Ausstellung

Deichtorhallen-Jubiläum: Baselitz, Richter, Polke und Kiefer

Anselm Kiefer. Heroisches Sinnbild VII, 1970 119 X 158,5 x 3,5 cm Öl auf Baumwolle (in der Mitte quer zusammengenäht) Sammlung Würth

Anselm Kiefer. Heroisches Sinnbild VII, 1970 119 X 158,5 x 3,5 cm Öl auf Baumwolle (in der Mitte quer zusammengenäht) Sammlung Würth

Foto: Atelier Anselm Kiefer

Mit „Die Jungen Jahre der alten Meister“ zeigen die Deichtorhallen vier Maler, die die deutsche Kunst weltweit berühmt machten.

Hamburg.  Am 9. November 1989 eröffnete Harald Szeemann mit „Einleuchten“ die erste Ausstellung in den damals frisch gegründeten Deichtorhallen. Am Abend fiel die Mauer. Mit den Worten des Intendanten Dirk Luckow: „Eine welthistorische Koinzidenz. Wie kann man solch ein außergewöhnliches Ereignis, 30 Jahre später, würdigen?“ Die Antwort war eigentlich ganz einfach und kam aus Stuttgart: Zur Ausstellung „Baselitz - Richter - Polke - Kiefer. Die jungen Jahre der alten Meister“ konnte Luckow gar nicht nein sagen. Zu groß die Namen.

Dazu noch der deutsch-deutsche Hintergrund: Gerhard Richter, der bedeutendste deutsche Maler der Gegenwart, stammt wie Georg Baselitz und Sigmar Polke aus der DDR. Im Westen gesellte sich später Anselm Kiefer, der jüngste des Künstlerquartetts, hinzu.

Gezeigt werden berühmte Werke aus den 60er-Jahren

Ab heute ist die Schau, die zuvor in der Staatsgalerie Stuttgart unter der Schirmherrschaft von Frank-Walter Steinmeier gezeigt wurde, in Hamburg zu sehen. Als Geburtstagsgeschenk für die Deichtorhallen sozusagen. Und auch wenn Museumskollegen wie Tulga Bey­erle oder Alexander Klar diesen Begriff überhaupt nicht mögen, sind „Die jungen Jahre“ ein Blockbuster. Vergleichbar mit einem Kinofilm, der binnen weniger Wochen seine Produktionskosten wieder einspielt.

Ein Publikumserfolg dürfte die Ausstellung allemal werden. Gezeigt werden Werke aus den Sechzigerjahren, der Phase, in der Polkes Rasterbilder und Kiefers Heroische Sinnbilder entstanden, Richter nach Fotografien malte und Baselitz seine Motive auf den Kopf stellte. Werke, mit denen die Künstler gut 20 Jahre später weltberühmt werden sollten.

„Den Anfang machte Anselm Kiefer mit seiner großen Amerika-Tournee 1988/89“, erzählt Götz Adriani. Der Kurator der Ausstellung, einst Direktor der Kunsthalle Tübingen, hat die Karrieren der vier begleitet. Ein Jahr später bekam auch Richter seine Präsenz in den USA, Polke und Baselitz folgten. „Es war der internationale Durchbruch für die deutsche Kunst der Moderne“, so Adriani. „Und das in einer Zeit, die von Fluxus und Happenings geprägt und in der Malerei verpönt war.“ Bis heute würden hiesige Künstler davon profitieren.

„Vor allem jüdische Sammler entdeckten damals in Kiefers Bildern ihre eigene Vergangenheit wieder.“ Er hatte sich an verschiedenen Orten in der Uniform seines Vaters mit Hitlergruß fotografiert und anschließend in Öl gemalt. In Deutschland löste die Veröffentlichung einen Eklat aus. Skandalös war auch die erste Baselitz-Ausstellung in Berlin, bei der die Gemälde „Nackter Mann“ und „Die große Nacht im Eimer“ polizeilich beschlagnahmt wurden.

Künstler waren mehr Konkurrenten als Freunde

Richter wiederum verbrannte kurz nach seiner ersten Schau alle abstrakten Arbeiten, um sich anschließend der Beziehung zwischen Fotografie und Malerei zu widmen. „Die Auswahl der Fotos war nicht zufällig“, hat Richter in einem Interview gesagt, „sondern sie entsprach der Zeit, ihrem Glanz und Elend und meinem Empfinden.“

Zu gerne hätte man diese Künstlerpersönlichkeiten, die in der Ausstellung wegen ihrer formalen Unvergleichlichkeit räumlich strikt voneinander getrennt sind und auch im echten Leben mehr Konkurrenten denn Freunde waren, live erlebt. Bis zuletzt gab es Hoffnung, Richter, Baselitz und Kiefer (Polke starb 2010) in Hamburg begrüßen zu können.

Doch die alten Meister sind eben rein physisch in die Jahre gekommen. Sie seien aber begeistert von der Ausstellungsidee gewesen, berichtet der Kurator, der für den umfassenden Katalog Interviews mit den Protagonisten geführt hat. Neben privaten Sammlern und Museen gaben die Künstler selbst Werke aus ihren Ateliers in die Ausstellung.

Sigmar Polke brachte Ironie in die Kunst

Was alle vier vereint, ist die Auseinandersetzung mit ihrer Jugend im „verklemmten Nachkriegsdeutschland“ und der Generation der Väter. Zur 68er-Bewegung hat sich keiner von ihnen bekannt, „sie protestierten mit der Sprache ihrer Kunst“, so Dirk Luckow. Bei Richter etwa sei es purer Trotz gegen die weltbewegenden Ansprüche, etwa eines Joseph Beuys, gewesen.

Für Götz Adriani ist es besonders spannend zu beobachten, wie die Maler mit sozialistischem Background mit ihrer Arbeit im kapitalistisch geprägten Westen gewirkt haben. Sigmar Polke habe wie kein anderer Ironie und Sarkasmus in seinen Werken zum Leuchten gebracht und der Wirtschaftswunder-Gesellschaft sowie dem Kunstbetrieb den Spiegel vorgehalten.

Für Adriani ist die Schau „zeitgenössisch par excellence: Man versteht auch heute noch, wie die Bilder gemeint sind.“ Und falls nicht: Die Wucht, die die Bilder in den Hallen entfalten, lohnt den Besuch dieser großartigen Ausstellung unbedingt.

„Baselitz – Richter – Polke – Kiefer. Die jungen Jahre der alten Meister“ 13.9.2019 bis 5.1.2020, Halle für aktuelle Kunst (U Steinstraße), Deichtorstraße 1-2, Di–So 11.00–18.00, Eintritt 12,-/7,- (ermäßigt); weitere Infos: www.deichtorhallen.de

Das Rahmenprogramm

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Sandstein Verlag erschienen: In „Baselitz – Richter – Polke – Kiefer“ spürt Kurator und Autor Götz Adriani den vier deutschen Malern und ihren Karrieren nach. Er führte Interviews mit den drei noch lebenden Künstlern und analysiert ihre maßgeblichen Werke. Erhältlich ist die deutsche Ausgabe im Museumsshop für 34 Euro.

Neben Führungen und Workshops, auch für Familien, gibt es am 20. November eine Sonder­veranstaltung zum Thema „Wie politisch waren die alten Meister?“ in Kooperation mit der Universität Hamburg, weitere Infos unter www.deichtorhallen.de.