen Poeten in der Dachkammer! Wer nun auf die Idee kommt, dem Jungautor Respektlosigkeit angesichts der hehren Sache der Literatur zu unterstellen, dem sei versichert, dass wichtig ist, was am Ende dabei herauskommt.

Überdies ist Scheerer gleich doppelt gegen dichter-und-denkerische Selbstinszenierungen gefeit. Der Mann trägt mit seinen Tattoos die Insignien des Rock ’n’ Roll. Er ist Familienvater, seit er 22 ist. Vier Kinder sind es mittlerweile. Wenn es um die Vereinbarung von Privat- und Berufsleben gehe, habe er diesen Vorteil: „Ich musste mir anders als diejenigen, die erst später Eltern werden, manche Freiheiten nie abgewöhnen.“

Der Unterschied zwischen dem bereits erschienenen und dem bald erscheinenden Buch

Was das neue Buch angeht, war es also eher nicht so, dass Scheerer eine feste Struktur hatte, einen Arbeitsplan. Seine Frau ist auch berufstätig. Man wirft sich dann zu, wer wann welche Vormittage braucht. Ist jedoch insgesamt dann schon besser, wenn Unvorhergesehenes wie ein Supervirus nicht dafür sorgt, dass der Kindergarten zuhat.

Es gibt übrigens, wie Scheerer erläutert, einen Unterschied zwischen dem bereits erschienenen und dem bald erscheinenden Buch. Wo beide gleichermaßen autobiografisch sind, folgt das Aufschreiben unterschiedlichen Voraussetzungen. Das Entführungsbuch sei fertig in seinem Kopf gewesen, ehe es zur Niederschrift kam, „das nächste trage ich noch mit mir herum, ich mache mir immer mal wieder neue Notizen in meinem Telefon.“

Es folgt ein kurzer Austausch über die Freiheit beim autobiografischen Schreiben (Scheerer: „Es ist nicht wahr, sondern wahrhaftig“), über Matthias Brandt und Karl Ove Knausgard. Johann Scheerer, der Studiobetreiber, Musiker, Schriftsteller und Erinnerer, ist ein facettenreicher Kulturschaffender, und er ist auch Leser.