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Dorothee Röhrig: Wenn Frauen an Freundinnen verzweifeln

Die Journalistin und ehemalige Chefredakteurin ("Emotion") Dorothee Röhrig (Frau von Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt) hat ein Buch über Freundinnen geschrieben.

Die Journalistin und ehemalige Chefredakteurin ("Emotion") Dorothee Röhrig (Frau von Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt) hat ein Buch über Freundinnen geschrieben.

Foto: dpa Picture-Alliance

Jede hat eine Ex-Freundin im Keller der Beziehungsgeschichte. Dorothee Röhrig erklärt in "Aus und vorbei", wie man loslässt.

Hamburg. "Freundinnen müsste man sein, dann könnte man über alles reden, über jeden geheimen Traum …“ Als Funny van Dannen 1998 dieses Lied sang, da wusste ich genau, was er meinte. Ich konnte jeden noch so unwichtigen Quatsch mit Anke, Anna, Bettina, Stephie und Eva besprechen. Wir hockten in WGs, in Vorlesungen, in Kneipen zusammen, aber eigentlich war die Umgebung egal, denn wir waren unsere eigene Umgebung.

In meiner Erinnerung haben wir auch quasi ständig unsere eh schon kleinen Betten mit­einander geteilt. Ein Wunder rückblickend, dass es überhaupt ein paar Männer, naja, Jungs, in unsere Nähe schafften. Was ich nicht wusste und für unmöglich gehalten hätte: Diese Soulsisters werden nicht den Rest meines Lebens mit mir verbringen. Das Märchen unserer Freundschaft endete nicht mit „… und sie lebten glücklich bis ans Ende aller Tage“. Es endete einfach mitten in der Geschichte. Als hätte jemand vergessen, die Seite umzublättern.

Die Brüche geschahen auf verschiedene Art und Weise: in unterschiedliche Städte gezogen, unterschiedliche Prioritäten gesetzt, unterschiedliche Lebensmodelle gewählt, unterschiedliche Karrieren gemacht, unterschiedlich mit Krisen umgegangen.

Aus eins und gleich wurde over and out. Von Stephie und Eva weiß ich nicht einmal, wie ihre Nachnamen inzwischen lauten. Mit Anna und Anke telefoniere ich noch gerne, aber viel zu selten, und es handelt sich dann nicht mehr um Telefonate von 23 Uhr bis 4 Uhr früh. Lediglich Bettina nenne ich nach wie vor „meine Sister“. Sie ist meine Trauzeugin, ich die Patin ihrer Tochter, aber das sind nur formale Verbindungen. Entscheidend sind die Push-Nachrichten, die wir gegenseitig ohne den Einsatz mobiler Endgeräte voneinander empfangen.

Obwohl wir in getrennten Städten leben, schaut sie mich bei unseren seltenen Treffen manchmal an und sagt plötzlich: „Ich weiß, was du gerade denkst. Lass das!“

Dorothee Röhrig: „Aus und vorbei!"

Freundinnen können ein Anker sein, sie können dir den Spiegel vorhalten, dein Korrektiv sein, dich stützen und tragen ­in guten wie in schlechten Zeiten – und sie können dich fertig machen – dir das Herz brechen, dich hintergehen, dein Vertrauen missbrauchen und dich verlassen.

Die Hamburgerin Dorothee Röhrig hat ein Buch über dieses schmerzhafte Thema verfasst: „Aus und vorbei! Woran Frauenfreundschaften zerbrechen und wie wir daran wachsen.“ Röhrig arbeitete viele Jahre lang bei verschiedenen Frauenzeitschriften, sie war Chefredakteurin der Zeitschrift „Emotion“, hat eine Tochter und ist in dritter Ehe mit Hubertus Meyer-Burckhardt verheiratet.

„Mein Leben verlief nie besonders linear, die Veränderung gehörte permanent zu mir, ich würde sogar behaupten, dass Brüche das Leben noch spannender machen“, sagt Röhrig. Dennoch machte es ihr schwer zu schaffen, als sich eine Freundin von ihr trennte.

Zur Weiterentwicklung gehört das Loslassen, doch das sagt sich so leicht. Aus dem Schmerz entstand die Idee zu ihrem zweiten Buch. Röhrig dachte, die Recherche würde schwierig werden, doch die machte sich quasi von alleine. Leider. Sobald die Autorin auf Veranstaltungen berichtete, sie würde als Nächstes über zerbrochene Frauenfreundschaften schreiben wollen, breiteten die anderen Gäste traurige Geschichten vor ihr aus.

Fast jede Frau hat eine Ex-Freundin im Keller. Und viele von denen spuken bis heute in ihren Köpfen herum. „Ich war erstaunt, wie verzweifelt viele Frauen nach der Trennung von einer Freundin waren. Schlimmer als Liebeskummer, sagten mir viele, ich habe wirklich gespürt, wie weh es ihnen tat, und bei unseren Gesprächen flossen häufig Tränen,“ erzählt Röhrig.

Wann soll ich Abschied nehmen?

Die Journalistin sammelte viele Fallgeschichten, die sie gemeinsam mit der Psychologin Dr. Audrey Lobo-Drost einordnete, um Fragen zu klären wie: Woran erkennt man die Klippen in einer Freundschaft und wie meistert man sie? Wie erkenne ich den eigenen Anteil am Konflikt, und wann sollte ich wirklich Abschied nehmen?

Da sind zum Beispiel die besten Freundinnen Katarina und Claudia. Claudia arbeitet als Radiojournalistin und hilft nebenbei vernachlässigten Kindern. Immer wenn ihre Projekte stocken, lässt sich Katarina etwas einfallen, um neue Spenden an Land zu ziehen. Doch irgendwann will sie andere Leute einfach nicht mehr um Geld für ihre Freundin bitten. Claudia zieht sich enttäuscht zurück. „Du willst mir nicht helfen!“ lautet der Vorwurf der einen, die Antwort der anderen: „Ich bin nur deine Freundin, wenn ich dir Geld gebe.“

Oder Sandra und Karin. Bis zum Ende ihrer Schulzeit verbringen sie jeden Tag zusammen, meistern Schicksalsschläge gemeinsam, kommunizieren ohne Worte. Dann zieht Karin nach dem Abitur nach Paris, Sandra fühlt sich im Stich gelassen: „Du bist egoistisch und gibst unseren gemeinsamen Lebensweg auf!“

Bei Alice und Nicola wird aus einem netten Abendessen eine Kata­s­trophe. Alice lädt mehrere Leute zu sich nach Hause ein, die Freundin landet am Ende des Dinners mit einem Gast, den sie zuvor nicht gekannt hatte, im Bett. Alice fürchtet um den Ruf ihrer Freundin, diese jedoch findet, sie könne tun und lassen, was sie will. Alice solle nicht immer so streng sein.

Freundinnen: In der Streit-Situation einen Schritt zurücktreten

In allen drei Fällen hätte der Konflikt nicht zum Bruch führen müssen, denn gemeinsame Schnittmengen können sich auflösen, Träume eine andere Richtung einschlagen, ohne dass sich der eine vom anderen verraten fühlt, Ansichten müssen nicht permanent übereinstimmen. Doch die ehemaligen Freundinnen haben sich so gestritten, dass sie nichts mehr mit­einander zu tun haben. „Dennoch denke ich jeden Tag an Sandra“, sagt Karin. Und Alice meint: „Ich habe sehr gelitten. Das war wie eine Trennung, ich hatte richtig Liebeskummer. Erst diese wahnsinnige Wut. Als die nachließ, kam der Schmerz. Und dieses entsetzliche Verlustgefühl.“

Gerade an unterschiedlichen Werten zerbrechen Freundschaften. „Weil diese die Identität betreffen“, erklärt die Hamburgerin Sonja Nielbock. Die Soziologin leitet die Stab­stelle Konfliktprävention und -beratung der Universität Hamburg und hat beobachtet, wie sich beste Freundinnen an der Frage der richtigen Kindererziehung entzweiten. „Nicht jeder Mensch hält es aus, andere Sichtweisen zu akzeptieren, und wenn es um die eigenen Kinder geht, wird ein Streit schnell sehr emotional und explosiv.“

Natürlich könne man durch Mediation versuchen, Brüche wieder zu kitten, so die Expertin. Am besten sei es aber, bereits in der Streit-Situation einen Schritt zurückzutreten, um es gar nicht erst zum Schlimmsten kommen zu lassen: „Sagen Sie der Freundin einfach: Waffenstillstand. Ich brauche mal eine Pause. Lass uns morgen weiterreden.“ Denn letztendlich stimmt der Spruch: Es dauert ewig, einen Freund zu gewinnen, aber man kann ihn in einer Sekunde verlieren.

Mit Unbekannten ins Bett gehen oder Geld klauen

Besonders, wenn das Vertrauen zerstört wurde, hilft der beste Vermittler nicht mehr. Die eine ist mit dem Partner der anderen ins Bett gegangen. Die eine hat die Arbeit der anderen als ihre Leistung ausgegeben. Die eine hat schlecht über die andere geredet. Tut alles weh. „Unsere Konfliktarbeit besteht in dem Versuch, Vertrauen wiederherzustellen,“ sagt Dr. Jens Joachim Rogmann, Diplom-Psychologe an der Universität Hamburg.

„Aber es gibt Situationen, in denen der eine das Vertrauen des anderen so zerstört, sodass nicht nur die Gegenwart plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheint als vorher, sondern auch die Vergangenheit und damit alles, was man in scheinbar schönen Zeiten miteinander teilte.“

Ich hatte mal eine Freundin, mit der ich eine Wohnung und alle ihre Sorgen teilte. Ich deckte sie, wenn sie ihren Freund betrog und merkte nicht, dass sie mich genauso betrog. Erst waren es Ohrringe und Klamotten, doch eines Tages war mein Konto leer geräumt. Meine Freundin hatte gleich eine These: Dieser Studienkollege von mir, der mit den komischen Drogenproblemen, der sei das gewesen.

Die Videoaufnahmen meiner Bank allerdings waren eindeutig. Nie habe ich eine ätzendere Schwarz-Weiß-Aufnahme betrachten müssen. Ich zog noch in derselben Nacht aus und ein paar Wochen später sogar um in eine andere Stadt. So weit wie möglich weg von dieser falschen Freundin.

Haben Frauen mehr Selbstzweifel?

Sich in solchen Fällen vonein­ander zu lösen, erscheint unausweichlich. Doch zu den schlimmsten Momenten im Leben gehört es, Menschen zu begraben, die gar nicht gestorben sind. Die man einmal von Herzen liebte. Damit es bei einer Trennung nicht zum Rosenkrieg kommt, empfehlen die Konfliktexperten, sich bewusst Zeit für den Streit zu nehmen. „Das Timing muss stimmen,“ sagt Dr. Rogmann. „Wenn die andere gar keine Chance hat, sich zu erklären, dann wird das meist nichts.“

Im Guten auseinanderzugehen ist eine Kunst, die die Beherrschung der Emotionen vor­aussetzt. Sonja Nielbock ergänzt: „Ihre innere Haltung muss auch stimmen. Sie sollten wirklich interessiert sein an der anderen. Das spürt sie nämlich.“ Nur so kann es gelingen, Brücken zu bauen.

Wieso haben Frauen eigentlich so einen großen Wunsch nach einer Freundin, nach Übereinstimmung? Männer brauchen das ja nicht, diesen permanenten Austausch, diese Kommunikationsorgien. „Viele Frauen fühlen sich im Kern unsicher. Freundschaften kompensieren diesen Mangel,“ glaubt Röhrig.

Die 67-Jährige weiß, ihre These sei „sehr unpopulär“, doch selbst wenn wir es nicht hören wollen, vielleicht hat die Autorin recht. Es gibt immer noch zu viele Selbstzweifel und Unsicherheiten in unserem Alltag, selbst wenn wir beruflich und privat schon längst auf der Überholspur sind.

Letztens saß eine Freundin bei mir zu Hause. Nein, sie war in einem Sessel zusammengesunken, dabei hatte sie gerade einen Vertrag unterschrieben, der sie zur Chefin von 2000 Leuten machen wird. Sie war gekommen, weil wir auf ihren Erfolg anstoßen wollten, doch sie konnte sich gar nicht richtig freuen. Ich sagte ihr mindestens zehnmal, dass sie mit Sicherheit die Richtige für diesen Job sei, doch wirklich überzeugen konnte ich sie nicht.

Wir Frauen kriegen es wahrscheinlich genetisch bedingt einfach nicht hin zu sagen: „Ich bin die Beste, die Stärkste, die Gewinnerin!“ Also brauchen wir Unterstützung. Bestätigung. Und dafür geben wir einiges, manchmal zu viel.

Geheimnisse als Kleber einer zerrütteten Beziehung

Zwischen Frauen entsteht ein anderes Maß an Verständnis und Nähe als zwischen Männern, weil Frauen bei einer seelenverwandten Freundin „quasi ihr Selbst enthüllen und ihre Schutzmechanismen nach und nach aufgeben“, erklärt die Verhaltenstherapeutin Audrey Lobo-Drost. Es gibt Studien, nach denen Frauen eher auf den Partner verzichten würden als auf ihre beste Freundin, weil sie die wichtigsten emotionalen Bezugspersonen fürein­ander sind.

Doch diese Intimität birgt natürlich Gefahren. Es gibt Freundschaften, die existieren nur noch, weil die eine zu viel von der anderen weiß. Geheimnisse als Kleber einer eigentlich zerrütteten Beziehung. „Wir sollten lernen, Freundschaften behutsamer zu schließen,“ findet Dorothee Röhrig. „Wir müssen doch nicht gleich zusammen Unterwäsche einkaufen und uns komplett preisgeben, sondern sollten erst einmal herausfinden: Ist das wirklich ein vertrauenswürdiger Mensch?“ Die Autorin ist sich sicher: „Mehr Distanz bedeutet nicht weniger Emotion.“

Es ist ja die Krux: Der Wunsch nach Zusammensein und das Streben nach Autonomie, das in jedem Menschen verankert ist, stehen sich bei Frauenfreundschaften im Weg. Und wenn es richtig geknallt hat, dann sollte man sich trotz allen Ärgers immer an die guten Dinge erinnern, die diese eine Freundin einem gebracht hat, rät Röhrig.

Da wir mit einem Lied eingestiegen sind, lassen wir zum Abschluss Mark Forster singen: „Immer geht ’ne neue Tür auf, irgendwo. Auch wenn’s grad nicht so läuft, wie gewohnt. Egal, es wird gut, sowieso.“ Ich kenne nun vielleicht nicht mehr die Nachnamen von Stephie und Eva, aber dafür kann ich Olga und Konstanze zu jeder Tag- und Nachtzeit anrufen.

Jetzt gerade berichtete ich Olga beispielsweise von meinem Interview mit Dorothee Röhrig, wie inspirierend das Gespräch und wie außergewöhnlich diese Autorin sei. Olga lachte: „Ha! Die kenne ich! Ich war bei ihrer Hochzeit.“ Die tollen Frauen in dieser Stadt, sie finden sich untereinander.