Lessingtage

Warum Kuratorin Nora Hertlein Hamburg so schön ruppig findet

Nora Hertlein im Café des Artistes, dem Thalia-Restaurant (Archivbild).

Nora Hertlein im Café des Artistes, dem Thalia-Restaurant (Archivbild).

Foto: Roland Magunia

Am Wochenende starten die Lessingtage im Thalia Theater. Wie die Organisatorin aus Niederösterreich in den Norden fand.

Hamburg. Vor fünf Jahren versuchte Joachim Lux zum ersten Mal, Nora Hertlein ans Thalia Theater zu holen. Doch die junge Österreicherin hatte gute Gründe, dem Intendanten abzusagen. „Ich war damals auf dem Sprung nach New York“, erzählt sie mit ihrem unüberhörbaren Akzent. Die Performance-Truppe Nature Theater of Oklahoma wollte Hertlein unbedingt als Tournee-Regisseurin und Produktionsleiterin verpflichten. „Das war eine spannende Erfahrung, weil wir unsere internationalen Gastspiele ohne großen Apparat gemacht haben.“ Mit der preisgekrönten Gruppe hatte Hertlein auch ihre erste Hamburg-Begegnung. Bereits 2011 war sie beim Live Art Festival drei Wochen lang mit den amerikanischen Performern auf Kampnagel zu Gast.

Hertlein kuratiert Lessingtage im Thalia Theater

„Der Kontakt zu Joachim Lux ist jedoch nicht abgerissen. Als er zusammen mit einem Team von Kampnagel das ,Theater der Welt‘ kuratiert hat, habe ich ihm Empfehlungen für spannende amerikanische Stücke gegeben“, so Hertlein. Inzwischen ist die Theater-Frau nun doch am Thalia Theater gelandet. Seit mehr als einem Jahr ist sie „Kuratorin des internationalen Programms“.

Mit der neu geschaffenen Stelle möchte Lux mehr Produktionen aus aller Welt an das Haus am Alstertor holen. Außerdem ist Hertlein in Abstimmung mit Intendanz und der Dramaturgie verantwortlich für die Zusammenstellung des Programms der Lessingtage, die dieses Wochenende beginnen und bis zum 9. Februar im Großen Haus, im Nachtasyl und in der Thalia Gaußstraße laufen.

Einjährige Vorbereitung

Ein Jahr lang hatte sie Zeit, das Theaterfestival vorzubereiten und außergewöhnliche Produktionen aufzuspüren. Dafür muss sie oft ihren Koffer packen. „Das ist zur Routine geworden. Seit mein Gepäck einmal nach einem 20-stündigen China-Flug verloren gegangen ist und ich völlig verschwitzt in eine Aufführung musste, reise ich nur noch mit Handgepäck“, erzählt sie beim Gespräch im Café des Artistes, dem Theater-Restaurant im Thalia, und lacht. 40 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringt Hertlein außerhalb ihres Büros auf Reisen.

„In einer Woche nach Istanbul, Paris und Athen zu fliegen klingt nach Jetset, doch ich sehe von diesen Städten meistens so gut wie nichts. Tagsüber treffe ich Kollegen, abends besuche ich dann eine Vorstellung, und am nächsten Morgen geht es schon wieder weiter oder zurück nach Hamburg. Da bleibt meistens keine Freizeit. Der Glamour-Faktor ist bei so einem engen Zeitplan sehr begrenzt. Innerhalb von Europa stelle ich mittlerweile aber auch mehr auf Zugreisen um, was die Planung natürlich noch etwas komplizierter macht und mehr Reisezeit erfordert“, sagt sie und rührt in ihrem Cappuccino mit Hafermilch.

Das Leben aus dem Koffer sei zwar anstrengend, aber die Begegnungen auf diesen Reisen extrem inspirierend. „Das Spannendste ist, andere Theatermacher zu treffen und ein Gefühl für andere Arbeitsumstände zu bekommen, die weit entfernt von dem subventionierten Theaterbetrieb sind, den wir von deutschen Staatstheatern kennen.“

Theaterleidenschaft seit frühen Jahren

Ihre Theaterbegeisterung entwickelte Nora Hertlein schon zu Schulzeiten. Sie habe leidenschaftlich gerne Theater gespielt und vor der Reifeprüfung schon gewusst, dass sie Theaterwissenschaft studieren wolle. Aufgewachsen ist sie in einem kleinen Dorf in Niederösterreich, das Gymnasium hat sie in Waidhofen an der Thaya, einer Kleinstadt mit 5000 Einwohnern nahe der tschechischen Grenze, besucht. Zum Studieren machte sich die junge Frau voller Energie nach Wien auf. „Das Studium hat mich sehr schnell ernüchtert. Es war mir zu theoretisch. Vom zweiten Semester an habe ich hospitiert und am Theater gearbeitet. Zuerst in der freien Szene und dann im Rabenhof Theater. Das ist ein kleines modernes Volkstheater mit 300 Plätzen. Dort habe ich Pressearbeit gemacht, hatte mit Finanzen und Organisation zu tun und mitbekommen, wie ein Theaterbetrieb läuft.“

Das Theater mit der größten Strahlkraft in der österreichischen Hauptstadt ist die Burg. „Den Tanker“ nennt Hertlein das Haus. Wer etwas in der Theaterszene werden will, muss die besondere Atmosphäre erleben. Auch für Nora Hertlein führte kein Weg an der Burg vorbei. Sie hospitierte bei Andrea Breth, die dort bis 2019 insgesamt 20 Jahre lang als Hausregisseurin gewirkt hat. Die junge Mitarbeiterin muss großen Eindruck bei Breth hinterlassen haben, denn sie empfahl Hertlein innerhalb des Hauses für die Stelle einer Regieassistentin. „Das ist einer der härtesten Jobs am Theater, aber die drei Jahre dort waren prägend. In dieser Zeit habe ich auch festgestellt, dass ich nicht Regisseurin werden wollte. Konzeptionelle Arbeit macht mir viel Spaß, Proben nicht so sehr“, blickt Hertlein zurück.

Dramaturgie und Produktion interessierten sie sehr viel mehr: „Für mich ist es eine große Herausforderung, das Profil eines Hauses oder eines Festivals zu entwickeln und Künstler aus unterschiedlichen Bereichen zusammenzubringen, also auch zu schauen, wo sich bildende Künstler oder Musiker mit Theatermachern ergänzen könnten.“

Funktionieren die Stücke auch in Hamburg?

Nach Hamburg geholt hat Hertlein bereits ein Gastspiel mit der französischen Star-Schauspielerin Isabelle Huppert und eine gefeierte französisch-vietnamesische Produktion mit dem Titel „Saigon“. Im April folgt ein Gastspiel des Gogol Centers Moskau mit einem Stück, das der lange unter Hausarrest stehende Kirill Serebrennikov inszeniert hat, im Juni kommt dann ein chinesisches Ensemble, das der polnische Altmeister Krystian Lupa leitet. Außerdem hat sie eine ganze Reihe von Produktionen eingeladen, die jetzt bei den Lessingtagen laufen werden.

Wenn Hertlein sich in aller Herren Länder Produktionen anschaut, versucht sie sich in das Hamburger Thalia-Publikum hineinzuversetzen. „Ich muss mir immer die Frage stellen, ob Stücke aus anderen Kulturen auch in Deutschland funktionieren. Mein Job ist es, professionelle Zuschauerin zu sein und auch vom eigenen hohen Ross herunterzukommen. Das, was wir unserem Publikum zeigen, kann ja nicht nur meinem persönlichen Geschmack entsprechen. Die Stücke, die wir einladen, sollten kompatibel ein und der Mehrheit unseres Publikums auch gefallen oder zumindest anregen“, liefert Hertlein eine genaue Beschreibung ihres Jobs.

Hartleins Stückauslese: ein "Muss" für Hamburg

„Wir wollen unser Publikum nicht vor den Kopf stoßen, sondern versuchen den Horizont etwas zu erweitern. Unser Geschäft und unser Wunsch ist es ja, das Hamburger Publikum ins Theater zu bekommen.“ Es gehe vor allem darum, Perspektiven auf die Welt mit den Mitteln des Theaters zu zeigen, die man sonst nicht bekommen würde. „Es passiert nicht oft, aber manchmal sehe ich Stücke, von denen ich glaube, dass ich sie zeigen muss.“ Das „muss“ betont sie besonders deutlich und führt als Beispiel eine Produktion an, die „Reverse Colonialism!“ heißt und die sie zu den Lessingtagen eingeladen hat.

Drei Performer aus Kamerun und Nigeria, die in Belgien leben, versuchen das Migrations-Integrations-Debakel zu lösen, indem sie in Europa einen utopischen Staat errichten wollen: „Dieses Stück stellt auch ein sehr aufgeklärtes Publikum vor schwierige Fragen. Und witzig ist es auch noch!“

Ihre Hamburg-Liebe: ruppig und rau wie Wien

Hertlein zeigt im Gespräch immer wieder ihre Begeisterung über Begegnungen, die sie hatte, über Stücke, die ihr den Atem geraubt haben, aber auch über die Stadt, in der sie jetzt seit gut einem Jahr lebt und von der sie immer noch nicht genug gesehen hat. „Hamburg erinnert mich in seiner Schönheit und seiner Gediegenheit an Wien. Vor allem bin ich begeistert vom Wasser. Hafen und Meer sind für mich exotisch und beeindruckend gleichermaßen“, sagt sie. „Die Berge vermisse ich nicht.“ Sie hat schon etliche Hafenrundfahrten gemacht und nutzt ihre Freizeit zu langen Spaziergängen von Altona, wo sie lebt, bis nach Blankenese. Ihr gefällt auch die lakonische und manchmal etwas ruppige Art der Norddeutschen. „Das kenne ich auch aus Wien, und das gefällt mir“, sagt sie.

„Als Österreicherin schlägt mir viel Positives entgegen. Glücklicherweise finden viele Leute meinen Tonfall sehr charmant“, sagt sie und lacht. Ein sehr viel größerer Kulturschock sei für sie die Rückkehr aus den USA nach Europa gewesen: „Mit seiner freundlichen Floskelhaftigkeit läuft der Alltag in Nordamerika geschmeidiger als hier.“ Ihren dreijährigen Aufenthalt in New York hat Hertlein genutzt, um an der New York University einen Master in Soziologie und Cultural Studies zu machen. „Das hat meinen Horizont noch einmal erweitert. Es war ein unglaublicher Luxus, als Fulbright-Stipendiatin zwei Jahre lang zu lesen, zu schreiben und zu denken“, erinnert sie sich.

In den kommenden drei Wochen muss Hertlein Hamburg nicht verlassen, denn dann kümmert sie sich um die vielen Produktionen, die zu den Lessingtagen kommen. Bei der Frage nach Empfehlungen muss sie lange nachdenken. Schließlich entscheidet sie sich für das oben bereits erwähnte „Reverse Colonialism!“ und für Philippe Quesnes „Farm Fatale“. „Das sind zwei außergewöhnliche Arbeiten, sowohl politisch als auch ästhetisch. Die muss man gesehen haben!“

Am kommenden Wochenende lesen Sie das Porträt von Schwester Petra von der Caritas, die seit 25 Jahren Menschen auf der Straße hilft.