Rockalbum

AC/DCs „Back In Black“: Süßer die Höllenglocken nie klangen

| Lesedauer: 9 Minuten
Tino Lange
Brian Johnson, Cliff Williams, Angus Young, Simon Wright und Malcolm Young (v.l.n.r.) 1984.

Brian Johnson, Cliff Williams, Angus Young, Simon Wright und Malcolm Young (v.l.n.r.) 1984.

Foto: picture alliance

Vor 40 Jahren erschien das erfolgreichste Rockalbum der Geschichte – eine persönliche Hommage von Tino Lange.

Hamburg. Auch fünf Mark waren Anfang der 90er-Jahre eine Menge Geld, wenn man als Teenager kein anderes Einkommen hatte als das, was einen der Verkauf von weißem Pulver so einbrachte: Gloria Weizenmehl Type 405 räumte ich wöchentlich in die Regale eines Stadtrand-Supermarkts in Bargteheide. Eine Stunde Arbeit, zehn Mark Lohn. Und dann verprasste ich die Hälfte eines Wochensalärs beim Flohmarkt auf dem Supermarktparkplatz: Einen Heiermann, sprich fünf Mark verlangte einer der damals omnipräsenten Plattenhöker-Gauner, diese so arroganten wie allmächtigen Herren über Kartonberge voller schwarzem Vinylgold, abgetrennt durch Einschieber mit Edding-krakeligen Genrebeschreibungen und immer schlecht sortiert im Fach „Hard ’n’ Heavy“.

Aber er hatte sie. Abgegrabbelt, die Ecken verfisselt und zerknickt, die Seiten aufgerissen. Schwarze Schrift auf schwarzem Grund: AC/DC. „Back In Black“. Der Fünfer, das hässlichste Geldstück deutscher Münzgeschichte, wanderte in die gierig ausgestreckte Pratze des LP-Dealers, und „Back In Black“, oder was davon noch übrig war, wanderte in meinen Armee-Rucksack, der nicht minder erbarmungswürdig aussah wie der frisch erworbene Inhalt: die Ecken verfisselt, die Seiten aufgerissen, Edding-krakelige Bandlogo-Imitate. Scorpions. Metallica. Peter Maffay (was zum Geier?), AC Blitz DC. Mehr Platten hatte ich auch noch nicht.

Übersichtliche Plattensammlung

Von Peter Maffay hatte ich zwar alle, aber die gehörten bis auf zwei „Tabaluga“-Alben meinem alten Herren. Ansonsten waren da noch „Metallica“ von Metallica (das schwarze Album), „In Trance“ von den Scorpions (auch überwiegend schwarz mit einer barbusigen Blondine, die sich für Uli Jon Roths Gitarre interessiert) und das Livealbum „If You Want Blood“ von AC/DC (überwiegend schwarz, Angus Young erdolcht sich mit seiner Gitarre).

Das war meine noch übersichtliche Plattensammlung. Wie gesagt, das „Hard ’n’ Heavy“-Fach auf Flohmärkten war immer schlecht sortiert und neue Alben waren schlicht nicht bezahlbar. Gut versteckt in der Abseite des Dachboden-Jugendzimmers war noch das Debütalbum „Push“ von der Teenie-Band Bros, mein einziger Neukauf. 1988 getätigt, um die Mädchen in der Klasse zu beeindrucken. Sie waren nicht beeindruckt, die Lieder absolut unrockbar, die 19,99 Mark eine Fehlinvestition.

Über 50 Millionen Mal wurde „Back In Black“ verkauft

Die fünf Mark für „Back In Black“ waren übrigens nicht mein bis dahin bester Flohmarkt-Deal. Zu dem Preis hatte ich schon Limahls „Don’t Suppose“ erstanden – und in der Hülle steckte die Pic­ture-Disc von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, die ich für 25 Mark an Papa verscheuerte. Die Schwarze von AC/DC hingegen war nicht nur von außen ziemlich hinüber, was ich merkte, als das Glockengeläut am Anfang kein Ende nehmen wollte. Einer von vielen Kratzern, der hakte. Aber ein kleiner Schubs am Hebel, und es konnte losgehen: „I’m a rolling thunder, a pouring rain…“ Über das Album „Back In Black“, das vor 40 Jahren, am 25. Juli 1980, erschien, ist viel geschrieben worden: Längst alles bekannt und hier nur kurz erwähnt.

Nach sechs Alben und ersten großen Erfolgen ging Sänger Bon Scott am 19. Februar 1980 nach einer durchzechten Nacht auf den „Highway To Hell“ und starb. Zwei Monate lang suchten die Gitarrenbrüder Angus und Malcolm Young, Bassist Cliff Williams und Schlagzeuger Phil Rudd einen neuen Sänger und fanden ihn in Brian Johnson: Ein Arbeitstier, das am Mikro klang, als würde er mit einer Wunderkerze im Hintern mit den Fingernägeln über die Tafel kratzen, um die Angus Young in seiner Schuluniform herumtobte.

Sex, Saufen, Rock ’n’ Roll

In einer Mischung aus Ironie und morbider Hommage feierte die australische Band auf „Back In Black“ all das, was nicht nur Bon Scott den frühen Tod bescherte: Sex, Saufen, Rock ’n’ Roll. Die ganze Platte ist ein dunkles, monolithisches Denkmal des Mackertums, gespickt mit diversen eindeutigen („Let Me Put My Love Into You“) und zweideutigen („Givin The Dog A Bone“) Anspielungen, die ich damals aber nicht kapiert habe. Nicht einmal die eindeutigen. Heute sehe ich es als Zeitdokument und Sittengemälde des Rockgeschäfts der 70er und 80er. Die britische Musikkritikerin Kitty Empire brachte es mal im „Guardian“ auf den Punkt: „Die Gitarrensolos sind wie endlose Ströme von Ejakulat.“ Es ist trotz der mehr als fragwürdigen Inhalte ihre Lieblingsplatte, wohlgemerkt.

Und nach diesem … ähem … Knochen, den AC/DC der Welt damals hinhielt, schnappten Millionen. „Back In Black“ ist bis heute das erfolgreichste Rockalbum der Geschichte, mehr als 50 Millionen Mal wurde es weltweit abgesetzt. Nur Michael Jacksons „Thriller“ (überwiegend schwarz, Jackson im weißen Anzug) verkaufte sich besser. „Back In Black“ und „You Shook Me All Night Long“ gehören mit „Highway To Hell“ zu den Hardrock-Streaminghits.

Aber es waren nicht nur die tragische Vorgeschichte und die Phoenix-aus-der-Asche-Umstände, die die „Hells Bells“ der Kassen süßer klingen ließen, sondern auch die Songs. Hits wie „Back In Black“, „Hells Bells“, „Shoot To Thrill“, „You Shook Me All Night Long“ oder „Rock And Roll Ain’t Noise Pollution“ stehen für sich, aber auch „Have A Drink On Me“, „Let Me Put My Love Into You“, „Shake A Leg“, „Givin The Dog A Bone“ und „What Do You Do For Money Honey“ sind das Beste, was AC/DC bis heute aus den simplen, immer gleichen Zutaten gemacht hat. Bisschen Blues, bisschen Boogie, bisschen Hardrock, Buffta-Beat, fertig. Auf „Back In Black“ passte das alles perfekt zusammen.

Die besten Zeiten von AC/DC liegen schon sehr lange zurück

Einer, der zu wenig für diesen Meilenstein gewürdigt wird, ist übrigens Produzent Robert „Mutt“ Lange. Er veredelte die Alben „Highway To Hell“, „Back In Black“ und „For Those About To Rock (We Salute You)“ in für die Band nervtötender Detailverliebtheit mit perfektem, kompromisslosen Sound. Nachdem er gefeuert wurde, weil er sich aus Sicht der Musiker wohl zu wichtig nahm, kam kommerziell und kreativ nicht mehr viel. „The Razors Edge“ war 1990 noch eine sehr gute Platte, alle anderen waren schlimm („Fly On The Wall“) oder nettes Mittelmaß.

Spotify-Playlist:

Jetzt, sechs Jahre nach dem letzten Album „Rock Or Bust“, ist nur noch Angus Young übrig. Brian Johnson ist krank und wurde 2016 auf Tour von Axl Rose vertreten, Bandhirn Malcolm Young starb 2014, Phil Rudd stieg 2015, Cliff Williams 2016 aus. Nur um die Grundstruktur von „Back In Black“ hier zu verabschieden, in den Jahren seit der Gründung gab es wie bei fast jeder Hardrockband noch weitere Personalwechsel und -Comebacks. Aber Angus, Malcolm, Brian, Cliff und Phil waren eben damals auf meiner offensichtlich zerknitterten Hülle von „Back In Black“ zu sehen. Ich hörte das Album rauf und runter, jahrelang, und besonders Cliff Williams hatte es mir derart angetan, dass ich anfing, E-Bass zu spielen, mit den Songs von „Back In Black“ als Übungsvorlage. Das war auch nicht sonderlich schwer, kann man ja zugeben.

Erstes Konzert als Abendblatt-Praktikant war AC/DC auf der Trabrennbahn im Juli 2001

Vom ersten „Hells Bells“-Hänger an begleitete mich das Album durch das Leben. Ich spielte in diversen Amateurbands, in denen oft AC/DC-Songs gecovert wurden, am Millerntor wurde „Hells Bells“ Einlauflied und ich tanzte zu dem Song meine kürzeste Polonaise auf der Hochzeit eines Freundes (zwei Leute) und meine längste Polonaise (auf meiner eigenen Hochzeit, 60 Leute). Mein erstes Konzert als Abendblatt-Praktikant war AC/DC auf der Trabrennbahn im Juli 2001. Ich trage am liebsten Schwarz. Ich müsste eigentlich renommiertere Alben nennen, die prägten. Das weiße Album von den Beatles zum Beispiel.

Aber es war nun mal diese zerschlissene AC/DC-Platte, fürn Heiermann geschossen und mittlerweile ebenso verbummelt wie die später gekaufte CD-Version. Diese Geschichte erzählte ich auch der Plattenfirma Sony für ein Videospecial zum 40. Geburtstag von „Back In Black“, und wenige Tage später war – vielleicht aus Mitleid – eine brandneue, verschweißte Vinyl-LP von „Back In Black“ in der Post. Sie ist wieder da. Zurück in Schwarz.