Musik

Das Duell der streitsüchtigen Oasis-Brüder

Noel (links) und Liam Gallagher.

Noel (links) und Liam Gallagher.

Foto: picture alliance

Liam und Noel Gallagher veröffentlichen zeitgleich neue Songs. Schlagzeilen machen immer wieder ihre Hasstiraden.

Hamburg. Noel Gallagher ist, länger schon, in der Genügsamkeitsphase seiner Karriere angekommen. Man sieht ihn vor Kameras entspannt über sein Gesamtwerk plaudern, den ehemaligen „Battle of Britain“, also das hinreißend kindische Pop-Kabbeln mit Blur, und seine Solokarriere. Dabei erscheint der Noel Gallagher der Gegenwart demonstrativ gelöst.

Er muss jetzt schon seit zehn Jahren nicht mehr Teil der Band Oasis sein. Ganz einfach, weil es Oasis nicht mehr gibt, seit sich die beiden wichtigsten Oasis-Musiker vor einem Konzert in Paris dermaßen in die Wolle bekamen, dass Noel keinen Tag länger mit Liam zusammenarbeiten wollte. Liam Gallagher, heute 47, ist der fünf Jahre jüngere Bruder Noel Gallaghers. Dessen Nemesis.

Und deswegen ist es mit der Ruhe des großen Songwriters Noel Gallagher („Don’t Look Back in Anger“, „Wonderwall“) immer dann vorbei, wenn die Sprache auf die Verwandtschaft kommt. „Go fuck yourself“ und dergleichen mehr wird dann manchmal in Richtung des Bruders gesagt. Das geht seit zehn Jahren so, und umgekehrt hält sich Galla­gher der Jüngere nie, wirklich nie zurück. Das Resultat: Zehn Jahre Futter für die Boulevardpresse. Jetzt veröffentlichen beide Musiker beinah zeitgleich neue Musik: Liam Gallaghers zweites Solowerk heißt „Why Me? Why Not.“, Noel Gallaghers neue EP „This Is The Place“.

Lästereien sind PR

Wegen der unterschiedlichen Formate treten die beiden Musiker also zumindest in den Charts nicht gegeneinander an, sonst aber grundsätzlich in allem. Wie gut, dass die Lästereien PR sind, also wohl irgendwie auch potenziell verkaufsfördernd gedacht. Aber mal ganz ehrlich, so amüsant sich manche Volten (Noel: „Ich liebte meine Mutter, bis sie Liam zur Welt brachte“) auch ausnehmen – die Streitsucht dieser beiden erwachsenen Männer wird allmählich fad. Außerdem: Die arme Mutter!

Und wenn nicht alles täuscht, klang Noel Gallagher zuletzt immer wesentlich bissiger als Liam Gallagher. Man ist sogar geneigt anzunehmen, dass es Zusammenhänge geben muss zwischen der noelschen Gereiztheit, seinen zuletzt manchmal erstaunlich zahnlosen Songs und dem Erfolg seines Bruders. Liam hat Noel abgehängt, das ist der Zwischenstand der vergangenen zwei Jahre und der wird nun zementiert.

In „Why Me? Why Not.“ kommt die Neuerfindung des Liam Gallagher zu einem vorläufigen Abschluss. Wie schon sein vor zwei Jahren erschienenes Debüt „As You Were“ ist auch das neue Album ein von Hit-Garanten maßgeschneidertes Werk – hauptsächlich den Amerikanern Andrew Wyatt und Greg Kurstin, die für Künstler wie Adele und Lady Gaga arbeiteten und die Gallagher sich als Co-Songwriter an die Seite holte.

Gitarre eliminieren

In dieser Kombination ist ein Album entstanden, das an Eingängigkeit nicht leicht zu überbieten ist. Es ist ein zwischen vibrierendem Rock („Shockwave“), schamlosem Midtempo-Pop („One of Us“) und zuckrigen Balladen („Once“) souverän wandelnder Liam Gallagher, der hier seine neueste Inkarnation des Rock-’n’- Roll-Stars präsentiert. Die Texte triefen vor Nostalgie, das muss kein Fehler sein.

Und Noel Gallagher? Arbeitet weiter hart daran, die Gitarre zu eliminieren. „This Is The Place“ ist die zweite von drei geplanten EPs in diesem Jahr, was nach großem Fleiß klingt, aber wohl auch ein Hinweis darauf ist, dass er den Glauben an die Kunstform „Album“ verloren hat. Wie schon bei „Black Star Dancing“ versucht sich Gallagher an der Eroberung der Disco.

Das Titelstück klingt wie Manchester 1989 und ist ein hemmungsloses Zitat jener damals populären Mixtur von Independent, Psychedelia und Elektro. Kann man machen. Man muss aber auch damit rechnen, eine Midlife- Crisis attestiert zu bekommen. Wobei das etwas unfair ist. Immerhin nimmt sich hier jemand einfach die Freiheit, in bester Retro-Absicht eine Reise in seine Jugend zu unternehmen, und Nostalgie, siehe Liam, ist nichts Schlechtes.

Demnächst will Liam zum dritten Mal heiraten. Seinen Bruder muss er auf Geheiß der Mutter einladen. Ob Noel, kommen wird? Wir wünschen so oder so eine harmonische Feier.

Noel Gallagher: „This Is The Place“ (Sour Mash, Vinyl ca. 15 Euro)

Liam Galla­gher: „Why Me? Why Not.“ (Warner, CD ca. 15 Euro), Konzert 5.2.2020 in der Sporthalle