Diskussion

Warum Levin Handschuh auf Kampnagel der Kragen platzte

Das Kulturzentrum Kampnagel in Winterhude (Archivbild).

Das Kulturzentrum Kampnagel in Winterhude (Archivbild).

Foto: imago/Chris Emil Janßen

Künstler und Politiker wollten über Förderung miteinander diskutieren, reden aber vor allem freundlich aneinander vorbei.

Hamburg. Der Dachverband Darstellende Künste (DfDK) hatte sich „Brot und Kulturpolitik“ schön vorgestellt: dass Kulturpolitiker der Bürgerschaftsfraktionen sich auf Kampnagel mit Künstlerinnen treffen, dass sie diskutieren und streiten, dass dazu Wein getrunken wird und dass sich so über politische Gräben hinweg Verständnis für die jeweils andere Position entwickelt.

Zwar leisten alle Parteien der Einladung Folge, aber vor der Veranstaltung am Montagabend erodiert das deutsche Parteiensystem mit dem Rechtsrutsch in Thüringen. Und das torpediert das gemeinsame Weintrinken. „Wo sitzt denn der Vertreter der FDP?“ wird sich ereifert. „Den würde ich mir gerne mal zur Brust nehmen! Mit der AfD zu stimmen, das geht doch nicht!“

Deuflhard fühlt sich von Steffens nicht ernst genommen

Der Vertreter der FDP ist Jens P. Meyer, gelernter Architekt und Fraktionssprecher für Stadtentwicklung, Kultur und Gleichstellung. „Zur Brust genommen“ wird Meyer zwar nicht, sein Impulsvortrag allerdings zeugt vor allem von fröhlicher Unkenntnis: Meyer spricht von grenzenlosem, freiem Denken, davon, dass Kultur „Toleranz, Liebe, Mut, Heiterkeit und vieles mehr“ sei. Er sagt wirklich „und vieles mehr“, und dann sagt er auch noch, dass er das freie Theater gerne auskömmlicher fördern würde. Was nett ist.

Und was alle übrigen Parteivertreter ebenfalls sagen: René Gögge von den Grünen, Norbert Hackbusch von den Linken, Isabella Vértes-Schütter von der SPD, Letztere im Hauptberuf Intendantin des Ernst-Deutsch-Theaters und so einerseits die themenfitteste im Kreis, andererseits aber auch jemand, der für ein ganz anderes Theater steht, als es der DfDK vertritt.

Einzig die CDU schickt nicht den eigentlich zuständigen Dietrich Wersich, sondern die Altonaer Bezirkspolitikerin Kaja Steffens. Die erzählt, dass Wersich sich immer für eine Etaterhöhung bei der freie Szene eingesetzt habe, ansonsten feiert sie das Klischeebild des verrückten Künstlers – was Widerspruch bei Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard provoziert, die sich in ihrer Arbeit nicht ernst genommen fühlt.

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Levin Handschuh platzt der Kragen

Und dann platzt Regisseur Levin Handschuh der Kragen. „Ich hätte mir mehr Vorschläge gewünscht und weniger Lob, was wir für tolle Arbeit machen!“ Stimmt schon – alle Parteivertreter loben die Aktionen der freien Künstler. Und niemand hat eine Idee, wie die Politik diese besser unterstützen kann. Die Vorschläge kommen von den Künstlervertretern: Lichthof-Intendant Matthias Schulze-Kraft verweist auf neue Förderinstrumente der Stadt Zürich, Choreografin Fernanda Ortiz fordert eine „Befreiung aus der Projektlogik“.

Der Grüne René Gögge wünscht sich mehr Verständnis für seine Position, was Regisseur Levin kaum beruhigt. Tatsächlich zeigt sich hier das Problem der Veranstaltung: Die Politik ist kurz vor der Bürgerschaftswahl eingespannt in Zwänge. Und die Kunst formuliert Erwartungen, denen die Politik nicht gerecht werden kann. Zudem sind alle Anwesenden einer Meinung: Kunst ist super. Nur von der AfD ist niemand eingeladen.

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