Hamburg

Lessingtage: Das Thalia Theater und die Weltinnenpolitik

Das Hamburger Thalia Theater.

Das Hamburger Thalia Theater.

Foto: Marcelo Hernandez

Das Toleranzfestival Lessingtage thematisiert unter anderem Kolonialismus, Klimawandel und eine ungerechte Verteilung von Reichtum.

Hamburg.  Thalia-Intendant Joachim Lux baut seit Jahren die internationale Ausrichtung des Hauses kontinuierlich aus. Seit langem ist er ein überzeugter Anhänger des von Jürgen Habermas geprägten Begriffes der Weltinnenpolitik, die im Lichte der globalisierten Welt leider nicht einfacher geworden sei, so Lux anlässlich der Präsentation des Programmes des diesjährigen Thalia-Toleranzfestivals „Lessingtage – um alles in der Welt 2020“. Unter dem Titel „Wem gehört die Welt“ geht es vom 18. Januar bis zum 9. Februar in Gastspielen und risikofreudigen Eigenproduktionen um akute Themen der Weltlage mit Schwerpunkten auf den Themen Postkolonialismus und Klimawandel.

Das komplizierte Verhältnis zwischen Nord- und Südhalbkugel wird in Flucht- und Migrationsgeschichten aus Afrika und Mexiko abgebildet. Mehrere Produktionen, Lesungen und Gespräche sind dem Klimawandel gewidmet. „Ich glaube, dass er zum Kernpunkt eines Festivals gehört“, so Joachim Lux. Folglich haben auch junge Stimmen mehr Gewicht denn je im Festivalprogramm. Da findet sich zum Beispiel als exemplarische Schöpfungs- und Untergangsgeschichte Thorleifur Örn Arnarssons Beschäftigung mit der isländischen Saga „Edda“. Der Isländer Arnarsson ist ein Vertreter des jungen Regietheaters und präsentiert sich mit der Burgtheater-Aufführung erstmals in Hamburg. In der Aufführung ist auch der Schauspieler Jan Bülow zu erleben, bald als Udo Lindenberg im Kino zu sehen.

Politisch aktuelle Brisanz

Eine Krimi-Dystopie über die Jagd nach den Bodenschätzen in Grönland präsentiert die belgische Regisseurin Anne-Cécile Vandalem mit ihrer Kompanie „Das Fräulein“ in „Arctic“. Und der französische Theatermacher Philippe Quesne wiederum sendet in „Farm Fatale“ fünf Vogelscheuchen auf die Suche nach einer Utopie in einer postapokalyptischen Welt. Es gibt nicht nur Theater zum Thema. In einer Diskussion trifft der Erste Bürgermeister der Stadt Hamburg, Peter Tschentscher, auf die Klimaktivistin Luisa Neubauer, die in Hamburg das Potenzial einer möglichen ökologisch-visionären Weltstadt sieht.

Politisch aktuelle Brisanz dürfte Milo Raus Versuch zeigen, sich als nordeuropäischer Künstler mit Künstlern im Irak zu verbinden, um in „Orest in Mossul“ von Rache, Vergebung und Neuanfang zu erzählen. Ähnliches versucht die Eigenproduktion „Hereroland – Eine deutsch-namibische Geschichte“, das der deutsche Regisseur Gernot Grünewald und sein namibischer Kollege David Ndjavera gemeinsam als begehbare Installation mit einem deutsch-namibischen Team in der Gaußstraße herausbringen. Abende wie diese, die die Grenzen des Theaters überschreiten, wären vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen, so Joachim Lux. Doch nun gebe es ein geschärftes Bewusstsein und auch Fördergelder für die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit.

Blick in die Zukunft

In ersten Probeneinblicken stehen die deutsch-namibischen Akteure, unter ihnen die Ensemblemitglieder Jörg Pohl und Toini Ruhnke, auf Holzpodesten und erzählen von Namibia als einem Land, das bis heute von großer Ungleichheit geprägt ist. Der Reichtum ist seit der Landnahme damals bis heute überwiegend in den Händen der weißen Siedler. Im August 1904 versammelten sich über 60.000 Herero zu antikolonialem Protest am Waterberg. Die deutschen Schutztruppen Deutsch-Südwestafrikas trieben sie in die Wüste, die Überlebenden wurden gejagt und ermordet.

Wer das überstand, fiel meist der Sklavenarbeit oder medizinischen Versuchen in den Konzentrationslagern zum Opfer. Die Theaterproduktion will ausgehend von der komplizierten Vergangenheit des Genozides den Blick in die Zukunft richten. „Der Bau der Speicherstadt wurde durch den Überseehandel ermöglicht, der ein stark globalisierter Ausbeutungshandel war und ist“, erläutert Gernot Grünewald die Bedeutung Hamburgs für die Geschichte. Hamburg sei aber auch die erste Stadt, die ihr koloniales Erbe mit einer eigens eingerichteten Forschungsstelle aufarbeite.

Ein Festival am Herzschlag der Welt und sicher auch ganz im Sinne seines Namensgebers, des Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing.

„Um alles in der Welt – Lessingtage 2020“ 18.1. bis 9.2., Thalia Theater und Thalia Gaußstraße, Karten zu 10 bis 79 Euro unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de/lessingtage