Konzertkritik

Schlagzeug-Groove und Funk – wie ein rauschendes Motorboot

Der 61-jährigen Franzosen Manu Katché trat im Mojo Club auf (Archivbild).

Der 61-jährigen Franzosen Manu Katché trat im Mojo Club auf (Archivbild).

Foto: picture alliance / Pacific Press

Im Mojo Club schuf Manu Katché mit seinem Schlagzeug Klanglandschaften – und sein Publikum wackelte genüsslich dazu.

Hamburg.  Hamburg hat Manu Katché mit einem „großen Grau“ empfangen, wie er wenige Stunden später auf der Bühne mit einem Lächeln erzählt. Seine am Mittag aufgekommene Sorge, die Tristesse des Wetters könnte sich abends in den prall gefüllten Zuhörerraum hineinschleichen, ist da längst verflogen.

„Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, dass ich hier noch nie gespielt habe“, kokettiert Katché, „aber ich mag die positive, warme Atmosphäre in diesem Raum.“ Wie wahr. Die Premiere für den 61-jährigen Franzosen im Mojo Club gerät stimmungsmäßig gleich zu einem Heimspiel, sein durchaus gesetzteres Publikum fängt bei den ersten Klängen an, genüsslich zu wackeln.

Schlagzeuger Manu Katché im Mojo Club

Der Schlagzeuger, der schon für viele Größen wie Sting, Peter Gabriel oder Jan Garbarek getrommelt hat, präsentiert auf seiner Tour sein 2019 aufgelegtes neues Projekt „the scOpe“. Konstant ist in seinem Wirken nur der Wille nach Veränderung.

Und so variiert Katché nicht nur regelmäßig die Besetzung seines Quartetts, sondern auch die Rezeptur seiner Musik. 70er-Jahre-Fusion, Funk, Pop, Hip-Hop trifft hier auf elektronische Musik, ohne dass das Gesamtwerk jemals an Klarheit oder Harmonie verliert.

Beim Bass-Solo ins Meer abtauchen

Wer wollte, könnte monieren, dass Katchés Songs zuweilen das Unangepasste fehlt, doch darin liegt zugleich deren Stärke, weil sie jedem Einzelnen die Freiheit geben, aus den Klanglandschaften Bilder im Kopf entstehen zu lassen und aus dem Jetzt zu flüchten.

Um zum Beispiel beim Bass-Solo von Jerome Regard in die Meerestiefe abzutauchen. Angetrieben von Katchés treibendem Groove auf einem Motorboot auf den Wellen davonzurauschen. Oder sich, sanft umschmeichelt vom Rhythmus, einfach auf dem Wasser treiben zu lassen.

Solo ist Pflicht, Teamwork auch

Wie wohltuend, dass es Katché nicht nötig hat, mit seinem Können anzugeben. Sein (umjubeltes) Solo ist natürlich Pflicht, ansonsten steht Teamwork – Keyboarder Jim Henderson und Gitarrist Patrick Manouguian komplettieren das Quartett an diesem Abend – über allem. Das gilt auch für musikalische Gäste. Auf „Vice“ verleiht der Senegalese Faada Freddy seine Stimme und flimmert während des Songs auf der Videowand.

So neugierig sich Katché immer wieder auf Entdeckungsreise begibt, so sehr sorgt er sich um das Flüchtige der musikalischen Neuzeit. „Nur Streaming kann es nicht sein, wir brauchen Aufnahmen, ob auf CD oder Vinyl. Damit sich auch später die Menschen mit der Musik von 2020 auseinandersetzen können.“

Kurz vor dem Ende des gut 90-minütigen Konzerts bittet er das Publikum zu einer einfachen A-cappella-Einlage. Der Chor stimmt laut ein. Ein schöner Appell, Musik stets als Gemeinschaftswerk zu betrachten. So lässt sich das dunkle Grau, das am Ausgang schon wartet, leichter ertragen.