Musik

Die Suche nach raren Noten, eine Herzensangelegenheit

Ein Leben für die Musik: Geigerin Marietta Kratz hat schon als Kind Herzchen auf Notenblätter von Lieblingsstücken gemalt.

Ein Leben für die Musik: Geigerin Marietta Kratz hat schon als Kind Herzchen auf Notenblätter von Lieblingsstücken gemalt.

Foto: Roland Magunia

Die NDR-Konzertmeisterin Marietta Kratz und der Mediziner Benno Ure spüren klassische Seltenheiten auf.

Hamburg. Mit Herzchen fing es an. Wenn Marietta Kratz, damals zwölf Jahre alt, und ihre Mutter Zeit hatten, machten sie einen Ausflug zu einer Musikalienhandlung und kauften Stapel antiquarischer Notenausgaben. Die spielten sie dann zu Hause durch, die Mutter am Klavier, die Tochter an der Geige. Und wenn ihnen eines besonders gefallen hatte, malte die Tochter ein Herzchen auf das Kopfblatt. In der Bildsprache der kleinen Kuratorin bedeutete das: lohnende Musik, für alle Beteiligten dankbar zu spielen.

Aus dem hochbegabten Kind ist eine hochdekorierte Geigerin geworden; seit 1989 ist Kratz stellvertretende Konzertmeisterin des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Der Entdeckergeist ist eine Konstante in ihrem Leben geblieben. Unter der Überschrift „Vergessene Noten“ bringt sie regelmäßig Werke von Komponisten zur Aufführung, deren Namen kaum jemand kennt. „Diese Lust am Forschen und Ausprobieren verselbständigt sich“, erzählt Kratz an einem Sommernachmittag in ihrer Wohnung im Gängeviertel, ganz nahe der Laeiszhalle. „Wir könnten mittlerweile zwei Leben mit dem füllen, was uns alles begegnet ist.“ Wir, das sind Kratz und ihr Mitstreiter, der Mediziner Benno Ure. Der nutzt auf seinen Reisen jede freie Minute, um in Antiquariaten nach Musik zu suchen.

Jetzt erscheinen Früchte dieser Leidenschaft im Druck. Im August kommt ein Band heraus mit Werken von Carl Wilhelm August Blum, Francis Thomé, Charles Stanford, Nikolai Ladukhin und – ihn kennt man vornehmlich als Lebensfreund des Schriftstellers Marcel Proust – Reynaldo Hahn. Sie heißen „Die Rose“, „Drei Intermezzi“ oder „An Chloris“, die Namen verraten schon die Zweckbestimmung: Es sind Stückchen von intimem Charakter für kammermusikalische Besetzungen, geschrieben für den Salon oder das bürgerliche Wohnzimmer.

Die Aufmachung des Hefts erinnert an ein Magazin

Die Aufmachung des Hefts mit Fotos und elegantem Layout erinnert an ein Magazin. Interviews und Texteinführungen rahmen die Werkauswahl ein, das Papier ist stabil, das Notenbild hervorragend lesbar und – wichtig fürs Umblättern – sorgfältig angeordnet.

Wer macht sich im Jahre 2020 noch eine solche Mühe? Wo sonst allenthalben vom Ende des Verlagswesens, der bürgerlichen Hausmusik, gar des gedruckten Werks schlechthin die Rede ist? Sollen die anderen klagen, der neugegründete Aurio Verlag fährt volle Kraft voraus. Ende April hat er für die Instrumente Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Klavier und Gitarre je einen Band mit einer Auswahl seltener Werke veröffentlicht, der zweite Schwung folgt ein Vierteljahr später. Der Inhalt wird jeweils von einem Musiker oder einer Musikerin kuratiert, unter den Mitwirkenden finden sich so klingende Namen wie Nicolas Altstaedt (Violoncello) oder Yaara Tal (Klavier).

„Inspirationsservice“ nennt der Verleger Sebastian Gabriel das Unterfangen selbstbewusst. Der Begriff passt, denn er bildet die Eckpunkte von Gabriels Idee ab, das Pragmatische ebenso wie den hohen Anspruch. „Das Stück muss gut spielbar sein, auf der Bühne funktionieren, gehaltvoll sein und schön klingen“, fasst Gabriel am Telefon seine Kriterien zusammen. „Wir sind kein Verlag, der avantgardistische Musik veröffentlicht!“

Niemand weiß, wie viel Musik je geschrieben wurde

Es spricht der Praktiker. Lange Jahre hat Gabriel sein Geld mit dem Schreiben von Ballettmusiken verdient. Die Verlagsidee hatte er vor ein paar Jahren schon mal und vergaß sie wieder. Vergangenen Sommer dann plante er ein CD-Programm mit einer Flötistin und brachte Nächte damit zu, papierene Noten durchzublättern und Musikarchive und Verlagsprogramme zu durchforsten.

Niemand weiß, wieviel Musik je geschrieben wurde, wie viele Noten vergriffen oder uneditiert sind, welche Manuskripte und Ausgaben in Schlössern und Klöstern, auf Dachböden und in unsortierten Nachlässen schlummern. Vieles findet sich zwar mittlerweile auf IMSLP, einer Datenbank, ohne die Musiker heute kaum noch ohne auskommen. International Music Score Library Project heißt sie mit vollem Namen. Jeder kann dort Noten hoch- und herunterladen, solange die Werke gemeinfrei, also nicht urheberrechtlich geschützt sind. Aber wer nichts Bestimmtes sucht, sondern sich freischweifend anregen lassen will, kommt angesichts einer knappen halben Million Stücke nicht weit.

„Ich hätte mir jemanden gewünscht, der mir die Werkrecherche abnimmt“, erzählt Gabriel von dem Moment im Sommer 2019, in dem ihm sein Geschäftsmodell plötzlich vor Augen stand. Er legte los, begeistert, aber systematisch.

Oft müssen die Stücke mit der Hand abgeschrieben werden

Durch Marktforschung fand er heraus, dass es sehr vielen Leuten so ging wie ihm: „Die haben keine Lust, vier Wochen vor IMSLP zu hocken.“ Für die ersten drei Jahre konnte Gabriel einen Investor gewinnen. Der Erfolg gibt ihm offenbar recht. Ab Oktober will er auf monatliche Erscheinungsweise umstellen, für alle sechs Instrumente wohlgemerkt. Er spricht von 70-Stunden-Wochen, und in seiner Stimme halten sich Stolz und Staunen die Waage, als er sagt: „Wir verkaufen nach Australien, Großbritannien, Frankreich, Spanien. Nur die USA lassen sich noch bitten, aber die haben gerade andere Probleme.“

Seine Zielgruppe kennt er genau. Sie besteht überwiegend aus ambitionierten Liebhabermusikern und Instrumentallehrern. „Die brauchen mittelschweres, dankbares Repertoire“, sagt er. „Es gibt natürlich die Standards, die jeder spielen muss. Wir liefern Ideen, was es außerhalb des Kanons noch gibt.“

Für die Recherche arbeitet Gabriel mit Musikwissenschaftlern zusammen

Für die Recherche arbeitet Gabriel mit Musikwissenschaftlern zusammen. „Wir gehen auch in Archive und schreiben Stücke mit der Hand ab. Die dürfen nämlich oft nicht fotografiert oder kopiert werden.“ Mittlerweile kann er sich kaum retten vor Empfehlungen von den vielen Trüffelsuchern, die in der Welt der vergessenen Klänge unterwegs sind. Bewerten, auswählen, kombinieren, für diese wichtigen Aufgaben hat er die Kuratoren. Und die haben wiederum ihre eigenen Quellen.

In den Konzertsälen setzen sich Raritäten oft nur langsam durch. Die Veranstalter seien im Zweifel eher für vertrautes Repertoire, ist Gabriels Erfahrung. Aber echte Entdecker lassen sich davon nicht abhalten. Marietta Kratz hat für die Freunde des NDR Elbphilharmonie Orchesters ein besonderes Konzertprogramm herausgesucht, das im Herbst zur Aufführung kommen wird: „Ich suche instinktiv nach der Geschichte, die die Noten erzählen“, beschreibt sie ihren Leitfaden. Zu der berühmten d-Moll-Violinsonate von Johannes Brahms und den selten gespielten „Romantischen Stücken“ von Antonín Dvorák gruppiert sie Werke von Leon Orthel, Leone Sinigaglia und Henk Badings, die eher unter die Rubrik „Geheimtipp“ fallen dürften, jedes ein Kandidat für Gabriels Reihe.

Als Kind hätte Marietta Kratz ihnen Herzchen verliehen. In Gedanken tut sie das heute noch.