Harbour Front

Laura Karasek: Gekommen, um zu lesen

Laura Karasek (links) sprach auf ihrer Lesung auch vom weiblichen Kampf um Anerkennung, neben ihr Moderatorin Karla Paul.

Laura Karasek (links) sprach auf ihrer Lesung auch vom weiblichen Kampf um Anerkennung, neben ihr Moderatorin Karla Paul.

Foto: Stephan Wallocha

Hamburger TV-Moderatorin und Schriftstellerin stellte in ihrer Heimatstadt ihren neuen Roman vor – und sprach über Männer und Macht.

Hamburg. Die Geschlechterfrage war numerisch schnell geklärt. Auf der „Cap San Diego“ hatten sich beinah nur Frauen eingefunden. Ältere, beinah schon ältere, mittelalte, fast noch junge (aber nur fast). Laura Karasek könnte mit 37 fast die jüngste gewesen sein, ganz sicher war sie am besten gekleidet. Sie trug zum Beispiel, sagte Petra Bamberger in ihrer kurzen Begrüßung, „die heißesten Schuhe“, die jemals jemand auf diesem Schiff getragen habe. Bamberger ist Co-Leiterin des Harbour Front Literaturfestivals, auf dessen Einladung hin Laura Karasek in ihrer Geburtsstadt las. Und als Frau durfte Bamberger, naheliegende These, mehr als jeder Mann zunächst einmal weibliche Äußerlichkeiten behandeln. Als #hochkulturinhotpants war die Lesung der Protagonistin zumindest insofern nicht falsch im Festivalprogramm angekündigt, als Karasek der modische Auftritt nicht fremd ist.

Karasek ist derzeit eines der spannenderen Gesichter der Medienbranche. Sie war mit der Talkshow „Zart am Limit“ auf ZDFneo die Sommervertretung Jan Böhmermanns und auch auf Vox („Sieben Töchter“) als Moderatorin im Einsatz. Sie ist, das darf mal wohl so sagen, in vielerlei Hinsicht die perfekt entworfene öffentliche Figur: Trägt einen bekannten Namen, sieht gut aus, kann ziemlich viel. Womit man schon bei der Feststellung wäre, dass es in erster Linie ein nicht ganz alltäglicher Selbst-Entwurf ist, der einem dort auf dem derzeitigen Leseschiff entgegentrat. Karasek, von der Ausbildung her Juristin, arbeitete zuletzt als Anwältin in einer renommierten Frankfurter Kanzlei. Außerdem ist sie Mutter von Zwillingen. Das allein sollte man nicht bemerkenswert finden; dass sie ihren Beruf jetzt erst einmal aufgegeben hat, um im Fernsehen ihr Glück zu versuchen, schon eher.

Mutiger Akt der Selbstermächtigung

Aber die Schriftstellerei wahrscheinlich ist der mutigste Akt der Selbstermächtigung, den die selbstbewusste Laura Karasek unternommen hat. Wenn man sieht, aus welchem Elternhaus sie stammt: Ihr Vater ist der Journalist und Literaturkritiker Hellmuth Karasek (1934-2015, „Das literarische Quartett“), ihre Mutter die Journalistin und ehemalige Abendblatt-Theaterkritikerin Armgard Seegers.

Sie habe ihren neuen Roman „Drei Wünsche“ zwischen zehn Uhr abends und drei Uhr nachts geschrieben, erzählte Karasek auf der Cap San Diego Moderatorin Karla Paul und dem Publikum. Es war ein unterhaltsamer, ein vielsagender und bisweilen auch offenherziger Abend, auf dem die Themen Feminismus (Karasek: „Ich bin Feministin“) und Sexismus im Mittelpunkt standen. Und zwar, siehe oben, aus immer weiblicher Sicht. Man möchte sich, gerade so als Mann, manchmal erkühnen, jene Perspektive an einem bestimmten Punkt lediglich für die zweitinteressanteste zu halten. Eine Frage der, nun ja, Sichtweise.

Drei Wünsche und drei weibliche Schicksale

Keine Frage ist, dass das lediglich manchmal zu kolumnenhafte – Karasek schreibt für den „Stern“ –, nicht auf hochtourige literarische Durcharbeitung zielende neue Buch unbedingt auch für männliche Leser interessant ist. Es geht um drei weibliche Schicksale, um Maxie, Helena und Rebecca, die im bei Frauen schwierigen Mittdreißiger-Lebensabschnitt angelangt sind. Mit Todesfällen zu tun haben, Karriereentscheidungen, Beziehungsproblemen, vor allem aber nahenden biologischen Limits. Mit Lust an sprachlichen Bildern („Ihr Körper zeigt ihr, wer an der Macht ist, wer hier die Hosen anhat, und sie kann nur hilflos zusehen, wie er nicht fruchtet und sich nicht befruchten lässt") beschreibt Karasek eindringlich das Drama des unerfüllten Kinderwunsches.

Die Porträts laden zum identifizierenden Lesen ein – Moderatorin Karla Paul („Ein Superbuch für einen Lesekreis, man fühlt sich von der Autorin erkannt“), die unter anderem den Literatur-Podcast „Long Story Short“ betreibt, sprach wahrscheinlich stellvertretend für die vermeintliche Zielgruppe. Auch für das andere Geschlecht bleibt zu konstatieren, wie wiedererkennbar die Männerbilder sind, die sich in den von Karasek vorgetragenen Passagen ausnehmend komisch ausnahmen, aber es natürlich in Wirklichkeit nicht immer sind. Anmachdummheiten auf dem Tanzflur, Machismo und Intelligenzstau bei Triebfluss, dazu Beobachtungen, denen man ad hoc zustimmen möchte, obgleich man auf derlei selbst noch nie geachtet hat: Wer eine hohe Position innehat, der kaut und schmatzt selbstgefälliger, so steht es bei Karasek.

Jogginghosenzweisamkeit und Vater-Tochter Beziehung

Das lebhafte Gespräch geriet zum Parforceritt durchs Metoo-Geläuf, wobei man das unwegsame Gelände, in dem man als Frau gerät, sollte man den Fehler machen, mit dem Chef zu flirten, irgendwie doch für nicht zwangsweise betretpflichtig halten möchte. Oder ist das zu borniert-maskulin gedacht? Man hat ja noch nie selbst versuchen müssen, einen geilen Bock loswerden.

Was man tun und wer man sein will, und welchen Preis man dafür zahlen muss, ein großes Thema. Laura Karasek redete darüber glaubwürdig, als sie über Fußfetischisten (digitalauffällig: immer die Männer, nie die Frauen) auf Instagram sprach, über den Kampf mit der Gefallsucht, über Jogginghosenzweisamkeit („Wir müssen auch mal Ausdauervermögen zeigen“) und Vater-Tochter-Beziehungen, über ihren Wunsch auf weibliche Komplizenschaft in einer männerdominierten Gesellschaft. Dass dabei viel gelacht wurde, sprach unbedingt für sie.

Auf dem Harbour Front Literaturfestival geht es am Montagabend um Tolkien: 50 Jahre „Der Herr der Ringe“ werden unter anderem mit Denis Scheck gefeiert (19 Uhr, Laeiszhalle, Tickets 19 Euro).

Eine weitere Hommage ist der Lucia-Berlin-Abend im Hotel The Fontenay (20 Uhr, 20 Euro).

Am 1. 10. geht der Internationale Graphic Novel Salon über die Bühne (Istitutio Italiano di Cultura, 18 Uhr, Eintritt frei), und am 6.10. stellt Ulrich Tukur seinen Debütroman „Der Ursprung der Welt“ vor (Laeiszhalle, 20 Uhr, 25/20/17 Euro).