Hamburg

Elbphilharmonie: Die Umblätterin führt ein Doppelleben

Sogar auf die große Leinwand hat es die Funktion einst gebracht: Der Thriller „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ (siehe Kasten), lief 2005 im Kino.

Sogar auf die große Leinwand hat es die Funktion einst gebracht: Der Thriller „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ (siehe Kasten), lief 2005 im Kino.

Foto: dpa

Daniela Becker wendet für Pianisten die Noten. Das Wichtigste: Unauffälligkeit und Sensibilität. Aber sie kann deutlich mehr...

Hamburg.  Sie ist häufiger auf der Bühne der Elbphilharmonie zu sehen als ein reisender Weltstar. Zum Interview empfängt sie aber ganz unglamourös in der Kantine der Staatsoper. Daniela Becker, 43 Jahre alt, arbeitet als Dramaturgin. Und führt ein Doppelleben, in aller Öffentlichkeit: Sie blättert um.

Nun, das tun wir alle ständig, sofern wir noch Druckwerke in die Hand nehmen. Becker aber blättert nicht zum Eigengebrauch, sondern für andere, nämlich für Pianisten. Das klingt ähnlich feudal wie die Aufgabenverteilung am Versailler Hof zu Zeiten des Sonnenkönigs Ludwigs XIV., hat aber nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern mit einem aufführungspraktischen Bedürfnis. Pianisten haben nun einmal fast immer beide Hände auf der Tastatur.

Abendblatt: Haben Sie Herzklopfen, wenn Sie als Umblätterin auf die Bühne kommen?

Daniela Becker: Ich habe Cello und Klavier studiert, daher kenne ich die Auftrittssituation. Aber ich wäre nervöser, wenn ich selbst spielen müsste! Das mache ich jetzt schon so lange, ich gehe einfach auf die Bühne und setze mich hin.

Im Großen Saal der Elbphilharmonie gucken Ihnen immerhin 2000 Leute zu.

Becker: Das geht völlig an mir vorbei. Man muss sich schon konzentrieren. Wenn man einmal anfängt, darüber nachzudenken, dann wird’s schwierig. Dann kann man auch nervös werden und die Veranstaltung sprengen, indem man die Noten runterzieht oder so was (lacht).

Wissenswertes zur Elbphilharmonie:

  • Die Elbphilharmonie ist ein Konzerthaus, das als neues Wahrzeichen von Hamburg gilt
  • Sie wurde im Januar 2017 offiziell eröffnet
  • Das 110 Meter hohe Gebäude liegt in der HafenCity in Hamburg und soll mit seiner Form an Wellen, Segel und Eisberge erinnern
  • Wo heute die Elbphilharmonie steht, befand sich früher der Kaiserspeicher A
  • Das Konzept der Elbphilharmonie stammt von Projektentwickler Alexander Gérard und wurde bereits 2001 vorgestellt. Der Bau dauerte von 2007 bis Ende 2016
  • Die Baukosten betrugen 866 Millionen Euro

Sie haben viel Macht!

Becker: Das ist wohl wahr. Aber die Pianisten üben ja alleine. Wenn mal was schiefginge, könnten die das schon selber regeln.

Ich habe schon erlebt, dass der Pianist eingegriffen hat.

Becker: Das ist schlecht. Dann kriegt man doch auch mitten im Konzert Herzklopfen.

Proben Sie vorher mit den Künstlern?

Becker: Meistens nicht. Bei zeitgenössischer Musik, die schwer zu lesen ist, frage ich, ob ich zu einer Probe kommen darf. Pierre-Laurent Aimard hat bei seinem ersten Konzert in der Elbphilharmonie alle Stockhausen-Etüden gespielt und beim zweiten Mal Ligeti-Etüden. Solche Soloabende probt er ausführlich. Und ich bereite mich vor, indem ich Aufnahmen anhöre und in der Partitur mitlese. Vieles gibt’s bei YouTube. Es gibt aber auch Noten, da hilft das Lesen nicht. Da muss man einfach zählen.

Wenn Sie nicht mitlesen können, woher wissen Sie dann, ab wo Sie zählen?

Becker: Von Anfang an halt.

Aber wenn Sie sehen, es sind soundsoviele Takte auf der Seite, müssen Sie ja trotzdem mitlesen.

Becker: Ich muss nicht unbedingt die Noten lesen. Ich sehe ja die Taktstriche. Und zähle stur die Takte.

Bei einem Haydn-Trio bereiten Sie sich nicht großartig vor, vermute ich?

Becker: Da muss man sich nur die Wiederholungen merken. Ich verständige mich kurz vorher mit dem Pianisten – auch ohne Probe. Wenn ich sehe, da ist eine Stelle, da muss ich drei Seiten zurück, und bei der nächsten nur zwei, dann schreibe ich mir meist kleine Zahlen oben rein.

Das dürfen Sie dann.

Becker: Ja. Es gibt so ein paar Tricks. Es gibt sehr unterschiedliche Typen von Pianisten. Gerade bei den Liedbegleitern. Manche wollen partout nicht, dass man zum Blättern aufsteht. Da klemm ich mich ans Eck vom Flügel und angel dann rüber (sie macht es vor, es sieht wirklich sehr weit aus bei ihrer zarten Gestalt).

Wie fühlt sich das an, in diesem Kraftzen­trum zu sein, das da entsteht, und genau zu spüren ...

Becker:... wie die aufeinander reagieren ...

... aber auch: Stör bloß nicht!

Becker: Ich bin praktisch nicht da. Unauffälligkeit und Sensibilität sind das Wichtigste, manche Agenturen geben einem das vorher extra schriftlich.

Kommt es vor, dass der Pianist etwas ausstrahlt, dass Sie denken, oh, da stimmt was nicht?

Becker: Ich habe mal jemandem umgeblättert, der vollkommen teilnahmslos war. Der hat eine Form von Autismus, aber das wusste ich nicht. Es war sehr befremdlich, kein Gegenüber zu haben. Ich war wie Luft für ihn.

Hat Sie das verunsichert?

Becker: Am Anfang ja, aber dann habe ich mir gesagt, jetzt blätter einfach. Nachdem er auch in der Pause nicht gesagt hat, dass ihn etwas störe oder was ich anders machen könne, war das auch in Ordnung.

Und was machen Sie beim Applaus?

Becker: Da bleibe ich sitzen und klatsche mit, und wenn die Künstler rausgehen, schleiche ich hinterher und bleibe draußen.

Mit Abstand?

Becker: Immer mit einem kleinen Abstand. Auch beim Reingehen. Ich warte, bis die ihren Applaus gekriegt haben.

Manche Zuhörer denken sich vielleicht: Das ist bestimmt eine gescheiterte Künstlerin, die würde am liebsten selber spielen ...

Becker: Solche Leute haben meist große Probleme beim Blättern. Sie sind viel nervöser. Ich habe mal bei einem Orchesterkonzert mit einem Konzert für Klavierduo geblättert, da hat bei der anderen Pianistin eine ausgebildete Geigerin geblättert. Die kam überhaupt nicht zurecht.

Hat da der uneingestandene Neid hineingefunkt?

Becker: Vielleicht? Die Pianistin hat in der Probe immerzu gesagt, du machst mich nervös, hat abgebrochen und versucht zu erklären, wie sie mitlesen soll, wann sie blättern soll – und irgendwann hat sie gesagt, sie blättert lieber allein.

Dass Sie bei einem Klavierkonzert überhaupt gebraucht wurden, war wahrscheinlich die große Ausnahme?

Becker: Ja, normalerweise spielt der Solist auswendig. Aber auch ein paar Stücke Charles Ives mit Soloklavier hab ich mal geblättert. Es ist immer toll, mit im Orchester zu sitzen.

Was genau macht Ihnen Spaß an dem Job?

Becker: Die Musik zu hören.

Dafür könnten Sie sich doch auch ins
Publikum setzen!

Becker: Aber so hab ich gleichzeitig noch was zu tun.

Ist es das Mitmachen?

Becker: Ja. Auch die Künstler kennenzulernen.

Wenn Sie mal in sich reinhören: Sie haben ja selbst Musik studiert und haben sich sicher auch vorgestellt, dass Sie konzertieren würden: Ist da eine leise Wehmut dabei?

Becker: Die gibt’s immer. Aber ehrlich gesagt nicht, wenn ich umblättere. Sondern eher, wenn ich im Publikum sitze und zuhöre. Ein wenig Wehmut bleibt. (kleine Pause) Yo-Yo Ma hat mich mal auf seinem Cello spielen lassen.

Auf der Bühne?

Becker: Nein, hinter der Bühne. Er hat mich draußen gefragt, was ich mache. Und als er hörte, dass ich auch mal Cello studiert habe, hat er mir sein kostbares Instrument in die Hand gedrückt. Das durfte ich spielen! Das war einmalig.