Ausstellung in Lübeck

Günter Grass und seine große Fußball-Liebe

Günter Grass mit einem Fanschal seines Lieblingsvereins SC Freiburg.

Günter Grass mit einem Fanschal seines Lieblingsvereins SC Freiburg.

Foto: Franka Frey

Die Sonderausstellung in Lübeck zeigt, wie der Literatur-Nobelpreisträger Sport und Gesellschaft verknüpfte.

Lübeck. Alles war angerichtet für ein Frühjahr voller Vorfreude und einen spannenden Fußball-Sommer rund um die schönste Nebensache der Welt. Doch statt einer paneuropäischen EM mit Spielen in zwölf Ländern kam die Pandemie – und die Tore blieben verschlossen. Zumindest die zu einem großen Turnier wie der „Euro“ 2020.

Jene EM sollte mit Liveübertragungen von Länderspielen wie Deutschland – Frankreich nicht nur das Begleitprogramm im Günter-Grass-Haus bilden, die inzwischen ins Jahr 2021 verlegte Europameisterschaft ist auch Anlass für eine ungewöhnliche Sport-Sonderschau. In der Lübecker Altstadt rollt der Ball in diesem Sommer dennoch: Der Anpfiff im Museum folgte coronabedingt erst mit zwei Monaten Verspätung. Nicht nur, weil die Ausstellung jetzt in die Verlängerung bis Ende September geht, lohnt ein intensiver Blick ins Günter-Grass-Haus.

„Mein Fußball-Jahrhundert“ hat Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa („Ich war nur der Flankengeber“) die mit dem freischaffenden Kurator Philipp Bürger konzipierte Schau genannt, in Anlehnung an Grass’ Buch „Mein Jahrhundert“. In jenem Erzählband hatte der Literatur-Nobelpreisträger von 1999 zu jedem Jahr des 20. Jahrhunderts eine Kurzgeschichte verfasst, verbunden mit historischen Ereignissen, erzählt von immer neuen Ich-Erzählern aus allen Gesellschaftsschichten. Explizit drei Kapitel, die Jahre 1903, 1954 und 1974, thematisieren den Fußball. „Für mich war es spannend zu sehen, dass Grass mit dem Fußball Tendenzen und Entwicklungen der deutschen Gesellschaft beschrieben hat“, sagt Thomsa.

Grass kritisierte die Kommerzialisierung des Volkssports

Gewiss, das 2002 eröffnete Grass-Haus ist primär ein Forum für Literatur und bildende Kunst. Grass war zunächst Bildhauer, Maler und Grafiker, ehe er 1959 mit seinem Debütroman „Die Blechtrommel“ zu einem der deutschen Autoren der Nachkriegsliteratur wurde. Das im Vorjahr eigens nachgebaute Kolonialwarengeschäft aus der Verfilmung macht im Erdgeschoss als begehbarer Kaufmannsladen Grass’ Geburtsstadt Danzig der 1930er-Jahre buchstäblich greifbar.

In die Fußball-Welt des Jahrhundertromans eintauchen lässt sich indes im mit Kunstrasen ausgelegten Obergeschoss. Und die Jahre 1903 (mit dem ersten Endspiel um die deutsche Fußball-Meisterschaft), 1954 und 1974 bilden selbstredend drei der fünf thematischen Schwerpunkte, meist multimedial und anschaulich dokumentiert. In Grass’ Kapitel von 1954 mit dem „Wunder von Bern“ beim glücklichen 3:2-Sieg der Deutschen gegen Ungarn klagt der Erzähler über die verpasste Chance, die jeweiligen Stars Fritz Walter und Ferenc Puskas nicht gemeinsam vermarktet zu haben. Im Günter-Grass-Haus werden anhand von Werbepostkarten, Sektflaschen und Büchern immerhin Anfänge sichtbar, die ersten Schritte zur später von Grass oft kritisierten Kommerzialisierung des Volkssports.

Original-Ball vom WM-Finale 1954

1974 ist politisch besonders brisant: Hamburg, Volksparkstadion, 22. Juni, Sparwasser, 78. Minute. Gastgeber Bundesrepublik verliert im Gruppen-Endspiel sensationell 0:1 gegen die DDR. Grass hat diese Geschichte in „Mein Jahrhundert“ aus der Perspektive des wenige Wochen zuvor enttarnten Kanzleramtsspions Günter Guillaume erzählt, der das Spiel hin- und hergerissen in der Gefängniszelle sieht. Die ist im Museum nachgebaut. Dazu kommen Originaltrikots von Uli Hoeneß und seines DDR-Gegenspielers Hans-Jürgen Kreische.

Derlei Devotionalien bekommt ein kleines Museum wie das Günter-Grass-Haus nicht ohne Weiteres. Deshalb hat Museumsleiter Thomsa von Beginn an das Deutsche Fußball-Museum in Dortmund mit ins Spiel gebracht. Es hat außer Trikots und weiteren Erinnerungsstücken auch das wertvollste Relikt, den Original-Ball vom WM-Finale 1954, als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Anfassen verboten!

Kurioses und Persönliches

„Manche Herrschaften hatten Tränen in den Augen, als sie den Ball sahen“, erzählt Thomsa, der die Besucher an manchen Tagen schon mal unter Wahrung der Abstandsregeln draußen warten lassen musste, der Andrang war zu groß. Das Günter-Grass-Haus in Lübeck ist eben nur ein Kleinfeld verglichen mit dem Museum in der Fußball-Metropole Dortmund, lockt in diesem Sommer aber auch neue, eher literaturferne Besucherschichten an.

Dennoch ist Raum für Kurioses und Persönliches, auch Überraschendes aus Günter Grass’ Leben geblieben. In einer Vitrine etwa ist ein Briefwechsel des Literaten mit Sepp Herberger nachzulesen: Der bekennende Linke und langjährige SPD-Sympathisant Grass’ wollte den vormaligen Weltmeister-Trainer als Unterstützer von Willy Brandt im Bundestagswahlkampf 1969 gewinnen. Herberger, von dem durchaus bekannt war, dass er eine große Bibliothek besaß, lehnte Grass’ Ansinnen in verschwurbelten Sätzen ab.

Grass war ein leidenschaftlicher Fußball-Fan

37 Jahre später, bei der Heim-WM 2006, sang Grass die deutsche Nationalhymne als Stadionbesucher mit, sagte er in einem hier ausgestellten Interview der „Süddeutschen Zeitung“. „Hoffmann von Fallersleben hat den Text ja aus der Opposition heraus geschrieben“, begründete Grass. Und fügte hinzu: „Ich brauche für Patriotismus keinen Fußball.“

Grass, der bis zu seinem Tod 2015 etwa 25 Jahre in Behlendorf 20 Kilometer südlich von Lübeck gelebt hatte, war aber fast sein ganzes Leben lang ein leidenschaftlicher Fußball-Fan und durchaus ein Kenner von Hintergründen. Einmal sogar streifte der regelmäßige Stadiongänger und „Sportschau“-Zuschauer – auch das ist hier in Bild und Text dokumentiert – selbst das Trikot über: Für den TSV Wewelsfleth spielte er in der Altherren-Mannschaft gegen die Auswahl der dortigen Werft – passenderweise als Linksaußen. „Er hat danach drei Tage im Bett gelegen, alles tat weh“, erzählt Bruno Grass, heute Film- und Fernsehregisseur. Die Aussagen des jüngsten Grass-Sohnes sind ein Teil von Zeitzeugen-Interviews. Auch der langjährige Werder-Manager Willi Lemke und Volker Finke, Langzeit-Trainer des SC Freiburg, erinnern an Grass.

Unvergessen: Seine Benefiz-Lesung für den FC St. Pauli

Freiburg war – das Titelmotiv der Schau zeigt es – der Lieblingsclub des fußballaffinen Literaten mit einem Faible für kleine, gern auch mal rebellische Vereine. Und so ist auch Grass’ unvergessener Benefiz-Auftritt für den FC St. Pauli im Juni 2004 in Bild und in einem Arte-Film dokumentiert: Auf den Rasen geführt vom damaligen FC-Präsidenten Corny Littmann, liest Grass im Mittelkreis sitzend vor 2000 Zuhörern auf der alten Haupttribüne zweimal 45 Minuten aus „Mein Jahrhundert“ und weiteren Texten, unter seinem Lesetisch eine Wasser- und Rotweinflasche, hinter ihm das leuchtende Riesenrad des Hamburger Doms.

„Einen guten Literaten und einen erfolgreichen Trainer verbindet etwas“, hat Museumsleiter Thomsa erkannt. „Beide beherrschen ihr Handwerk.“ Möglichst verbunden mit einem Schuss Esprit, versteht sich. Ex-Nationalspieler und -Fernsehexperte Günter Netzer, längst Mitglied im Freundeskreis des Günter-Grass-Hauses, hat die überraschende Leidenschaft des Literaten aus Anlass dessen Todes so beschrieben: „Er war ein tiefsinniger Fußball-Fan. Der große Schriftsteller wurde fast wieder zum Kind, wenn er über Fußball sprach.“ Netzers Zitat ist in der Diele des Museums nachzulesen.

Im Garten steht übrigens ein Original-Tor des WM-Halbfinals von 2014 aus Belo Horizonte, das Deutschland mit 7:1 gegen Gastgeber Brasilien gewann. Mithilfe des Tores sollen Spenden für benachteiligte Kinder in dem südamerikanischen Land gesammelt werden. Das hätte Grass wohl gefallen.

Günter Grass: „Mein Fußball-Jahrhundert“ täglich 10.00–17.00, bis 30.9., Günter-Grass-Haus, Glockengießerstr. 21, 23552 Lübeck, T. 0451/122 42 30, Eintritt 8,- (Erw.), 2,50 (7 bis 18 J.), Kinder unter 6 J. frei; www.grass-haus.de