Musik

„Soundlotsen“: Eine Hommage an Hamburger Tonstudios

| Lesedauer: 6 Minuten
Tino Lange
Wenn nichts mehr geht, hilft Klebeband: Frank Spilker in seinem „Die Sterne“-Studio  in Altona.

Wenn nichts mehr geht, hilft Klebeband: Frank Spilker in seinem „Die Sterne“-Studio in Altona.

Foto: Thomas Duffé/Soundlotsen

Relikte der analogen Welt? Sicher nicht: Das Buch huldigt Hamburger Aufnahme-Handwerkern und ihren Arbeitsumgebungen.

Hamburg.  „Nennen Sie ein berühmtes Tonstudio“ wäre eine Preisfrage, die zum Scheitern einlädt. Die Abbey Road Studios in London sind wahrscheinlich dank der Beatles die Einzigen, die allgemein geläufig sein dürften. Dabei sind Studios magische Orte, an denen Hits, Klassiker und Lieblingsmelodien entstehen. Produzenten und Toningenieure veredeln (oder ertragen) dort die Ideen der Stars, finden den entscheidenden Kniff – und verhindern dann und wann auch gerade so eben noch das hörbar Schlimmste. Egal ob die Amateur-Punkkapelle ihre mit Dosenpfand finanzierten zwei gemieteten Stunden dazu nutzt, um in einem Zug ihr Demo einzuholzen, oder ein arenafüllender Elektrokomponist wochenlang an einem einzigen Beat herumschraubt.

Auch in Hamburg wird seit Jahrzehnten in vielen Tonstudios gespielt, gemixt, gemastert, gesungen, geflucht, gelötet und (Durst) gelöscht. 16 dieser besonderen Orte und die ebenso besonderen Menschen hinter den Türen haben die Autoren Sascha Krüger und Thomas Soltau mit Fotograf Thomas Duffé für ihr Buch „Soundlotsen“ besucht – als Hommage an jene, die in den Begleitheften der Alben berühmter Bands kleingedruckt auf der vorletzten Seite stehen. Im Streamingzeitalter ist das sogar noch der hinterhinterletzte Ort, um dem normalen Musikkonsumierenden irgendwie aufzufallen.

Rapper bedrohte Toningenieur mit einer Waffe

Dafür haben Boogie Park Studios, Clouds Hill Studios, German Wahnsinn, Chefrock Studios oder Gaga Studio unter Musikerinnen und Musikern auch international Rang und Namen. Mariah Carey, Robbie Williams, P. Diddy, Lil’Kim, Udo Lindenberg, Peter Maffay, Beginner, Marteria und viele weitere Referenzen ziehen sich wie ein schillerndes Band durch die „Soundlotsen“, aber nur im Hintergrund, vorne stehen hier die Handwerker, wie es Beatles-Produzent George Martin mal sagte: „Musik ist Kunst. Klang ist Konstruktion“. Einer dieser Konstrukteure ist Marc-Dieter Einstmann, Geschäftsführer von Einstmann Mastering mit Studios in New York und Barmbek-Süd gleich neben den Yeah! Yeah! Yeah! Studios.

Sein Werdegang vom Musiker bis zum Mastering-Mastermind durchlief ungezählte Stationen und Städte, er lernte mit Auszeichnung am selben Berklee College of Music wie Quincy Jones, an der Wand hängt eine Platin-Platte von Mary J. Blige – aber am Ende ist er doch nur der Ingenieur Marc-Dieter, der von einem Rapper nach einem belanglosen Fehler unter wüsten Drohungen eine Knarre an den Kopf gehalten bekam: „Mit Hip-Hoppern in einem Raum zu arbeiten, ist wie ein Griff in die Wundertüte.“

Linda Gerdes ist eine der wenigen Frauen in dem Metier

Mit verbalen Fehlgriffen ganz anderer Art hat Linda Gerdes zu kämpfen. Die Toningenieurin in den Clouds Hill Studios in Rothenburgsort hat als eine der ganz wenigen Frauen in diesem Metier ihren Kindheitstraum verwirklicht und beherrscht ihr Hand- und Kopfwerk in all seinen unzähligen Facetten, vom Kabelgebastel mit Zange und Lötkolben bis zur nerdigen Frickelarbeit modernster Audio-Computertechnologie. Trotzdem bestellen nicht wenige Musiker beim ersten Besuch im Clouds Hill bei ihr erst mal Kaffee: „Du wirst überbezahlt dafür, dass du mit deinem Haar herumspielst“, sagte ihr einer. Der allgegenwärtige Sexismus in der Musikbranche ist im Audio-Engineering noch ausgeprägter, die Männerbastion in diesem hochtechnisierten Berufsfeld noch besser ausgebaut. Für Gerdes heißt es jeden Tag aufs Neue: „Durchbeißen, machen, viel Eigeninitiative zeigen.“

Die Zeiten sind generell schwerer geworden für die Studios, so unterschiedlich sie auch sind. Vom hellen Loft, vollgepackt mit modernstem digitalen Technikspielzeug bis zur tageslichtlosen Teppichwüste, wo jahrzehntealte analoge Soundrelikte die Regalböden durchbiegen. Viele Musiker richten sich mittlerweile ihre eigenen Klangateliers ein, so wie Frank Spilker mit seinem „Die Sterne“-Studio. Für immer mehr Songschreiberinnen, Rapper und DJs scheint sogar nur noch das eigene Laptop zu reichen.

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Sogar die renommierten Boogie Park Studios in Ottensen, einst Kreativraum von Udo Lindenberg und den Beginnern, warteten vor einigen Jahren auf die letzte Ölung durch das Fett aus herumliegenden Pizzakartons, die Krümel weggeschnippter Joints und die Knoten gammeliger Kabelsalate. Als Alex Henke die Studios mit mehreren Partnern 2015 kaufen wollte, wusste er, dass sie sich viel Geld, sehr viel Geld leihen müssten: „Die Bude war komplett fertig“. Neu aufgebaut, wird hier jetzt einer Helene Fischer und anderen ein zweites dauerhaftes Wohnzimmer geboten, vom Ghost-Songwriting bis zur Endproduktion. Kurzzeitige Vermietungen sind nicht mehr das Kerngeschäft, das sei laut Henke nur noch ein Rest vom früher mal großen, für alle reichenden Kuchen. Jetzt balgen sich alle um den „letzten verbliebenen Muffin“. Durchbeißen. Machen. Viel Eigeninitiative zeigen.

Im Hafenklang-Studio experimentierten die Legenden

Auch das Hafenklang-Studio, über 40 Jahre lang ein kleiner Verschlag an der Großen Elbstraße und radikaler Expe­rimentierraum für die Einstürzenden Neubauten, Xmal Deutschland und Abwärts, drehte mit der Zeit akustisch leiser mit Gästen wie Ina Müller und Niels Frevert, um über die Runden zu kommen. Dennoch wurde kurz vor Drucklegung von „Soundlotsen“ der Mietvertrag aus Eigenbedarf gekündigt. Aber mittlerweile ist das Hafenklang Studio im Gebäude von Clouds Hill untergekommen. Das liegt auch an der Elbe, und so hat die noch in den alten Räumlichkeiten aufgenommene Songzeile von Bernd Begemann immer noch Bestand: „Wenn du Hilfe brauchst, weil du ohne einen Freund bist, dann weißt du, wo du mich findest: Unten am Fluss, unten am Hafen, wo die großen Schiffe schlafen.“