Hamburg

Kempowski in Altona: „Fast wie bei einer Netflix-Serie“

Der Kempowski-Schauspieler Johan Richter im Vorderhaus des Altonaer Theaters.

Der Kempowski-Schauspieler Johan Richter im Vorderhaus des Altonaer Theaters.

Foto: Roland Magunia

Der Schauspieler Johan Richter spielt den Schriftsteller schon zum vierten Mal. Warum gerade das toll ist, erklärt er im Gespräch.

Hamburg.  Die Umarmung gehörte dazu. Auf jeder Premierenfeier kam Hildegard Kempowski, Witwe des 2007 verstorbenen Walter Kempowski, auf Johan Richter zu und drückte den jungen Schauspieler von Herzen. „Wir haben nie viele Worte miteinander gewechselt. Aber ich glaube, sie war ganz zufrieden mit mir als Kempowski und sehr dankbar darüber, was wir hier machen“, sagt Richter. Seit einem Jahr verkörpert Richter am Altonaer Theater den Schriftsteller Walter Kempowski in einer vierteiligen Bühnenfassung von Kempowskis Romanreihe „Deutsche Chronik“. Darin hat der Autor seine Familiengeschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 60er-Jahre aufgeschrieben. Intendant Axel Schneider hat aus den insgesamt neun Bänden vier Theaterabende gemacht. Seine „Kempowski-Saga“, gerade mit dem Kisseler-Preis ausgezeichnet, findet am 20. September seinen Abschuss mit der Premiere von „Herzlich willkommen“, dem letzten Roman der neunbändigen Reihe.

„Es hat sehr viel Spaß gemacht, diese Stücke zusammen mit einem festen Ensemble über so einen langen Zeitraum zu entwickeln. Das hat sich angefühlt, wie an einem Theater fest angestellt zu sein, eine Erfahrung, die ich bisher noch gar nicht gemacht habe“, sagt Johan Richter. Nach seinem Abschluss an der Schauspielschule O 33 in Hamburg im Jahr 2016 bekam Richter Rollen an verschiedenen Bühnen, die Schneider in seinem kleinen Theater-Imperium leitet.

Besuch der Kempowskis Residenz in Niedersachsen

Er spielte im Kinderstück „Der kleine Ritter Trenk“ am Harburger Theater, war als John Savage in Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ am Altonaer Theater dabei und verbrachte die vergangenen Sommer bei den Burgfestspielen in Jagsthausen, wo Schneider seit 2014 die künstlerische Leitung innehat. „Als Schneider mich fragte, ob ich beim Kempowski-Projekt mitmachen wolle, habe ich nicht lange nachgedacht und die Rolle angenommen, weil ich sehr viel Vertrauen zu ihm habe. Ich fand es spannend, eine Geschichte über einen so langen Zeitraum zu erzählen. Das ist fast wie bei einer Netflix-Serie“, findet Richter.

Vor der Premiere von „Aus großer Zeit“, dem ersten Teil der Kempowski-Saga, hat Johan Richter gemeinsam mit seinen Kollegen Kempowskis Residenz im niedersächsischen Dörfchen Nartum besucht – das Haus Kreienhoop. Hildegard Kempowski, die vor ein paar Wochen starb, hatte die Schauspieler damals durch das Haus geführt und eine Reihe von Anekdoten aus dem Leben ihres Mannes erzählt. „Ich weiß nicht, ob die Begegnung mein Spiel unmittelbar beeinflusst, aber ich habe sofort Bilder im Kopf, wenn ich an Kreienhoop denke. Die Person Kempowski ist dadurch greifbarer geworden“, erinnert Richter sich an diese Exkursion. „Ich versuche aber nicht, Kempowski historisch korrekt zu spielen oder mir zu überlegen, wie hätte er sein können. Es steckt auch viel Fiktion darin, wie er seine Familiengeschichte aufgeschrieben hat. Ich versuche, mir die Umstände und Geschehnisse anzusehen und seinen Ton und seinen leicht zynischen Humor zu finden. Mein Gefühl sagt mir, dass ich auf einen guten Nenner mit ihm komme“, so Richter.

Im Januar starten Proben für „Die Entdeckung des Himmels“

Nach der Premiere von „Herzlich willkommen“, in der Kempowskis Haftzeit im DDR-Gefängnis in Bautzen wegen Spionage erzählt wird, geht es für Richter und seine Kollegen noch bis November weiter mit den Aufführungen aller vier Saga-Teile. Auch zwei Wochenenden sind dabei, an denen alle Teile an zwei Abenden gegeben werden. „Diese Marathons sind zwar anstrengend, aber man kommt aus dem Automatismus raus“, sagt Richter.

Im Januar geht es für den Schauspieler am Altonaer Theater mit den Proben von Harry Muhlischs Roman „Die Entdeckung des Himmels“ weiter. „Mir hat es gut gefallen, morgens zu wissen, mit wem man abends spielt“, sagt Richter über seine Ensemble-Kollegen bei der Kempowski-Saga. Das wird bei dem Muhlisch-Stück nicht anders sein. Ein Großteil der Kempowski-Besetzung steht auch bei „Die Entdeckung des Himmels“ gemeinsam auf der Bühne.

„Herzlich Willkommen“ Premiere 20.9., 20.00, Altonaer Theater (S Altona), Museumstraße 17, Karten ab 20,- unter T. 39905870; www.altonaer-theater.de