Kultur im Internet

Streaming als Ausweg aus der Krise der Kultur

Das Haus ist zu, schon klar. Aber es gibt Online-Angebote der Elbphilharmonie.

Das Haus ist zu, schon klar. Aber es gibt Online-Angebote der Elbphilharmonie.

Foto: Elbphilharmonie

In seinem Buch „World Wide Wunderkammer“ denkt der Musikjournalist Holger Noltze über neue und zusätzliche Wege zur Kultur nach.

Hamburg. Theater, Konzertsäle, Opern, Clubs – alles geschlossen. Doch das Internet ist täglich 24 Stunden online, das kulturelle Leben spielt und bildet sich dort nun noch verwirrender und qualitativ unterschiedlicher ab, als es vor Corona der Fall war. Wie mit dieser Situation umgehen? Was lohnt sich dauerhaft, was versendet sich? Welche Formate machen Sinn, wo liegt die Zukunft? Der Musikjournalist Holger Noltze hat sich in seinem neuen Buch „World Wide Wunderkammer“ mit den Möglichkeiten und den Herausforderungen dieser „ästhetischen Erfahrungen“ beschäftigt.

Hamburger Abendblatt: Womöglich war das Buch als Theorieschrift gedacht – nun wurde es schlimmstmöglich von der Pandemie-Wirklichkeit überholt. Praktisch passiert: Alle streamen gerade fast alles. Und keiner weiß so ganz genau, ob das richtig ist.

Holger Noltze: Das ist so. Aber das Internet ist auch eine große Chance. Die alten Hochkulturverwalter haben immer auch ein bisschen daran vorbeigeschaut, das können sie jetzt nicht, es gibt nur noch die digitale Bühne. Jetzt sehen wir viel Überraschung, viele erste Versuche, viel Käse. Danach werden sich Fragen nach der Qualität, technisch und künstlerisch, und nach Bezahlmodellen stellen. Ich bin eher optimistisch, dass das einen Schub auslöst.

Momentan sind diese Streams vor allem SOS-Signale.

Noltze: Stimmt. Bei manchem, siehe Lindenoper in Berlin, wird getan, als sei das der Spielplan und man versendet Konserven. Oder man zeigt Dinge, die technisch nicht gut sind. Aber es gibt auch anderes. Jetzt geht es darum, etwas entschieden zu produzieren und nicht nur nebenbei. Wir sehen jetzt, was das Internet noch können könnte.

Überfordert diese Präsentationsform nicht die Künstler? Ein nach außen so verschlossen wirkender Solitär wie Sokolov weiß vielleicht, was ein Smartphone ist. Ein Maler sagt, er will aber nicht vor eine Kamera. Ein Musiker findet, er hat mit dem Üben und Spielen schon genug zu tun, der will sich nicht auch noch präsentieren…

Noltze: Es gibt Künstler, die Sorge vor Fehlern haben, was ein interessanter Punkt ist. Andere haben einen generellen Vorbehalt gegen dieses Medium, die wird man nicht überzeugen können. Aber gerade bei den Jüngeren gibt es viele, die Digitales als Chance sehen.

Wie soll die „ästhetische Erfahrung“ einer Ausstellung auf einem kleinen Smartphone-Bildschirm funktionieren, womöglich auch noch morgens auf dem Weg zur Arbeit in der Bahn?

Noltze: Niemand hindert einen daran, sich das zuhause anzusehen. Natürlich ist das auratische Erlebnis eines Originals im Museum so wenig austauschbar wie das Erlebnis eines Live-Konzerts. Aber: Niemand sagt, dass Digital besser ist. Ich kann jetzt so viel in hoher Auflösung sehen oder hören, das kommt live schon sehr nah. Was die Klassik betrifft: Ich sehe Dirigenten auch sehr gern mal von vorn. Andris Nelsons zu erleben, wie er mit kindlicher Freude die Wiener Philharmoniker durch eine Partitur führt, das ist eine Dimension, die mir kostbar ist. Und jetzt kommt der Dreh: Warum entweder oder?

Ja schon, aber es ist doch so viel…

Noltze: Künftig wird nicht mehr die Frage sein, ob alles vorrätig ist, sondern: Was soll ich mir vornehmen? Was ist interessant für mich? Da kommt Kuratierung ins Spiel, Kontextualisierung, Vermittlung, im guten Sinne.

Ist dann ein Kurator in der Online-Welt, der für seine Zielgruppe das Gute vom Lahmen trennt, nicht nur ein digitalisierter Großkritiker alter Schule, ein Joachim Kaiser oder Eduard Hanslick 3.0?

Noltze: Junge Musikjournalisten, wie ich sie an der TU Dortmund ausbilde, wissen auch, wie man mit der Technik umgeht. Kompetenz entweder beim Inhalt oder beim Umfang mit der Form, darum geht es nicht. Sie suchen aus der Überfülle der Dinge diejenigen, die es wert sind, und versuchen es zu begründen.

Kulturvermittlung ist also wichtiger als die bloße Kulturlieferung, die ich für 10 Euro im Monat bei den großen Anbietern buchen kann?

Noltze: Mein Bild wäre: freundliche Begleitung.

Im Buch findet sich als Handlungsvorschlag die Formulierung: „Staunenkönnen als Treibstoff zum Verstehenwollen.“ Das Zurücklehnen der Nutzer vor dem Bildschirm, das bloße Abwarten von möglichst einfacher Wissensbetankung wäre also zu einfach?

Noltze: Man muss auf der Rezeptionsseite schon ein bisschen investieren, wenn man belohnt werden möchte. Aber ich habe, auch in meinem Buch über die „Leichtigkeitslüge“ in der Klassik, nie gesagt: Nur wenn es anstrengend ist, ist es große Kunst. Das ist 19. Jahrhundert, eine Sicht auf die Dinge, die nicht meine ist. Doch es darf manchmal anstrengend sein.

Relativ früh im Text wird auch behauptet, wir seien momentan alle noch „digital doof“. Als Startblock ins Internet der Kultur ist das suboptimal.

Noltze: Vielleicht sind wir aber durch die Zeit, in der wir uns gerade befinden, schon etwas weniger doof. Wir – die Kulturmenschen – überlassen das Feld zu schnell den medialen Bescheidwissern, die immer erklären, wie man garantiert sofort Erfolg im Netz hat. Beim Umgang mit Inhalten ist mehr Einfallsreichtum gefragt; auch mehr, als ich bisher habe. Ich probiere es, auch auf einer Video-Streaming-Plattform wie takt1, weil ich dieses Format für ein interessantes Element halte.

Beim Aufbau von Präsenz gibt es allerdings eine First und eine Economy Class: Dem großen staatlich subventionierten Museum fällt es viel leichter, für gutes Geld eine gute Internet-Seite konstruieren zu lassen, als dem solo-selbstständigen Künstler, der sich das alles vom Kontostand absparen muss.

Noltze: Deshalb finde ich den „Ich mach jetzt mein eigenes Ding“-Versuch der Geigerin Julia Fischer heroisch. Das kann auch begrenzt erfolgreich sein. Aber wenn ich auch noch Abos für alle abschließen würde, die ich außer Julia Fischer interessant fände – da würde ich ja wahnsinnig. Deswegen bleibt es wohl bei den Plattformen. Und es bleibt die Frage nach der Ökonomie jenseits der öffentlich-rechtlichen Player, der großen Institutionen. Wie smart beispielsweise das Frankfurter Städel Museum seine Kunst präsentiert, ist toll. Doch jetzt kommen ja auch neue Anbieter. Eine einfache Rechnung: Das Internet geht nicht mehr weg. Und klassische Musik, das wollen wir doch hoffen, geht auch nicht mehr weg. Wenn wir sehen, wie viel im Audio-Streaming umgesetzt wird, und im Vergleich dazu das Video-Streaming, dann ist das ein krasses Missverhältnis. Da tut sich global ein Markt auf, der endlich einen neuen Kuchen bringt, für Musiker am Ende der Reihe – wenn man es so vermarktet, dass auch Geld dabei rauskommt. Dann bin ich, wenn es weltweit zwei Prozent Klassik-Interessenten sind, bei ganz anderen Größenordnungen als dem, was man jetzt noch traurigerweise bei CD-Verkäufen sieht.

Und wenn alles ideal läuft, haben sich die realen Kultur-Institutionen selbst abgeschafft, weil alle bequem zuhause bleiben und das Streaming-Sortiment viel effektiver und lehrreicher…

Noltze: Quatsch. Wir sehen gerade doch genau das Gegenteil. Wir sehen, dass der Hunger nach Live jetzt wächst. Jetzt wissen wir wieder, was Hunger ist! Wir waren ja überfüttert. Wenn die erste Begegnung mit Musik im Netz, die gerade viele machen, eine gute Erfahrung war, wird man sie wiederholen. Und wenn die Menschen mehr Musik hören, ist die Welt nicht schlechter.

Holger Noltze „World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.“ Edition Körber, 256 S., 20 Euro