Theater in Hamburg

Das Deutsche Schauspielhaus hat einen Coup gelandet

Das Deutsche Schauspielhaus an der Kirchenallee verfügt über 1174 Plätze.

Das Deutsche Schauspielhaus an der Kirchenallee verfügt über 1174 Plätze.

Foto: Marcelo Hernandez

Zum Programm der Saison 2020/21 gehört die Uraufführung eines neuen Stücks von Rainald Goetz. Intendantin Karin Beier inszeniert.

Hamburg.  In der Regel ist das Jahr schon ein wenig weiter fortgeschritten, wenn Karin Beier zur Spielzeit-Pressekonferenz ins Schauspielhaus lädt. Diesmal aber muss die Intendantin den Termin vorziehen. Die Spatzen pfeifen schon von den Dächern, dass das Haus mit der Saisoneröffnung 20/21 einen Coup gelandet hat: Rainald Goetz hat ein neues Theaterstück geschrieben, 21 Jahre nach seinem Erfolg mit der Kunstbetriebssatire „Jeff Koons“! Und Beier wird die Uraufführung inszenieren! In der Theaterwelt ist so was ein Aufreger, der sich nicht mehr länger verheimlichen lässt – und bevor die Gerüchteküche überkocht, geht Beier in die Offensive.

„Reich des Todes. Politische Theorie“ verhandelt ein ganz großes Thema: Spielort ist das Weiße Haus in den Tagen nach dem 11. September, ein Datum, das Goetz als den Wendepunkt der jüngeren Geschichte interpretiert, den Tag, an dem die westlichen Demokratien anfingen, in den Autoritarismus abzugleiten. Ein harter Stoff also, den Beier sich da vorgenommen hat (und der symbolträchtig am 11. September 2020 Premiere feiert). Aber Vorsicht: „Humor ist der Regenschirm der Weisen“, zitiert die Intendantin Erich Kästner, bierernst wird es bei aller politischen Schwere nicht zugehen. Chefdramaturgin Rita Thiele jedenfalls verrät, dass Goetz in die versammelten Weltpolitiker eine Figur mit Hamburg-Bezug geschmuggelt habe: Schill heiße der Protagonist, arbeite im US-Justizministerium und sei ein richtig fieser Typ.

Überraschungen bei den Regiepositionen

Überhaupt, Schill und Konsorten: Die Themen von Beiers achter Hamburger Spielzeit sind Rechtsradikalismus und Nationalismus sowie politische Gewalt. Themen, bei denen auch die Intendantin sagt, dass sie nicht wirklich überraschen – als politische Theatermacherin kommt sie an ihnen gerade einfach nicht vorbei. Überraschender hingegen die Regiepositionen, die das Haus neben Beier prägen: weder Viktor Bodo noch Michael Thalheimer noch Frank Castorf präsentieren sich kommende Saison, stattdessen zeigt Heike M. Goetze ab 7.11.

„Geschichten aus dem Wiener Wald“, eine junge Regisseurin, die 2008 beim Körber Studio Junge Regie mit ihrer Zürcher Diplominszenierung „Spieltrieb“ triumphierte. Und Oliver Frljić, den man vielleicht vom Gastspiel „Verdammt sei der Verräter seiner Heimat“ bei den Lessingtagen 2013 erinnert, inszeniert „Die Brüder Karamasow“ (ab 5.3.). Der Malersaal ist derweil fast vollkommen in der Hand neuer Gesichter: Der Arzt und Theatermacher Tuğsal Moğul inszeniert die Recherche „Wir haben getan, was wir konnten“ (ab 12.9.), das deutsch-koreanische Wunderkind Bonn Park eine (laut Thiele von einer „merkwürdigen Hassliebe“ geprägte) Überschreibung von Schillers „Die Räuber“ (ab 6.11.), und das New Yorker Regieteam Peter Mills Weiss und Julia Mounsey eine Produktion, bei der noch nicht klar ist, ob es sich um eine Neueinstudierung ihrer älteren Arbeit „While we were partying“ handelt oder um eine echte Uraufführung (ab 17.4.).

Ist das dann überhaupt noch das Schauspielhaus, wie man es kennt? Gemach: Beier wird weiterhin das Haus prägen, nicht zuletzt, weil sie mit der Dramatisierung von Ian McEwans Roman „Kindeswohl“ auch noch eine zweite eigene Regiearbeit beisteuert (ab 6.2.). Auch bewährte Kräfte wie Katie Mitchell (ab 26.3.), Dušan David Pařízek (ab 17.4.) und Falk Richter (ab 23.4.) sind wieder dabei, allerdings ist noch nicht ausgemacht, was sie planen. Ein neuer Abend von René Pollesch hat immerhin schon einen Titel: „J’accuse!“ läuft ab 15.1., allerdings ist das schon alles, was Thiele dazu sagen kann: „Mehr wissen wir auch nicht!“ Und Karin Henkel zeigt als Koproduktion mit den Salzburger Festspielen Shakespeares „Richard III.“ (Salzburg-Premiere: 28.7., in Hamburg ab 10.10.), was ein wenig unschön ist, weil dieses finstere Stück erst 2016 in einer durchaus eigenständigen Inszenierung von Antú Romero Nunes im Thalia zu sehen war.

Neue Gesichter im Ensemble

Außerdem: Die dänisch-österreichischen Extremtheatermacher Signa zeigen eine neue, immersive Arbeit, in „Die Ruhe“ (ab 20.11., die hier genutzte Außenspielstätte ist noch nicht bekannt) geht es um Prepper, Menschen die sich auf eine apokalyptische Katastrophe vorbereiten. Max Pross arbeitet weiter an Abenden unter dem Label „UnterGrund“, diesmal zu Nietsches „Ecce Homo“ (Rangfoyer, noch kein Datum). Und Florian Fischer präsentiert eine Recherche über den Giftmüll-Skandal in Georgswerder (ab 28.5. in der Schauspielhaus-Außenstelle New Hamburg auf der Veddel).

Auch im Ensemble gibt es neue Gesichter, die bei Licht betrachtet so neu gar nicht sind: Daniel Hoevels etwa war unter Intendant Ulrich Khuon am Thalia beschäftigt, er kommt vom Deutschen Theater Berlin zurück nach Hamburg. Den insbesondere in Film und Fernsehen viel beschäftigten Lars Rudolph („Luther“, mehrere „Tatorte“) muss man sicher nicht mehr vorstellen. Und Eva Maria Nikolaus kommt zwar gerade erst von der Ernst-Busch-Schule, stand aber schon diese Saison auf der Schauspielhaus-Bühne: als Teil der Festgesellschaft in Beiers „Ivanov“.

Eine weitere Rückkehrerin ist eine schöne Überraschung: Sachiko Hara hatte eigentlich vor einem Jahr das Schauspielhaus-Ensemble verlassen, um nach Zürich zu gehen, im Sommer aber kommt sie zurück. „Ich weiß nicht, ob sie in der Schweiz unglücklich war“, rätselt Beier, nur um dann die Krallen auszufahren: „Wahrscheinlich liegt es einfach an Zürich. Hamburg ist viel schöner als Zürich.“

Lesen Sie auch:

Da mag die Spielzeit noch so finster daherkommen, da mag es um Staatskrisen gehen, um seelische Verrohung, Untergangsfantasien und Alltagsgewalt: Für ein bisschen Giftgespritze ist Beier immer zu haben. Weswegen man sich auch um die theatrale Würze der kommenden Saison keine Sorgen machen sollte. Diese Theatermacherin ist böse genug, um die Schwere einfach wegzu­ätzen.

Weitere Infos: www.schauspielhaus.de Karten für die neue Saison sind derzeit noch nicht erhältlich