Hamburg

Schnellster Pianist der Welt spielt 19,5 Noten pro Sekunde

Gregor Samsa in seinem Büro. Hier lagert er unter anderem 25.000 Schallplatten.

Gregor Samsa in seinem Büro. Hier lagert er unter anderem 25.000 Schallplatten.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia / Funke Foto Services

Der Hamburger Labelbetreiber Gregor Samsa ist ein Idealist. Einer seiner Künstler spielt jetzt in der Elbphilharmonie am Klavier.

Hamburg.  Lubomyr Melnyk ist der schnellste Pianist der Welt. 19,5 Noten kann er pro Sekunde mit jeder Hand spielen. Ein staunenswertes, mitunter von Menschen nicht mehr hörbares Tempo. Auch auf der Langstrecke hält der ukrainisch-kanadische Künstler den Weltrekord: Eine Stunde lang schlägt er bis zu 14 Noten pro Sekunde an.

Diese offiziell gemessenen Superlative sind Gregor Samsa nicht so wichtig. „Das ist gut für die Promotion“, sagt der Mann mit dem markanten Bart und dem wachen Blick. Doch den 44-Jährigen interessieren ganz andere Seiten an Melnyks Spiel. Die Intensität. Die Improvisation. Die Haltung.

Plattenfirma für Bands, die kaum jemand kennt

„Was uns eint, ist die Kompromisslosigkeit“, sagt Samsa und lächelt freundlich. Er sitzt auf einem flachen schwarzen Ledersofa. Am anderen Ende eines sehr weichen Teppichs stehen zwei hohe Lautsprecherboxen. Am Rand rotiert ein Plattenspieler. Und die Wände säumen Regale, die rund 25.000 Vinyl-Platten beherbergen. Ein Raum, der dem Klang gewidmet ist. Und dem Dialog über Musik.

Samsa betreibt mit Sounds of Subterrania in Bahrenfeld eine Plattenfirma für Bands, die kaum jemand kennt. Mehr als 60 an der Zahl. Rock aus Japan, Pop aus Mali, Punk aus den Niederlanden, avantgardistische Electro-Chansons aus den USA. Und eben der eigensinnige Weltenbürger und Weltrekordhalter Lubomyr Melnyk, mit dem Samsa bereits fünf Platten veröffentlicht hat. Und der am 7. Februar, an Samsas Geburtstag, im Kleinen Saal der Elbphilharmonie auftritt.

Musik in Höchstgeschwindigkeit

„Lubomyr ist ein Türöffner für die Klassik“, sagt Samsa mit ruhigem Stolz in der Stimme. Der 71-jährige Melnyk ist kein Kunsthandwerker, der virtuos die Werke der Meister interpretiert. Stattdessen hat er mit seiner „continuous music“ eine eigene Klaviersprache geschaffen. In Hochgeschwindigkeit fließen die Töne dahin, überlappen sich, entfalten eine soghafte Kraft, irritieren aber auch mit ihrer Komplexität und setzen Energie frei durch immer neue Variationen. „Es ist so, als habe ich die Sonne in meinen Händen. Die vier Winde. Eis, Schnee und Hurrikans. Stahl und Fabriken. Es ist so, als würde das Licht durch meine Finger strömen. Es ist pures Glück“, sagt der Klavierspieler und Komponist in einer kurzen Doku über sich.

Kennengelernt haben sich Samsa und Melnyk vor einigen Jahren nach einem Konzert im Resonanzraum auf St. Pauli. Der Labelbetreiber stellte dem Künstler seine Ideen vor und fragte, ob sie nicht zusammenarbeiten wollen. Viele Gespräche später begann die Kooperation. „Ich mag sehr, dass Lubomyr so skeptisch ist“, sagt Samsa. Auf seinen Konzerten referiere der Musiker auch schon mal über die Vor- und Nachteile von Diesel- versus Elektro-Autos, bevor er dann ein Stück zum Thema spiele. Ein unbequemes Querdenkertum, das Samsa ebenso innewohnt.

Mit Musik die Welt verbessern

Aufgewachsen in der Lutherstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt zog Samsa 1993 nach Kassel, um Soziologie, Politik, Philosophie und Sozialwesen zu studieren. Neben der Uni lebte er bereits seine Passion für Punkrock aus. Er organisierte Konzerte, machte Radio und publizierte ein Fanzine. 1998 gründete er Sounds of Subterrania, um die Platte einer befreundeten Band zu veröffentlichen. „Ich glaube, dass sich mit Musik die Welt verbessern lässt“, sagt Gregor Samsa, der sich übrigens nach Kafkas Protagonist aus „Die Verwandlung“ benannt hat – inklusive Eintrag im Pass.

Spotifysierung der Musik

Die Veränderungen in der Musikszene in den vergangenen Jahrzehnten analysiert er kritisch. „Alle haben sich mit dem kapitalistischen System abgefunden und schauen, wie sie darin zurechtkommen“, sagt Samsa. Popkultur würde heute in den seltensten Fällen wirklich noch Alternativen entwickeln. Die Schallplatte habe sich vom sinnstiftenden Objekt zum reinen Produkt entwickelt, um Konzerte zu bewerben und Bands bekannter zu machen. Und die Gesellschaft werde „spotifyisiert“. Sprich: Im Stile digitaler Playlisten müssen Songs sofort funktionieren, sonst schalte ein Großteil der Konsumenten weiter.

„Dieses Phänomen lässt sich selbst in der Elbphilharmonie beobachten“, sagt Samsa. „Die Leute verlassen den Saal, sobald ihnen die Musik nicht gefällt, anstatt sich einfach mal von einem Konzert herausfordern zu lassen.“

Mit seinem Label Sounds of Subterrania möchte er Impulsgeber sein. Er ist ein Sucher nach dem Unbekannten. Nach den Klängen und Worten, die stören und verstören. Die zu Reflexion und Diskurs anregen. Die das allzu wohlige Einrichten in Filterblasen und Milieus verhindern.

„Austausch ist die einzige Form, Grenzen zu überwinden“, sagt Samsa. Ständig denkt er den Kontext mit. Etwa die Arbeitsbedingungen seiner afrikanischen Künstler, die zum Teil nicht in Europa einreisen durften. Deshalb ist er gerade dabei, ein Festival in der ghana­ischen Hauptstadt Accra zu organisieren.

Unabhängigkeit um jeden Preis

„Lubomyr erschafft Werke zu all diesen Fragen nach sozialen Bewegungen und Solidarität“, erklärt Samsa. Etwa mit „End Of The World“, einer musikalischen Abhandlung darüber, dass die größte Krise der Menschheit der Mensch selbst sei. In Hamburg sieht Samsa die Theater und Kulturstätten wie Kampnagel sowie den Golden Pudel Club als zentrale Orte, wo noch offen diskutiert wird. Wo Reibungen und somit Lösungsansätze entstehen. Besonders am Herzen liegt ihm diesbezüglich das Hafenklang in Altona. Als er 2008 nach Hamburg zog, fand er in dem Musikclub seine ideelle Heimat und zudem seinen ersten Büroplatz.

Samsa ist einer, der seine Unabhängigkeit um jeden Preis lebt. Er machte sogar weiter, als ein Wasserschaden in seinem Lagerraum in Hammerbrook vor zwei Jahren 70 Prozent seines Bestands zerstörte. Der Verlust schmerzte umso mehr, da Samsa besonderen Wert auf die Gestaltung seiner Veröffentlichungen legt. Viele seiner Platten bringt er als Special Editions heraus, für die er jedes Albumcover mit der Hand anfertigt – etwa aus Beton, Stahl oder Jeansstoff. Mitunter stellt er Auflagen von 500 bis 1000 Stück derart aufwendig her. Ein rastlos Schaffender, für den auch das Artwork seiner Werke ein politischer Akt ist.

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„Durch das Kleben, Falten und Bestücken mache ich mir den Arbeitsprozess bewusst. Ich eigne mir die Platte an“, sagt Samsa zufrieden. Für ihn eine Art Rückeroberung: Der Tonträger ist dann kein rein industriell gefertigtes Produkt mehr, sondern wieder mit Bedeutung aufgeladen. Die Musik ist so nicht mehr flüchtig oder beliebig.

Handarbeit als Sinnstifter in unserer hochtourigen Zeit, ob wie Melnyk am Piano oder wie Samsa in der Plattenmanufaktur – ein Gedanke, der keine Rekorde bricht, aber die Welt womöglich ein Stück besser macht.

Lubomyr Melnyk Fr 7.2., 19.30, Elbphilharmonie, Kleiner Saal, Tickets ab 35,52 unter www.elbphilharmonie.de, Infos zum Label unter www.soundsofsubterrania.com