Konzertkritik

Wie Fazil Say einen zärtlichen Zauber am Klavier entfaltet

Der türkische Pianist und Komponist Fazil Say.

Der türkische Pianist und Komponist Fazil Say.

Foto: Selin Alemdar / Redferns via Getty Images

Der türkische Pianist sucht in der Elbphilharmonie den Dialog mit Orchester und Publikum. Sein Spiel ist pure Kommunikation.

Hamburg.  Ein klassisches Solokonzert ist keine One-Man-Show, sondern eine besondere Form des Dialogs. Diese Auffassung verkörpert wie selbstverständlich der wunderbare Fazil Say. Wenn der türkische Pianist ein neckisches Motiv aus dem Klavier an die Geigen weiterreicht – im ersten Satz aus Mozarts A-Dur-Konzert –, dreht er den Oberkörper ganz zum Orchester, und wenn seine linke Hand auf der Tastatur eine sangliche Linie formt, zeichnet die rechte, über dem Flügel schwebend, die Phrase in der Luft nach.

Says Klavierspiel ist pure Kommunikation, ein beständiger Austausch von Ideen und Energien. Mit den Kammerorchesterkollegen von der exzellenten Academy of St. Martin in the Fields, aber auch mit dem Publikum im Großen Saal der Elbphilharmonie. Seine Gesten wirken organisch und natürlich. Genau wie seine Gestaltungsnuancen, mit denen sich der bekannte Bürgerrechtsaktivist einen eigenen Zugang zu Mozart ertastet. Durch eine feine Anschlagskultur verleiht der 50-Jährige jedem Thema einen anderen Charakter. Manche Töne dehnt er minimal, gibt ihnen einen Tick mehr Zeit, um eine Melodie wirklich atmen zu lassen. Damit entfaltet vor allem der langsame Satz einen geradezu zärt­lichen Zauber.

Akustischer Regen

Die Gedanken von Dialog, Austausch und Offenheit prägen auch Says eigenes zweites Klavierkonzert. Unter dem Titel „Silk Road“ beschwört es den interkulturellen Reichtum der alten Seidenstraßenroute: mit schnarrenden Klangfarben des präparierten Klaviers, die an den Sound asiatischer Instrumente erinnern, mit dem Groove indischer Hindu-Tänze, aber auch mit dem Zitat eines türkischen Volkslieds – von Say auf den Saiten des Flügels gezupft und von den Streichern geräuschhaft untermalt: Das sanfte Klopfen der Fingerkuppen auf dem Resonanzkörper wird zum Tropfen eines akustischen Regens.

Das könnte Sie auch noch interessieren:

Die Solokonzerte waren das Herzstück eines für die Reihe „Pro Arte“ ungewöhnlichen Programms, gerahmt von zwei Werken für Kammerorchester aus dem 20. Jahrhundert. Michael Tippetts „Little Music“ wird von einer länglichen Fuge dominiert und gehört auch nach Auffassung des Komponisten nicht zu seinen größten Würfen. Das Divertimento von Béla Bartók aus dem Jahr 1939 fesselt dagegen mit vertrackten Rhythmen, in der sich Vorahnungen auf die Kata­strophe des Zweiten Weltkriegs zu einer beklemmenden Düsternis verdichten.