Hamburg

ECM in der Elbphilharmonie: Liebeserklärung an ein Label

Mit seinem Label ECM hat der Produzent Manfred Eicher die Klangkultur des zeitgenössischen Jazz geprägt. Nun hat ihn die Elbphilharmonie eingeladen.

Mit seinem Label ECM hat der Produzent Manfred Eicher die Klangkultur des zeitgenössischen Jazz geprägt. Nun hat ihn die Elbphilharmonie eingeladen.

Foto: KAUPO KIKKAS / Kaupo Kikkas

Zum Auftakt der Elbphilharmonie-Reihe „Reflektor“: Zehn Gründe, warum ECM und sein Gründer Manfred Eicher so einzigartig sind.

Hamburg.  Im vergangenen Jahr feierte das Label ECM, Heimat von Größen wie Keith Jarrett und Jan Garbarek, seinen 50. Geburtstag. Die Elbphilharmonie hat den Firmenchef Manfred Eicher nun eingeladen, in der Reihe „Reflektor“ ein kleines Festival zu kuratieren, das ab dem 2. Februar Jazz, Klassik und Weltmusik verbindet. Was macht ECM so einzigartig und liebenswert? Zehn Gründe:


1. Die Stille

Wer eine aktuelle ECM-CD in den Player legt, hört zunächst einmal – nichts. Fünf Sekunden lang. Zeit, um zur Ruhe zu kommen, sich einzustellen auf die Klänge, eine Grenze zwischen Alltag und Musik zu ziehen. Oder ganz praktisch gedacht: den Weg zwischen Hifi-Anlage und Sessel zurückzulegen. In jedem Fall eine Zäsur, die einstimmt, auf das, was danach kommt: Musik, die volle Aufmerksamkeit verdient. Schöner als der ECM-Sound sei nur noch der Klang die Stille, schrieb einst das kanadische Fachmagazin „Coda“. Seit vielen Jahren ist auf jeder ECM-CD der direkte Vergleich möglich.

2. Der Klang

Es gibt wenige Label, deren Klang so absolut unverkennbar ist wie der von ECM. Gelegentlich wird er als geradezu nordisch-kühl beschrieben, tatsächlich zeichnen sich sämtliche Labelveröffentlichungen durch eine enorme Transparenz aus. Der Detailreichtum ist das Ergebnis einer akribischen Studioarbeit, bei der Zeit keine Rolle zu spielen scheint und Labelchef Manfred Eicher, der über das absolute Gehör verfügt, sich erst zufrieden gibt, wenn seine Vision zu 100 Prozent erreicht ist. Netter Nebeneffekt: Jedes ECM-Album ist der perfekte Test für eine Hifi-Anlage.


3. Die Cover

„Sleeves of Desire“, Hüllen der Sehnsucht, heißt ein (inzwischen leider vergriffenes) Buch über die Cover der ECM-Alben und tatsächlich korrespondieren deren Motive nicht nur mit der Musik, sie sind auch ein konsequenter Gegenentwurf zu den üblichen, eher marktschreierischen Verkaufsvehikeln der Branche, die normalerweise auf die Gesichter der Stars setzt. Das Gros der ECM-Veröffentlichungen zeigt hingegen keine Menschen, sondern (karge) monochrome Landschaften, das Meer, Schatten, eher Gefühl als Gestalt, Fotokunst, Malerei. Wer sie betrachtet, weiß sofort, dass sich auf dem Tonträger keine Allerweltsmusik befinden kann.

4. Der Produzent

Manfred Eicher macht sich rar, jedenfalls wenn es um Interviews geht. Auch an Auszeichnungen, mit denen er in 50 ECM-Jahren überhäuft wurde, scheint er wenig Interesse zu haben. Selbst in der ECM-Dokumentation „Sounds and Silence“ ist er kaum zu hören, dafür aber immer wieder zu sehen: versunken in eine Aufnahme, im ruhigen Gespräch mit den Musikern. Dem Mann mit der leisen Stimme, der den Jazz so sehr geprägt hat, geht es stets einzig um die Musik. Als Kontrabassist spielte er in den 60er-Jahren bei den Berliner Philharmonikern und fand dann seine wahre Bestimmung: als Produzent, der anderen dient.

5. Die Vielfalt

ECM steht für Edition of Contemporary Music, für mehr also als lediglich Jazz. Und so finden sich in der „New Series“-Reihe zahllose Alben mit Musik von Arvo Pärt und John Cage, aber auch von Bach und Beethoven. Vielfach Referenzaufnahmen, weltweit ausgezeichnet. Und im Jazz-Kosmos ist ECM ebenfalls alles andere als ausrechenbar. Große Freejazzer wie Anthony Braxton und Marion Brown haben hier aufgenommen, ein Melodieliebhaber wie der Gitarrist Pat Metheny, Virtuosen aus anderen musikalischen Welten wie der tunesische Oud-Spieler Anouar Brahem oder die griechische Sängerin Savina Yannatou. Was für ein Spektrum!

Wissenswertes zur Elbphilharmonie:

  • Die Elbphilharmonie ist ein Konzerthaus, das als neues Wahrzeichen von Hamburg gilt
  • Sie wurde im Januar 2017 offiziell eröffnet
  • Das 110 Meter hohe Gebäude liegt in der HafenCity in Hamburg und soll mit seiner Form an Wellen, Segel und Eisberge erinnern
  • Wo heute die Elbphilharmonie steht, befand sich früher der Kaiserspeicher A
  • Das Konzept der Elbphilharmonie stammt von Projektentwickler Alexander Gérard und wurde bereits 2001 vorgestellt. Der Bau dauerte von 2007 bis Ende 2016
  • Die Baukosten betrugen 866 Millionen Euro

6. Die Treue

Dass Geld die Welt regiert ist ein beliebter Allgemeinplatz, der auf ECM allerdings nicht zutrifft. Hier versammeln sich seit Jahrzehnten Stars wie Keith Jarrett und Jan Garbarek, die anderswo im Laufe ihrer Karriere gewiss deutlich mehr hätten verdienen können. Und doch sind sie treu. Weil ECM nicht nur ein Label, sondern eine künstlerische Heimat ist. Weil mit Manfred Eicher ein Mann an der Spitze steht, der nicht zuerst an Verkaufszahlen, sondern an Qualität denkt. Und der dafür sorgt, dass auch frühe oder weniger gut verkäufliche Alben dauerhaft im Katalog bleiben.

7. Der Star

ECM und Keith Jarrett: Diese Verbindung scheint unauflöslich und bringt seit dem 1971 eingespielten „Facing You“ ein Meisterwerk nach dem anderen hervor. Natürlich führt kein Weg am legendären „Köln Concert“ vorbei, dem mehr als 3,5 Millionen Mal verkauften ECM-Bestseller, der in den 70ern zum musikalischen Handapparat so ziemlich jeder WG gehörte, doch es gibt so viel mehr: die kaum minder legendären „Sun Bear Concerts“ aus Japan, die atemberaubenden Aufnahmen mit seinem amerikanischen und europäischen Trio, die „Goldberg Variationen“ auf dem Cembalo. Keith Jarrett ist der Ausnahmekünstler eines Ausnahmelabels.

8. Das Understatement

Ein hippes Hauptquartier in exquisiter Lage? Die ECM-Zentrale in Garching bei München könnte davon kaum weiter entfernt sein. Ein eher karges Industriegebiet ist seit den Siebzigern die Heimat des Labels, die Autobahn so nah, dass sich aus den Bürofenstern der stete Verkehrsfluss beobachten lässt. Und irgendwie passt dieses spartanische Umfeld, diese Reduktion aufs Wesentliche perfekt zu ECM , das die Blenderei mit Äußerlichkeiten anderen überlässt – weil es hier eben auf innere Werte ankommt. Und die drücken sich nun mal nicht in schwindelerregenden Quadratmeterpreisen oder Desiger-Mobiliar aus.

9. Die Philosophie

Wenn Manfred Eicher etwas ablehnt, dann Beliebigkeit, den Kern des Streamings, das mehr und mehr die Musikwelt dominiert. Das schnelle Reinhören, Playlists, die von da nach dort und dann irgendwie weiter springen: Das entspricht nicht der ECM-Philosophie, nach der ein Album ein Gesamtkunstwerk mit eigener Dramaturgie ist, entstanden in einem langwierigen, manchmal schmerzhaften kreativen Prozess. Nach langem Zögern sind die ECM-Titel nun auch bei Anbietern wie Spotify und Apple Music zu haben. Lässt sich damit Geld verdienen? Ganz sicher. Glücklicher dürfte Eicher dennoch über jede verkaufte CD sein.

10. Das Durchhaltevermögen

Die Zeiten waren nicht immer golden für ECM. Wer über Jahrzehnte so kompromisslos auf eine künstlerische Vision setzt, wer sich nicht durch Trends beirren lässt, braucht gelegentlich einen langen Atem. Eine Art Urvertrauen und eben nicht das sklavische Hängen an Verkaufszahlen. In diesem Sinne hat ECM unglaubliche Ausdauer bewiesen. Mehr als 1600 Titel zählt der Katalog inzwischen, ein Ende ist nicht abzusehen. Monat für Monat gibt es vier, fünf, oft noch mehr Neuveröffentlichungen. Und während CDs normalerweise schon wenige Monate nach Veröffentlichung zum halben Preis verramscht werden, bleiben die ECM-Kurse – auch dies ein Qualitätssiegel – stets stabil.

Reflektor Manfred Eicher 2.2. bis 6.2., Elbphilharmonie, Karten: www.elbphilharmonie.de