Bestsellerautor

Frank Schätzing: „Ich wollte immer nach mir klingen“

Frank Schätzing, geprägt von fünf Jahrzehnten suchtartigen Musikkonsums.

Frank Schätzing, geprägt von fünf Jahrzehnten suchtartigen Musikkonsums.

Foto: Reto Klar

Der bekannte deutsche Autor hat ein Musikalbum aufgenommen. Mit dem Hamburger Abendblatt spricht er über seine Vorbilder.

Hamburg.  Als Jugendlicher und junger Mann spielte Frank Schätzing in etlichen Bands. Er wollte Rockstar werden. Klappte aber nicht. Also gründete er eine Werbeagentur. Berühmt wurde er aber erst, als er es mit der Literatur probierte. Mit Titeln wie „Der Schwarm“ und „Die Tyrannei des Schmetterlings“ wurde er zum weltweit gelesenen Thrillerautor. Mit 62 Jahren ist Schätzing nun zu seiner ersten, zu seiner eigentlichen Liebe zurückgekehrt. Er hat mit seinem Projekt Taxi Galaxi sein erstes Album aufgenommen.

Hamburger Abendblatt: Gefühlt alle Schauspieler und Musiker schreiben jetzt Bücher – machen Sie deswegen jetzt ein Album? Als Retourkutsche?

Frank Schätzing: Klar, wir tauschen gerade alle unsere Jobs! (lacht) Nein, ich hatte einfach Lust dazu. Ich mache ja weit länger Musik, als ich schreibe. Aber es ist begrüßenswert, dass Kreative ihr Terrain erweitern. Würde jeder nur in seinem enggefassten Radius umhermarschieren, wären wir nicht in den Genuss der Bücher von Matthias Brandt und Joachim Meyerhoff gekommen, hätten wir Frank Sinatra und Lady Gaga nie schauspielern gesehen und Marlene Dietrich nie singen gehört.

Ihr Vorbild ist der Wandlungskünstler und Pop-Pionier David Bowie. Haben Sie seine Alben beim Schreiben und Einspielen absichtlich besonders viel oder lieber gar nicht gehört?

Schätzing: Weder – noch. Bowies Haltung, seine kompromisslose Kreativität, hat mich fünf Dekaden lang begeistert, bis hin zum grandiosen Letztling „Blackstar“. Ihn zu kopieren – oder sonst jemanden, den ich bewundere – kam nie infrage. Ich wollte nie wie ein zweiter Soundso klingen, immer nur nach mir.

Ihr Sound ist ein Amalgam aus Pop, Glamrock, Funk, Progressive Rock, mit einem Hauch New Wave – also anders als das, was heute hip ist. Trotzdem klingt Ihre Hommage an die 70er sehr frisch. War es schwer, dies hinzubekommen?

Schätzing: Gute Analyse. Nein, das ist einfach passiert. So akribisch ich als Autor Geschichten konzipiere, so intuitiv schreibe und produziere ich Songs. Das Gefühl diktiert die Richtung, nicht der Kopf. Es zählt einzig das Jetzt. Tatsächlich bin ich der erklärte Antagonist aller Nostalgiker, ich wüsste gar nicht, wie man ein Retro-Album macht – ganz davon abgesehen, dass ich keinen Sinn darin sähe.

Komisch, die Lieder zitieren doch eigentlich offensichtlich die Altvorderen.

Schätzing: Stimmt, in „Charlene“ hämmert Mike Garson zum Beispiel einen lupenreinen Tschaikowsky in seinen Flügel. Aber das sind ironische Referenzen, kein Heraufbeschwören irgendwelcher good old times. Ich bin halt geprägt von fünf Jahrzehnten suchtartigen Musikkonsums, Strawinsky, Bowie, Roxy Music, Jethro Tull, Magma, Zappa, Talking Heads, Kate Bush, Björk, Blur, Queens of the Stone Age, Yello, Arctic Monkeys, Deus, St. Vincent, Roisin Murphy, FKA twigs, Billie Eilish ... die Liste ist endlos. Wie heißt es bei den Scholastikern: Wir sind auf den Schultern von Riesen stehende Zwerge.

Sie sagten einmal sinngemäß, Musik sei Ihre eigentliche Leidenschaft, nicht das Schreiben. Waren Ihre Bestseller nur Trostpreise?

Schätzing: Aber nein! Sie sind der Jackpot meines Lebens. Millionen Menschen lesen, was ich mir zwischen Tag und Traum ausdenke, was für ein Privileg! Einzig meine Bandscheibe hält mich davon ab, vor Freude das Rad zu schlagen. Nur, ich bin in künstlerischen Dingen polygam. Ich habe mehrere große Lieben, und gerade liebe ich die Musik ein bisschen mehr. Die Literatur versteht das. Sie weiß, bald gehört alle Gunst wieder ihr.

Würden Sie Ihre Autorenkarriere gegen die des Musikers eintauschen wollen?

Schätzing: Muss ich nicht. Ich bin ja schon beides.

Hand aufs Herz: Bei aller musikalischen Könnerschaft – Sie nahmen schon mit 15 erste selbst geschriebene Songs auf – hat Ihnen besonders Ihre Prominenz zu diesem späten Debüt verholfen.

Schätzing: Die am allerwenigsten. Es könnte sich noch als hinderlich erweisen, dass ich mit Literatur assoziiert werde. Hierzulande ist man kulturell anders geprägt als in den Staaten, wo die Leute sich eher wundern, wenn einer, der Salto schlägt, nicht auch preisverdächtig jodeln und Walt Whitman rezitieren kann. Wir hier neigen dazu, Kunst und Künstler zu akademisieren. Du kannst eine Sache richtig gut, hast das studiert, super, dann bist du als Experte anerkannt. Bloß kannst du dann nicht auch noch Experte in was anderem sein. Nicht dass wir uns missverstehen: Die Deutschen sind das Traumpublikum jedes Kulturschaffenden. Aber vielleicht müssen wir noch ein bisschen mehr den Renaissance-Menschen in uns entdecken.

Sie haben im Studio mit erfahrenen Berufsmusikern gearbeitet. Hatten Sie vorher Angst, dass die Sie nicht ernst nehmen?

Schätzing: Hätten die mich nicht ernst genommen, hätten sie nicht mitgemacht.

Gibt es irgendetwas, was Ihnen auf Lesereise vielleicht zumindest entfernt das geboten hat, was Sie sich in Rockstarträumen von großen Konzert-Tourneen ersehnt hatten? Und: Nein, diese Frage zielt nicht darauf ab, ob es auch im Literaturbetrieb Groupies gibt …

Schätzing: Aber Sie wüssten es schon gerne. (lacht) Doch, auch bei Lesungen gibt es Groupies, sie kreischen nur dezenter. Tatsächlich hatte ich das Rock-’n’-Roll-Gefühl mehrfach, da ich ja auf ziemlich großen Bühnen unterwegs bin. Und dennoch – Live-Konzerte sind was komplett anderes. Musik euphorisiert die Menschen auf ganz eigene Weise. Alles geht am Kopf vorbei direkt in den Bauch. Künstler und Publikum nehmen zusammen ein Adrenalinbad, danach sind alle ausgepowert, aber selig.

Wie viele Konzerte haben Sie denn schon gespielt – und wie viele sollen noch kommen?

Schätzing: Als ich die Musik mit Ende 20 vorübergehend an den Nagel hängte, dürften es an die 300 Gigs gewesen sein. Wahrscheinlich mehr. Mit Taxi Galaxi fange ich gerade erst an. Aber das Feeling ist schon wieder da! Mal sehen, in welchen Orbit unser Taxi jetzt vorstößt. Ob es überhaupt abhebt. Möglicherweise gibt es dann irgendwann eine Tour. Club-Locations, schön intim.

Der größte Vorteil, den das Schreiben gegenüber dem Singen und Gitarrespielen hat?

Schätzing: Hm. Umgekehrt fällt mir die Beantwortung gerade leichter. Musik gibt mir die Möglichkeit auszudrücken, wofür mir die Worte fehlen. Aber Sie haben schon recht, ich sollte eine Lanze fürs Schreiben brechen. Also, ich denke, die Erschaffung komplexer fiktionaler Universen, Parallelwelten und alternativer Wirklichkeiten, in denen man über lange Zeit leben und faszinierende Menschen und Nichtmenschen kennenlernen kann – das schafft nur Sprache.

Angenommen, der ganz und gar unwahrscheinliche Fall tritt ein, dass Kate Bush mit Frank Schätzing ein Duett aufnehmen will. Wäre Ihr Selbstbewusstsein dafür groß genug?

Schätzing: Wenn sie es will? Sie meinen, die Göttin bittet einen Sterblichen zum Stelldichein? Ich würde vor Selbstbewusstsein platzen! – Aber mal im Ernst, warum schickt Kate das Abendblatt vor? Warum ruft sie mich nicht einfach selber an?