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Was wäre, wenn Syrer auf den Mars auswandern würden?

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Vera Fengler
In der Ausstellung "Syria 2087. Fossilien der Zukunft"  im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg ist auch dieses Objekt von Anna Banout zu sehen.

In der Ausstellung "Syria 2087. Fossilien der Zukunft" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg ist auch dieses Objekt von Anna Banout zu sehen.

Foto: Kinga Budnik/Anna Banout

Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zeigt in der Ausstellung „Syria 2087“ Werke der Künstlerin Anna Banout.

Hamburg.  Als Muhammed Faris, der erste arabische Astronaut, im Jahr 1987 zur Raumstation „Mir“ aufbrach, war das für den Syrer ein riesiger Schritt. Und für sein Heimatland erst recht. Wie wäre es nun, wenn die von Krieg, Vertreibung und Zerstörung gebeutelte Nation 100 Jahre später auf den Mars auswandern würde? Diese Frage stellt Anna Banout, eine junge polnisch-syrische Künstlerin, in ihrer ersten Einzelausstellung „Syria 2087. Fossilien der Zukunft“.

Das Museum für Kunst und Gewerbe hat innerhalb seiner Islam-Abteilung einen Flur für zeitgenössisches Design reserviert. Diesen bespielt nun Anna Banout mit einem Projekt, das 2017 begann und in Zukunft fortgesetzt werden soll. „Zwei Ausgangspunkte hat diese Ausstellung: Zum einen thematisiert sie, was mit einer Kultur, ihren Riten und Traditionen passiert, wenn ein Land zerstört wird“, erklärt Tobias Mörike, Leiter der Islam-Sammlung. „Zum anderen versucht die Künstlerin, dieses Gut in Form von Objekten in die Zukunft zu führen.“

Künstlerin: Was, wenn Syrer auf Mars auswandern?

Nach einer filmischen Einleitung mit Originaldokumenten über die damalige Raumfahrtmission führt die Schau ins Atelier der 27 Jahre alten Künstlerin: Wir sehen, wie Anna Banout mit den verschiedensten Materialien arbeitet, um die Ästhetik des Alltags nachzubilden; Keramik an einer Drehscheibe formt, Metall schneidet, Harz gießt.

Sammlungsstücke des Museums und Originalrelikte dienen lediglich als Vorbilder; sämtliche Objekte für die Ausstellung werden von ihr geformt und umgedeutet. In einer Vitrine etwa ist ein Trichter ausgestellt. Er wird auf den Märkten für das Schöpfen von Gewürzen verwendet, lässt aber zugleich an ein Sonnenschild der „Voyager“-Raumfähre denken. Banouts Vasen aus schwarzem Basalt imitieren das Vulkangestein nahe Damaskus – sie könnten aber ebenso gut vom Mars stammen.

Oder ein Brotstempel: Dieser wird zur Kennzeichnung der jeweiligen Brote benutzt, wenn mehrere Menschen denselben Backofen benutzen. Er erinnert aber auch an das traditionelle Augenamulett, ein Schmuckstück, das auf der roten Liste des Landes steht und als quasi verschwunden gilt. In einer Fotocollage taucht das Symbol wieder auf – direkt daneben glotzt einen E.T., der Außerirdische, aus ebenso großen Augen an. Diese als spekulatives Design bezeichnete Kunstrichtung hat stets die Simultanität im Blick. Sie gibt Denkanstöße und regt zur Diskussion an.

Mars besiedeln versus Kriege auf der Erde

Für eine andere Arbeit hat Anna Banout mit Keilschrift die Koordinaten des auf dem Mars befindlichen „Syria Planum“ auf einen Stein geritzt. Diesen Namen erhielt das Areal vom ersten Marskartografen, dem Astronomen Giovanni Schiaparelli. Dieser übertrug 1877 die Geografie der griechischen Sage von Homer auf den „Roten Planeten“. Anna Banout fand heraus, dass im selben Jahr ein Asteroid über Syrien abstürzte. Für die Künstlerin kein Zufall. Das „Syria Planum“ erinnert sie an die Wüstenlandschaft ihrer väterlichen Heimat.

Wie kann der Mensch den technischen Fortschritt so ehrgeizig vorantreiben, um etwa den Mars zu besiedeln, und dabei gleichzeitig in Kauf nehmen, dass ganze Länder mitsamt Bewohnern und Kultur dem Erdboden gleichgemacht werden? Diese Absurdität scheint in „Syria 2087“ immer wieder durch.