Comickritik

Im neuen Asterix wird das Comic-Universum infrage gestellt

Eine Szene aus "Die Tochter des Vercingetorix".

Eine Szene aus "Die Tochter des Vercingetorix".

Foto: Egmont Ehapa Media © 2019 Les Éditions Albert René / Goscinny – Uderzo

Der Greta-Test: Im 38. Band „Die Tochter des Vercingetorix“ stellt die Jugend das gallische Dorf-Universum auf den Kopf.

Ein Trost blieb immer: Mag die Welt da draußen auch immer verrückter werden, in einem kleinen, allen wohlbekannten gallischen Dorf geht alles stets den gleichen Gang. Man streitet und rauft sich, man verprügelt die umstehenden Römer, aber sonst lebt man doch ganz beschaulich. Und sitzt am Ende beisammen und isst Wildschwein. Die Zeit bei Asterix und Obelix, sie scheint auf ewig stehen zu bleiben.

Doch halt. Ausgerechnet 60 Jahre, nachdem der allererste „Asterix“-Band erschien, erlebt die Welt der unbeugsamen Gallier nun eine gründliche Erschütterung. Im nunmehr 38. Band „Die Tochter des Vercingetorix“, der jetzt auf dem Markt ist, befindet man sich zwar immer noch im Jahre 50 vor Christus. Daran hat sich in all den Jahren nichts geändert. Aber plötzlich gibt es nicht nur die großen Krieger und ihre kleinen Kinder. Plötzlich finden sich auch Jugendliche im Dorf: der Fischer wie der Schmied, die sich immer in die Haare kriegen, haben plötzlich zwei Söhne im Teenie-Alter, die auch beide in die Lehre gehen, Aspix und Selfix. Und bald kommt auch noch ein Mädchen in diesem höchst schwierigen Alter ins Dorf.

Asterix im Jubiläumsjahr: Den Galliern stellt sich die Sinnfrage aus den eigenen Reihen

Die Gallier mögen der römischen Besatzung standhalten, aber nun stellt sich ihnen die Sinnfrage mitten aus den eigenen Reihen: der Generationenkonflikt. Es gab bislang einen einzigen „Asterix“-Band, in dem die gestandenen Krieger es mal mit einem nassforschen Pubertierenden zu tun bekamen: das war 1967, kurz vor den 68er-Protesten, in „Asterix und die Normannen“. Jetzt aber tauchen von überall her Jugendliche auf, die die Welt der Eltern infrage stellen.

Erst mal geht der „Asterix“ im Jubiläumsjahr ganz zurück auf Anfang. Das allererste Bild vom allerersten Band zeigte, wie Vercingetorix, der Anführer aller Gallier, sich nach der Schlacht von Alesia Cäsar unterwerfen musste. Er sollte die Waffen vor die Füße werfen, er warf sie ihm stattdessen, so viel Widerstand musste schon sein, auf die Füße. Daran knüpft nun Band 38 an. Vercingetorix hat nämlich eine Tochter. Das ist historisch nicht belegt, aber dann schreibt man sich das so zurecht, dass das Kind Geheimsache bleiben muss.

Die Tochter von Vercingetorix soll von den Römern aufgespürt und als Cäsars Adoptivkind „romanisiert“ werden. Das Schlimmste, was man unterlegenen Völkern antun kann: ihre Nachfahren zu Römern zu machen. Um das zu verhindern, wird das Mädchen in das berühmte unbeugsame Dorf gebracht, wo Asterix und Obelix auf sie aufpassen sollen.

Das Mädchen mit dem kecken roten Zopf und den frechen Sommersprossen heißt Adrenaline, der Name ist Programm, denn wo sie auftritt, bringt sie die Menschen in Rage. Sie will schon mal keine Kleider anziehen, sie behält die Hosen an. Sie pfeift auf das, was ihnen die Älteren vorschreiben („Immer dieselbe Lyra!“). Und stellt die traditionellen Werte infrage. Die Söhne des Schmieds und des Fischverkäufers, die sich sofort in sie vergucken, tun das bald auch. Und helfen Adrenaline schließlich, aus der Dorfgemeinschaft auszubüxen.

Auch im neuen "Asterix" grassiert der Jugendwahn

Überall in den Medien grassiert seit Längerem der Jugendwahn, um neues Publikum zu generieren. Nun also auch im „Asterix“. Auch wenn bislang über 380 Millionen Alben verkauft worden sind und auch alte Leser getreulich die Stange halten, setzt man jetzt betont auf ein jüngeres Publikum, das doch eher nicht mehr die klassischen Comics, sondern nur noch Mangas konsumiert.

Es ist eine klare Generationenfrage. Denn der Texter Jean Yves Ferri und der Zeichner Didier Conrad, die mit Band 35 das schwere Erbe von Alt-Zeichner Alberto Uderzo übernahmen, sind beide Jahrgang 1959 – also so alt wie Asterix selbst. Sie sind natürlich mit dem Comic-Helden aufgewachsen und auch ehrlich darauf bedacht, die Tradition fortzuführen. Aber spätestens mit ihrem vierten Band verändern sie die Dorfwelt spürbar.

Es bleibt diesmal kaum Zeit, um Römer zu verprügeln. Und wenn Asterix und Obelix schließlich einmal mehr aufs Meer ziehen, um die flüchtige Adrena­line wieder aufzuspüren, dann müssen – das gab es noch nie – die Neuzugänge Aspik und Selfix ebenfalls mit und sitzen mit ihnen buchstäblich im selben Boot.

Die Gallier werden dem Greta-Test unterzogen

In diesem Band werden die Gallier sozusagen dem Greta-Test unterzogen. Denn natürlich muss man bei Adrenaline auch an Greta Thunberg denken. Auch Adrenaline löst bei den Jungen ein Umdenken aus. Als die Buben übers Meer rudern und überall leere Amphoren im Wasser treiben, motzt Selfix höchst heutig: „Dieses gedankenlose Konsumieren. Und der Müll landet im Meer!“ Und Aspix kontert: „Dasselbe exzessive Verhalten wie mit den Wildschweinen!“

Abenteuer 38 soll dem Asterix-Universum eine Frischzellenkur verabreichen. Aber tatsächlich lässt sie Asterix und Obelix eher alt aussehen. Überall rücken zudem andere Jugendliche ins Bild: Selbst der Kapitän einer römischen Galeere hat einen Adoptivsohn, der auch mal rumkommandieren darf.

Das ganze Comic-Universum wird infrage gestellt: „Hinkelstein und Zaubertrank sind die Stützen des Wildschweinsystems.“ Bei so viel Jugendwahn ist der Piratenkapitän vielleicht nicht der Einzige, dem das zu viel wird. „Versenkt uns, tut irgendwas“, bettelt er zu Asterix, „aber ich flehe euch an: Lasst uns zum normalen Lauf der Dinge zurückkehren.“ Aber ist das noch möglich?