Coronavirus

Kultursenator: „Man braucht auch mal zehn Minuten Auszeit“

Kultursenator Carsten Brosda hält noch in der Kulturbehörde die Stellung.

Kultursenator Carsten Brosda hält noch in der Kulturbehörde die Stellung.

Foto: Roland Magunia

Wer glaubt, ein Kultursenator habe nun mehr Zeit, der irrt: Carsten Brosda über den Schock, Digitalkunst – und was Camus dazu meint.

Hamburg.  Die Kulturbehörde ist wegen der Coronakrise für den Publikumsverkehr geschlossen, selbst wichtige Aufsichtsratssitzungen mit Theatern oder Staatsoper finden telefonisch statt. Der Senator allerdings – wie die meisten seiner Behördenkollegen – ist vor Ort. Telefonkonferenzen hasse er jetzt schon, sagt Carsten Brosda. Es ist, natürlich, seine geringste Sorge.

Hamburger Abendblatt: Wie geht es Ihnen? Haben Sie in Zeiten geschlossener Museen, Theater und Konzerthäuser schon Phantomschmerzen?

Carsten Brosda: Mir persönlich geht es gut. Ansonsten ist es eine ziemliche anspruchsvolle Zeit, in der wir alle Hände voll zu tun haben. Man kommt gar nicht wirklich dazu, sich lange mit Phantomschmerzen auseinanderzusetzen, weil wir den ganzen Tag inklusive Wochenende damit beschäftigt sind, Rettungsschirme zu bauen, Probleme zu erkennen, bei der Lösung zu helfen, Solidaritätsaktionen mit zu organisieren. Dass ich zu Hause auf der Couch sitzen und mich ins Theater wünschen würde – der Zustand ist leider noch gar nicht eingetreten.

Vermutlich glauben einige, dass ein Kultursenator jetzt mehr freie Zeit hätte...

Brosda: Naja, in der Zeit, die ich sonst vielleicht in Premieren, Konzerten oder Vernissagen gewesen wäre, kümmere ich mich jetzt darum, dass vom Solo-Selbständigen bis zu den großen Institutionen dieser Stadt alle gut durch die Zeit kommen. Wir haben ja keine Vergleichsfälle zu dieser Vollbremsung, die wir hier gesellschaftlich und kulturell gerade hingelegt haben. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass uns so viele Strukturen wie möglich erhalten bleiben. Gleichzeitig unterstützen wir dabei, dass Kultur weiter Kultur zu den Leuten kommt, da gibt es ja schon viele tolle Ideen.

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Sie haben erst kürzlich Ihr Buch „Die Kunst der Demokratie“ veröffentlicht, in dem es um die Bedeutung von Kultur für den Erhalt einer demokratischen Gesellschaft geht. Was bedeutet nun im Umkehrschluss das Wegfallen all dieser Begegnungen, das Pausieren vieler Produktionen, das Schließen aller Kulturorte? Was folgt daraus?

Brosda: Das wissen wir noch gar nicht so genau, wir finden es gemeinsam heraus. Ich glaube, es ist sehr vernünftig, dass wir in allen Dingen, die wir jetzt tun, auf die Einsichtsfähigkeit der Bürgerinnen und Bürger setzen und nicht auf einen Staat, der diese Dinge erzwingt. Natürlich müssen wir es erzwingen, wo es notwendig wird. Aber wichtig ist, dass wir in einer demokratischen und offenen Gesellschaft selber erkennen, dass es jetzt richtig ist, Solidarität dadurch zu zeigen, dass wir Abstand voneinander halten und nicht in physischen Kontakt treten. Eine vielleicht paradoxe Aufgabenstellung, die aber immer besser gelingt. das ist schon beeindruckend, wie gut sich die meisten daran halten. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir uns die Stärke einer offenen Gesellschaft erhalten. Dabei könnte das Bewusstsein des Verlusts für die öffentlichen Räume helfen.

Inwiefern?

Brosda: Wir merken, was wir gerade nicht mehr leben können, obwohl wir davon ausgehen, dass es uns ausmacht. Die Verlusterfahrung, nach der Sie eben gefragt haben, diesen Phantomschmerz, den spürt der eine oder andere sicher. Man kann den Moment des Verlusts nutzen, um sich über den Wert dessen, was fehlt, klar zu werden. Wenn wir die jetzt geschlossenen Räume dann wieder betreten dürfen, können sie von uns ganz neu definiert werden. Das gilt ja nicht nur für Kulturräume, sondern für den öffentlichen Raum insgesamt. Wir erleben gerade, wie wichtig es ist, dass Menschen sich in einer Demokratie begegnen können. Vielleicht gehen wir mit einer gesteigerten Sensibilität aus der Geschichte heraus. Wenn uns das gelingt, haben wir vielleicht auch die Chance, in der Zeit danach das eine oder andere an Solidarität und Freiheit neu zu beleben.

Kunst drückt Offenheit und Freiheit aus. Genau das wird aktuell beschränkt. Normalerweise ein Zustand, gegen den sich Kulturinstitutionen und Kulturpolitik massiv zur Wehr setzen müssten. Das geht in diesem Fall nicht. Sehen Sie darin eine Gefahr?

Brosda: Es gibt die Gefahr, dass man zu nachlässig mit dieser Situation umgeht. Gerade habe ich einen Einwurf des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler gelesen, der warnt, „dass man nicht in autoritäre Strukturen kippen darf“. Und der Historiker Yuval Noah Harari hat für die „Financial Times“ vor ein paar Tagen einen Essay geschrieben, in dem er zwei große Herausforderungen beschreibt: Die eine ist, sich richtig zu entscheiden zwischen staatlicher Unterdrückung und bürgerlicher Verantwortung – er plädiert natürlich für das zweite. Die zweite Herausforderung ist die Entscheidung zwischen nationalstaatlicher Isolation und globaler Zusammenarbeit. Hier führt er zu Recht aus, dass man eine globale Pandemie auch nur durch globale Zusammenarbeit lösen kann. Wir stehen vor diesen Weichenstellungen, und wir müssen als Gesellschaft aufpassen, in die richtige Richtung zu gehen. Wenn ich mir die Kanzlerin oder Peter Tschentscher anhöre und auch die Virologen, die sich gerade äußern, dann appellieren die alle an das solidarische Verhalten des Einzelnen. Bewusst gibt es bislang keine Ausgangssperren. Man darf sich im öffentlichen Raum bewegen, wir müssen nur den Kontakt zu anderen und damit die Übertragung des Virus einschränken. Das ist eine bewusst gewählte Unterscheidung, die versucht, so wenig wie möglich die Autonomie des Einzelnen einzuschränken. Es wäre ein gutes Signal, wenn es gelänge dabei zu bleiben.

Wie kann die Kunst auf solche Gefahren aufmerksam machen? Wie kann sie ihre Widerstandsfähigkeit zum Publikum bringen?

Brosda: Was das Digitale angeht, passiert ja derzeit deutlich mehr. Ich glaube, die Hemmschwelle, in ein Theater zu gehen, kann manchmal sogar größer sein als die Hemmschwelle, sich im Digitalen Kunst anzusehen.

Es kommt sicher auf die Zielgruppe an...

Brosda: Das stimmt, aber es ist eben nicht a priori schwieriger im Netz. Ich glaube, das Digitale kann kein Ersatz sein, aber es kann eine Verlängerung oder eine Erinnerung sein. Da finde ich in Hamburg viele Beispiele. Die großen Häuser machen etwas im Netz, einzelne Akteure machen etwas, das Abendblatt macht etwas, der NDR macht etwas, neue Anbieter auch. Es passiert eine ganze Menge Kreativität. Bei allen Bedenken und Einschränkungen, die wir gerade erleben: Das ist etwas, was uns Mut machen sollte. Es zeigt, was für ein Urbedürfnis die Kultur ist. Man zieht sich nicht zurück und wartet ab, sondern man sucht nach alternativen Wegen, sich trotzdem zu äußern, trotzdem die Themen anzusprechen, trotzdem ein Publikum anzusprechen. Was für eine kreative Kraft das ist! Wenn die sichtbar bleibt, besteht keine Gefahr, dass irgendjemand auf die dumme Idee käme, dass man so etwas nicht brauchen könnte. Und blickt man auf die Debatten über die Rettungsschirme: Von Anfang an wurde die Kultur mitgedacht. Das zeigt auch ein gewachsenes gesellschaftliches Bewusstsein für die Bedeutung von Kultur. Wenn wir uns das bewahren, muss einem nicht bange sein für die Zeit danach.

Haben Sie schon ein Digitalkonzert oder eine Streaming-Premiere angeschaut? Oder fehlte dafür bislang die Zeit?

Brosda: Ich habe mal bei Igor Levit reingeguckt und war beim Start von One Hamburg live dabei. Ansonsten bin ich gerade mehr damit befasst, das digitale Lernen, das die Schule organisiert, als Vater zu verstehen...

Bei den meisten neuen digitalen Angeboten geht es um Ablenkung, um Unterhaltung, um Tröstliches.

Brosda: Ich glaube, das kann sich entwickeln. Das sind ja alles gerade Probebohrungen. Und das Stückchen Eskapismus, die Ablenkung - das brauchen wir auch. Kunst muss ja nicht die Bitterkeit der Zeit durch das Abbilden dieser Bitterkeit verstärken. Sie kann auch den Blick auf die Alternative zeigen. Ich hatte am Wochenende noch einmal Camus’ „Die Pest“ in der Hand, hatte dann aber auch nicht den Drang, das Buch jetzt direkt in dieser Situation noch einmal ganz durchzulesen. Man braucht auch mal zehn Minuten Auszeit.

Was dennoch fehlt, sind menschliche Begegnungen. Was macht das mit uns?

Brosda: Tja, eine große Frage. Das ist für viele eine harte Zeit. Wir Menschen brauchen Begegnungen. Aber was wäre eigentlich, wenn wir die jetzige Situation vor vierzig Jahren gehabt hätten? Ohne, dass man der Oma beibringen kann, wie Skypen funktioniert? Wir wären noch mehr auf uns selbst zurückgeworfen. Heute kann es uns gelingen, uns nah zu sein, ohne uns physisch nah sein zu müssen.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass das kulturelle Leben in Hamburg nach der Zwangspause wieder weitgehend weitergeht? Vielleicht sogar: weitergeht wie vorher?

Brosda: Es wird nicht einfach so weitergehen wie vorher. Selbst wenn es uns gelingt, alle Strukturen über die Zeit zu retten – eine Aufgabe, von der wir nicht wissen, ob wir sie bewerkstelligen können. Der Schock wird nachhallen. Die Frage, ob man will, dass es weitergeht wie vorher, ist müßig – es wird so nicht weitergehen.

Was wird sich ändern? Was muss sich ändern?

Brosda: Wir werden eine Diskussion darüber bekommen – und die finde ich auch richtig! –, was unsere Gesellschaft im Kern eigentlich ausmacht. Wir erleben momentan, warum wir aufeinander angewiesen sind. Und warum wir unser gesellschaftliches Leben an der einen oder anderen Stelle auch anders organisieren müssen. Und warum es vielleicht nicht richtig ist, manche Teile so umstandslos einer manchmal eindimensionalen Kapitallogik zu überlassen. Ich kann mir vorstellen, dass wir ein neues Bewusstsein dafür entwickeln, wie wichtig ein handlungsfähiger Staat ist. Der Staat muss in der Lage sein, Schutz und Absicherung seiner Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten. Und wir begreifen jetzt vielleicht auch, wie wichtig untereinander gelebte Solidarität ist. Das sind so Bereiche, in denen ich mir Veränderungen vorstellen kann. Wir werden darüber die Diskussionen führen und wir werden daraus hoffentlich Lehren ziehen.

Was passiert, wenn die Kulturinstitutionen wieder öffnen? Wird es eine langsame, schrittweise Öffnung sein oder wird es den einen Tag geben, an dem es wieder losgeht?

Brosda: Ich kann es ehrlicherweise nicht sagen. Wir orientieren uns auch da an den Ratschlägen, die uns die Fachleute geben. Tatsächlich hatte ich am Wochenende genau deshalb Camus in der Hand, weil ich nachlesen wollte, wie er in der „Pest“ beschreibt, wie es nach der Aufhebung der Sperren weiter geht.

Und was schreibt Camus?

Brosda: Bei ihm gibt es ein rauschendes Fest und alle sind in Brüderlichkeit vereint. Nur der Arzt steht distanziert daneben. Der Roman endet mit seiner bangen Erwartung, dass wieder ein Tag kommen könne, “an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und erneut aussenden wird, damit sie in einer glücklichen Stadt sterben.“ Ich glaube, dieser Nachhall wird uns bleiben. Die Fragilität unserer Existenz hatten wir etwas an den Rand gedrängt. Die Unangreifbarkeit des Homo Sapiens als vermeintliche Krone der Evolution wird gerade erschüttert. Das ist eine erhebliche narzisstische Kränkung, die wir Menschen erleben. Wir stellen fest, dass wir eben nicht alles alleine im Griff haben, sondern einander brauchen. Damit müssen wir jetzt irgendwie umgehen. Ich kann momentan nicht sagen, was passiert, wenn wir die Talsohle überwunden haben und der Aufstieg beginnt. Steht da ein Lift und trägt uns hinauf oder wird es ein langer gewundener Weg?

Wie verlaufen die Gespräche, die Sie jetzt führen?

Brosda: Es gibt etliche Gespräche, bei denen ich den Eindruck habe, sie müssten jetzt eigentlich länger dauern. Man hat diese Zeit aber nicht, weil schon der nächste Konferenz-Call wartet. Man beginnt ja Telefonkonferenzen schon nach kurzer Zeit ziemlich profund zu hassen… Meist bleibt nicht genug Zeit, menschlich miteinander zu sprechen. Das Bedürfnis ist natürlich da.

Gibt es eine Branche oder Teilbereiche, um die Sie sich besonders sorgen?

Brosda: Das kann ich so genau gar nicht festmachen. Ich bin froh, dass es gelungen ist, auch die vielen sogenannten Solo-Selbstständigen, zu denen ja auch die allermeisten Künstlerinnen und Künstler gehören, unter die Schutz- und Rettungsschirme zu bekommen. Hoffentlich unbürokratisch und schnell und in den Summen trotzdem substanziell. Wichtig ist auch, dass Strukturen nicht plötzlich irreparabel verschwinden.

Wie lange lässt sich das so durchhalten?

Brosda: Das kann ich nicht beantworten. Das hängt auch davon ab, wie achtsam wir miteinander umgehen.

Sind Sie denn in der Kulturszene mit den einschneidenden Maßnahmen, vor allem den Schließungen, überall auf Verständnis gestoßen?

Brosda: Fast alle haben verstanden, dass es ein notwendiger Schritt ist. Es fühlt sich so falsch an – und ist doch so richtig. Es ist ja gegen jede Intuition, einen kulturellen Ort zu schließen! Aber wenn man die Berichte liest oder sich Herrn Drosten, den Virologen, in seinem NDR-Podcast anhört, dann bekommt man ein Gefühl dafür, in was für einer Situation wir gerade stecken. Wir müssen den Experten darin vertrauen, was sie tun.

Glauben Sie, dass wir uns in diesem Jahr noch auf einer Theaterpremiere treffen?

Brosda: Ich gehe fest davon aus. Jedenfalls will ich die Hoffnung nicht aufgeben.