Ausstellung

Reise in Vergangenheit: Als das PC-Modem pfiff und knackte

Sharp-Ghettoblaster Ausstellung "Hot Stuff - Archäologie des Alltags"

Sharp-Ghettoblaster Ausstellung "Hot Stuff - Archäologie des Alltags"

Foto: Archäologisches Museum Hamburg / AMH

Das Archäologische Museum Hamburg präsentiert in seiner aktuellen Schau „Hot Stuff“, ausgestorbene Dinge des Alltags.

Hamburg. Eintauchen ins ganz eigene Musikuniversum, das neueste Mixtape eingelegt, und los auf Rollerskates zum Aerobic-Kursus. Das ging mit dem Walkman – unbedingt das Original von Sony! 1979 revolutionär, eine Sensation, heute eine gesuchte Antiquität, die für mehr als 1000 Euro gehandelt wird und längst museumsreif ist.

„Hot Stuff“, der heiße Scheiß aus den 1970ern, 80ern, 90ern und 2000ern, ist das Thema der aktuellen Ausstellung im Archäologischen Museum Hamburg. Das ist zunächst überraschend, graben die Kuratoren doch sonst in tieferen, zeitlich sehr viel weiter zurückliegenden Gefilden. Doch als Direktor Rainer-Maria Weiss seiner Tochter von seiner Abschlussarbeit für die Uni, von damals üblichem Endlospapier und Nadeldruckern erzählte, soll sie nur gerufen haben: „Papa, hast du in der Steinzeit studiert?“ Die Ausstellungsidee war geboren.

Mit einem Augenzwinkern will „Hot Stuff“ die jüngste Geschichte erlebbar machen. Eine Zeit, in der Teenager sich in Disney-Comic-Bettwäsche schmiegten, „Hui Buh“-Kassetten auf dem Kassettenrekorder hörten und ihre Kaugummis aus Automaten am Straßenrand zogen, während ihre Mütter am moosgrünen Telefon mit Wählscheibe hingen und die Väter sich mit dem Diaprojektor vertraut machten, um der Familie beim abendlichen Beisammensein Urlaubsimpressionen zu präsentieren.

Technischer Fortschritt als Motor der Geschichte

In verschiedenen Lebenswelten wird in der Ausstellung Technik präsentiert, die einst begeisterte: Im simulierten Großraumbüro kann auf eine Zeitreise durch die Berufswelt gegangen werden Ein typischer Büro-Arbeitsplatz bestand zunächst noch aus einer Schreibmaschine nebst Tipp-Ex, einem Behälter mit Büroklammern und einem Karteikartensystem, später dann aus einem Personal Computer samt Diskettenlaufwerk und „Kreisch“-Drucker. Unverzichtbares Utensil der Erfolgreichen war ein prall gefülltes Filofax, das Outlook aus Papier. Termine, Notizen, Adressen, Welt-, Visiten- oder Scheckkarten durften schließlich bei keinem Meeting fehlen.

An einer Klangwand können per Knopfdruck je nach Alter mehr oder weniger vertraute Geräusche abgespielt werden, vom pfeifend-knackenden Einwahl-Ton eines Modems über das Abspielen einer Langspielplatte bis zum Tippen einer Schreibmaschine. „Man glaubt es kaum: Heute wissen 20-Jährige nicht, wie man eine Schreibmaschine bedient oder was man mit einer Diskette anfangen kann“, so Weiss. Oder besser gesagt konnte. Denn all diese Dinge befinden sich nicht umsonst im Museum.

„Es geht hier nicht um Moden, die verschwinden. Deshalb zeigen wir auch kein Bonanza-Rad oder Föhnfrisuren aus den 80ern. Sondern es geht um Dinge des Alltags, die es heute einfach nicht mehr gibt.“ Und die deshalb mit den Mitteln der Archäologie gehoben werden mussten. Viele der mehr als 100 Ausstellungsstücke stammen aus dem Privatbesitz der Mitarbeiter, der Rest wurde systematisch im Internet dazugekauft.

Menschen schon immer an Hot Stuff interessiert

Archäologisch interessant sind die Funde aber auch aus einem anderen Grund: „Die Menschen waren schon immer an Hot Stuff interessiert; es ist der Motor der Menschheitsgeschichte“, sagt Sammlungsleiter Michael Merkel und verweist auf Schwerter aus Bronze, die absolute Prestigeobjekte der Oberschicht um 1600 vor Christus waren.

„Und die Schnabelkanne war ein Statussymbol der Etrusker in Italien. Zunächst als Souvenir im 5. Jahrhundert v. Chr. importiert, ahmten die Kelten diese Weinkaraffe schon bald aus Metall nach.“ Apropos Status: Das Autotelefon, das mancher sich in den 1980er-Jahren in seinen Firmenwagen einbauen ließ und trotz eines Gewichts von sieben Kilogramm im Henkelkasten stolz in die Eisdiele trug, fehlt natürlich nicht in der Ausstellung.

Die rasante technische Entwicklung innerhalb von zwei Jahrzehnten lässt sich überhaupt am schönsten beim Thema Handy betrachten: vom sogenannten „Motorola-Knochen“ über die ersten handlicheren Mobiltelefone von Nokia bis zum Blackberry. Von zwei Seiten, Musik und Telefonie, wird sich schließlich dem Thema Smartphone gewidmet.

Die Halbwertzeit der Geräte wird immer kürzer

Mit „Hot Stuff“ hat das Archäologische Museum eine generationenübergreifende Familienausstellung konzipiert, die ohne große Erklärungen auskommt, denn die Geschichten zu den Exponaten sind in der Regel nur allzu gut aus der eigenen Lebensgeschichte bekannt. Bei allem augenzwinkernden Spaß zeigt die Ausstellung auch deutlich, dass sich das Karussell immer schneller dreht, die Halbwertzeit der Geräte immer kürzer wird.

Abgesehen vom Nachhaltigkeitsgedanken müsse man sich die Frage stellen, was künftig vom Leben übrig bleibt. Denn das technische Gerät wird nicht nur kleiner, schmaler und handlicher. Durch die digitale Revolution entmaterialisiert sich unser Alltag allmählich. Und so tauchen die Besucher am Schluss in einen abgedunkelten Raum ein und fühlen sich wie im Wald, Vogelgezwitscher inklusive. Allerdings: Alles, was Archäologen später davon einmal finden könnten, ist eine Virtual-Reality-Brille.

„Hot Stuff - Archäologie des Alltags“ Archäologisches Museum (S Harburg Rathaus), Museumsplatz 2, Di-So 10.00-17.00, Eintritt 6,-/4,- (ermäßigt), weitere Infos im Internet unter www.amh.de