Pandemie

„Wuhan Diary“: Ungeschöntes Protokoll des Corona-Ausbruchs

| Lesedauer: 7 Minuten
Fang Fang schrieb im Internet ihr „Wuhan Diary“. Als Buch erscheint es in China derzeit nicht.

Fang Fang schrieb im Internet ihr „Wuhan Diary“. Als Buch erscheint es in China derzeit nicht.

Foto: Hoffmann und Campe

Die bekannte chinesische Schriftstellerin Fang Fang zeichnete in einem Internettagebuch den Beginn der Pandemie auf.

Hamburg.  Eine der grundlegenden Eigenschaften der Corona-Krise ist die Gemeinsamkeit des Erlebens. Weltweit Unsicherheit, Sorge, Aufregung, Angst, Geschäftigkeit. Die Pandemie ist eine Pandemie, weil sie überall ist. Aber eben, zumindest was ihre Wirkkraft angeht, nicht überall gleichzeitig. Ein weiteres Merkmal des gegenwärtigen und von einem Virus hervorgerufenen Ausnahmezustands ist die Flüchtigkeit der Eindrücke.

Und deshalb fällt bei diesem „Wuhan Diary“ noch einmal nachdrücklich auf, dass anderswo längst nie Dagewesenes geschah, während bei uns noch fast niemand so recht glauben wollte, was dann eben doch zumindest ansatzweise eintreten sollte. Und dann fällt auf, wie lange der Höhepunkt der Krise her zu sein scheint. Man liest das „Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ also zwar mit einer Mischung aus Erkennen und Erstaunen, aber auch mit dem Gefühl, dass der Einbruch des völlig Unerwarteten mittlerweile längst wieder von der althergebrachten (Beinahe-)Normalität abgelöst worden ist.

Es ist ein Protokoll der äußeren und inneren Zustände

So viel zu den vermutlich eher nebensächlichen Empfindungen, die sich bei der Lektüre einstellen. Alles andere ist unbedingt interessant und in der Gedrängtheit des Erlebens wahrscheinlich einmalig: Wie war es, in einer abgesperrten Millionenmetropole für 76 Tage praktisch ausschließlich in den eigenen vier Wänden zu leben? Die vor allem in ihrer Heimat bekannte chinesische Schriftstellerin Fang Fang legte davon in einem Internettagebuch sozusagen „live“ Zeugnis ab. Vom 25. Januar bis zum 24. März veröffentlichte die 1955 geborene und seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan lebende Autorin ein tägliches Protokoll der äußeren Geschehnisse und inneren Zustände. Es kam vom frühen Zentrum des pandemischen Geschehens, dem Ort, von dem aus sich das neuartige Coronavirus in die Welt verbreitete. Wuhan war also gleichzeitig Ausgangspunkt der Krise und aufgrund der Kompromisslosigkeit der chinesischen Regierung auch der Endpunkt aller behördlichen Maßnahmen.

So ist „Wuhan Diary“ automatisch ein unvergleichliches Zeugnis aktueller Vorgänge – die im Hinblick auf die nur kursorisch bekannte chinesische Lebenswirklichkeit zusätzliche Erkenntnisse bringt. Fang Fang schreibt unverstellt und kritisch über all das, was sie an leibhaftigen Erlebnissen, vor allem jedoch aus Netz-Nachrichten, Kommunikation mit der Verwandtschaft, dem Freundeskreis und der Nachbarschaft, aus ihren Recherchegesprächen vor allem mit Ärzten zusammentragen konnte.

Was dabei herauskommt, ist eine Collage der Furcht und des Unwissens einerseits, eine subjektive, aber auf so viele übertragbare Selbstbeschau der plötzlichen Isolation; und andererseits ein Protokoll einer gigantischen Vertuschung und des nachfolgenden gewaltigen Behördenversagens in der Provinz Hubei. Die von den Autoritäten verbreitete Falschaussage, dass sich das Virus nicht von Mensch zu Mensch übertrage, bildet dabei den häufig wiederholten Kern ihrer Anklage. Als Leserinnen und Leser der westlichen Welt wird man im Hinblick auf längst getroffene Urteile bezüglich des Riesenreichs China reichlich bedient; Fang Fang nimmt kein Blatt vor den Mund und berichtet von anderen im Übrigen sonst linientreuen Bürgern, die mit dem Wüten der Seuche ihren unverbrüchlichen Glauben an die Mächtigen einstweilen verlieren.

Aufleben von Solidarität und Hilfsbereitschaft

Fang Fangs unverblümte Kritik durfte so natürlich nicht stehen bleiben. Bis zu 100 Millionen Leser soll ihr Tagebuch gehabt haben. Man glaubt das gerne, denn näher bei den Menschen, authentischer und auf das Erleben aller zielender kann ein jeden Tag aufs Neue fortgesetzter Text nicht sein. Es geht um völlig veränderte Lebensumstände, einen stark reglementierten Alltag, um Krankheit und Tod, es geht um ein Aufleben von Solidarität und Hilfsbereitschaft.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Und eben um die Wut der Menschen. Weshalb die Zensur, ein Pfeiler dieses von Grund auf undemokratischen Landes immer wieder zuschlug. Auf Chinesisch wird das „Wuhan Diary“ vielleicht nie erscheinen, und dennoch war Fang Fang, wie sie in ihren Einträgen berichtet, immer wieder überrascht, wie viele ihrer Einträge tatsächlich öffentlich blieben. Ein Fall von Einsicht bei den Herrschenden, die so schlau waren, die Notwendigkeit der kollektiven Trostreichung anzuerkennen, die Fangs Texte eben auch darstellten? Andererseits wurde die Autorin spätestens, als auch das Ausland auf Fang Fang aufmerksam und die schlimme Rolle, die China bei der Verbreitung des Virus spielte, von den publizistischen Parteiorganen der Kommunisten als Verräterin verunglimpft.

Dass sie oft von Anfeindungen berichten muss, die bis zu Todesdrohungen reichen, bezeugt das Brodeln in der chinesischen Gesellschaft. Dort treffen humanistisch geprägte Intellektuelle wie Fang Fang auf Betonnationalisten, die Frauen wie sie für Nestbeschmutzer halten. Fang Fang zahlt ihnen manches verbal heim: Das Internet ist ein Ort der direkten Konfrontation, an dem man sich zumindest digital schnell wehren kann. Weil viele Menschen krank werden und sterben, weil das eigene potenzielle Betroffensein stets greifbar ist, dürfte der weit überwiegende Teil der chinesischen Bevölkerung auf ihrer Seite gewesen sein.

Gute und böse Seiten des menschlichen Wesens

„In extremen Zeiten treten die guten und bösen Seiten des menschlichen Wesens unverhüllt hervor“, schreibt Fang Fang einmal. Ein Satz, den man so oder so ähnlich übrigens auch hierzulande seit März – also seit sich die Leute in Supermärkten um Klopapier und Nudeln kloppten – nicht selten hörte. Die Bedeutung von Fang Fangs Aufzeichnungen können nicht hoch genug veranschlagt werden. Sie sind ein historisches Dokument (und von ihnen wird es hinsichtlich der Corona-Krise noch viele geben, klar), in dem die Ausbreitung des Virus, der Kampf gegen das Virus und dann dessen erfolgreiche Eindämmung festgehalten werden.

Vor allem waren sie, als sie erschienen, der mutige Aufschrei einer Einzelnen, der verhinderte, dass die Menschen dem ungehinderten Treiben der Behörden hilflos ausgesetzt blieben. Fang Fang übte Druck aus, sie stellte früh die richtigen Fragen. Und sie, die Unbestechliche, informierte die Menschen über den Stand der Dinge. Gerade in Wuhan, wo in China die weitaus meisten Menschen an Covid-19 starben (offiziell mehr als 4000), war das enorm wichtig.

Literarisch ist das Tagebuch nicht, im Gegenteil gehorcht es den Gesetzen des textlichen Livestreams; seine Ziellosigkeit spiegelt den Ausnahmezustand, in dem wenig gewiss ist.