In Corona-Zeiten

Lebensform der Gegenwart: Eine Würdigung des Stubenhockers

Die „Couch- Potatoes“, die Sofa-Kartoffeln, mal ganz wörtlich genommen.

Die „Couch- Potatoes“, die Sofa-Kartoffeln, mal ganz wörtlich genommen.

Foto: Imago

Was wären die Heroen aus Literatur und Philosophie denn anderes als im großen Stil Daheimgebliebene?

Hamburg. Jetzt ist es da, das vorläufige Ende des öffentlichen Lebens, und deswegen ist es höchste, vielleicht aber auch gerade noch Zeit – vor dem Einsetzen des Lagerkollers – für das Lob des Stubenhockens. Wer will denn ernsthaft von Stuben­arrest sprechen, wenn neben dem Sicherheitsversprechen der eigenen vier Wände vor allem auch die Garantie auf Konzentration, Erbauung, Zerstreuung und Sammlung lockt?

Was gibt es denn Besseres als den (temporären) Ausschluss aller mobilen Aktivitäten, aller Zusammenkünfte, vor allem auch als das, Homeoffice hin oder her, Herunterfahren der fremdbestimmten Arbeit? Mal ehrlich: Unser aushäu­siges Alltags- und Normalleben ist doch eh alles nur Ablenkung vom Wesent­lichen. Das Wesentliche, das ist die Bescheidung auf das eigene, das reine Selbst (oder halt die Familie, wenn’s sein muss); sie hat jetzt prima Chancen. Wegen der sozialen Abrüstung, die doch auch mal ganz heilsam sein kann, und der Ruhe, die dem gesellschaftlichen Ausklinken entspringt. Ruhe und Kontemplation, das muss an dieser Stelle gesagt werden, kann auch der Nährboden geistiger Arbeit sein.

Stubenhocker auf den Schultern von Giganten

Wir Stubenhocker sitzen nämlich, das lehrt der Blick in die Geistesgeschichte, auf den Schultern von Giganten: Was wären die Heroen aus Literatur und Philosophie anderes als im großen Stil Daheimgebliebene?

UKE-Virologin zur Corona-Krise:

UKE-Virologin: "Können Corona-Ausbreitung nicht verhindern"
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Ihre Abenteuer haben sie im Kopf erlebt: Fantasie und Imagination sprudeln da am wildesten, wo die sinnliche Erfahrung am meisten an Grenzen stößt. Wenn die heftigste Eruption des Tages das Aufsetzen des Kaffees oder das Klingeln des Postboten ist, wird ertrag- und gedankenreich kompensiert. Karl May war nie im Wilden Westen, schrieb aber die prallsten Geschichten über Cowboys und Indianer. Kant fand es vernünftig, stets in Königsberg zu bleiben. Der Horizont kann unendlich weit werden, ohne dass man in Gesellschaft oder auf Tour ist: Legionen von Büchern und Kunstwerken zeugen davon. Der Unter-anderem-Italien-Reisende Goethe mag als Gegenbeispiel gelten, aber auch er kannte die Enge der Schreibstube.

Holen wir uns genau jetzt das Beste von allem!

Die Stubenhockerei ist, um den Blick wieder auf Normalbegabte zu weiten, ganz grundsätzlich die Lebensform der Gegenwart. Denn nur wer nicht unterwegs ist, verpestet ganz sicher nicht den Planeten Erde, gell?

Zugegeben: Frivol unterdrücken wir die bereichernde Funktion vom Rausgehen, und wir müssen eigentlich auch verschweigen, dass die in Zeiten der Corona-Krise heftig wie nie lockenden Verführungen von Netflix und Co. jeder geistvollen Beschäftigung im Wege stehen. Wo wir beim englischen „Couch-Potato“ wären, der Sofa-Kartoffel also, die sich grundsätzlich lieber berieseln lässt und jetzt erst recht mit großartiger Überzeugung Jogginghose mit Chipskrümeln aufträgt, als die Sensation des Draußenseins zu erfahren. Und ist nicht Serien-Wegglotzen das herrliche Gegenstück zur von den meist knappen Bemessungen der Etagenwohnung bewerkstelligten geistigen Regsamkeit? Die Welt kommt aus den Büchern und vom Bildschirm und aus den Lautsprechern der Stereoanlage zu uns. Holen wir uns genau jetzt das Beste von allem!

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Schieben wir endlich mal eine richtig ruhige Kugel. Betreiben wir Nabelschau. Schalten wir das Netzwerk ab. Entscheiden wir uns dafür, den Mief der eigenen Butze eine Zeit lang für den vertrauenswürdigsten Geruch und das Odeur der Glückseligkeit zu halten. Umso schöner wird’s ja, irgendwann wieder alle wiederzusehen: die Menschen und die Orte. Wer wird denn schon die Wände hochgehen, wenn er weiß, dass Decken gar nicht wirklich auf Köpfe fallen können. Oder so ähnlich.

Wir müssen uns selbst erkennen als die, die wir sind: potenziell passionierte Stubenhocker. Wir müssen uns nur trauen. Und immer an den Philosophen
Blaise Pascal denken, dessen berühmter Ausspruch uns vorübergehend anleiten soll: „Alles Unglück in der Welt kommt daher, dass man nicht versteht, ruhig in einem Zimmer zu sein.“