Regie

Karin Beier wagt sich nach 13 Jahren wieder an eine Oper

Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier inszeniert an der Staatsoper Schostakowitschs "Nase".

Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier inszeniert an der Staatsoper Schostakowitschs "Nase".

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Die Schauspielhaus-Intendantin inszeniert nach langer Opern-Abstinenz Schostakowitschs "Nase" an der Staatsoper.

Hamburg. „Das heißt, der ganze Chor ist noch hier!?“ Die staunende Frage von Bo Skovhus ist berechtigt, denn viel mehr als ein Turm ist hinter dem Bariton auf der Staatsopern-Probebühne nicht zu sehen. Den Rest – so ziemlich alles – müssen sich jetzt alle noch denken. Letzte Juni-Woche, eine der letzten Proben vor der Sommerpause. 17 bis 20 Uhr. Schon diese Uhrzeit ist für die Regisseurin ungewohnt, in ihrer gewohnten Theater-Welt liegen die Proben anders im Tagesablauf.

In dieser Arbeitsphase findet Karin Beiers Inszenierung von Schostakowitschs „Die Nase“, die an diesem Sonnabend die Staatsopern-Spielzeit eröffnen wird, vor allem noch im Kopf von Karin Beier statt. Dort muss das alles aber nun raus. Rein in die Körper, Stimmen und Gedanken des Ensembles. Raus auch, um zu sehen, ob alles so stimmt und funktioniert und richtig ist. Oder ob es irgendwo klemmt, stockt, stolpert. Die letzte Opern-Regie der Schauspielhaus-Intendantin ist 13 Jahre her. Die Probe beginnt mit intensivem Erklären.

Eine ganz andere Art des Arbeitens

„Es ist eine ganz andere Art des Arbeitens, zumindest bei einer Oper wie dieser. Wenn man eine Oper macht, die mehr Raum für große Atmosphären und abstrakte Räume bietet, wäre das ein Arbeiten, das mir etwas bekannter ist. Was hier anders ist als bei vielen anderen Opern, die zumindest ich kenne – und ich muss ja jetzt nicht so tun, als ob ich opernversiert wäre –: Es ist ein Werk, das permanent weiterläuft. Geschichte und Dialoge gehen ständig in der Spielsituation weiter. Es gibt keine Wiederholungsschleifen. Und dieser Erzählung muss man folgen, sehr viel arrangieren und durchverabreden.“

Das ist dann schwieriger? „Schwieriger? Nein. Die Arbeitsweise ist sehr anders als im Schauspiel – sehr viel arrangieren und überprüfen. Aber wenn das einmal passiert ist, ist es auch mehr oder weniger abrufbar. Dann werden zwar Dinge vergessen oder die Impulse stimmen nicht ganz, aber: Es ist da. Der Rhythmus steht. Das ist vielleicht auch eine Art Befreiung.“

Um die Probebühne herum ist das übliche Durcheinander zu sehen. An eine Wand sind Kostümentwürfe gepinnt. Am Bühnenrand sitzen Assistenten für alles und fast jeden, daneben, fröhlich hineingestreut, einige Requisiten, für was auch immer. Neben dem Regie-Tisch ist Volker Krafft das Dirigenten-Double für Generalmusikdirektor Kent Nagano, der in dieser frühen Phase auch dann fehlen würde, hätte er nicht zeitgleich das Philharmoniker-Saisonfinale in der Elbphilharmonie zu dirigieren. Generalmusikdirektor Kent Nagano, der in dieser frühen Phase auch dann fehlen würde, hätte er nicht zeitgleich das Philharmoniker-Saisonfinale in der Elbphilharmonie zu dirigieren.

Schauspieler ticken nun mal anders als Sänger

Vom Flügel aus liefert Georgiy Dubko das Wichtigste aus der Partitur, damit die Sänger ein Gefühl für den enormen Drive und Rhythmus bekommen, den diese Oper hat und fordert. Einiges fordern tut auch die Regisseurin Beier, denn Schauspieler ticken nun mal anders als Sänger. „Erst mal wollen alle spielen, es ist nicht so, dass sie kein Interesse am Darstellen hätten. Aber das Musikalische hat selbstverständlich Priorität. Das ist auch Stress, weil diese Oper rhythmisch sehr kompliziert ist. Auch für den Chor ist es grottenschwer. Wir können bei den Proben nicht ganz so sehr in die Tiefe gehen wie im Schauspiel. Ich sage im Schauspiel bei Proben inhaltlich sehr viel mehr zu einer Szene als hier, da haben wir natürlich auch sehr viel mehr Zeit.“

Wenn sie im Schauspiel den Fokus verändern wolle, könne sie streichen oder Pausen setzen oder Fremdtexte einfügen. „All das kann ich hier natürlich nicht machen, ich folge sehr viel mehr dem Libretto, als ich einem Autor im Schauspiel folge. Das nimmt mir viele Freiheiten, was die Lesarten von Momenten angeht. Im Detail ist der Spielraum enger. Was die Leute hier können müssen, ist immens, davor habe ich einen Riesenrespekt. Im Schauspiel probiert man oft zwei Wochen und in der dritten wird es dann kritisch, weil dann alle alles hinterfragen. Das ist hier nicht der Fall.“

Erzählung von Chaos und Verunsicherung

„Die Nase“ hat es in sich. Die Geschichte eines Beamten, der eines Morgens feststellt, dass sich seine Nase selbstständig gemacht hat, basierend auf einer Erzählung von Gogol. Und dann diese Musik des gerade mal 22 Jahre jungen Schostakowitsch.

„Diese Oper erzählt von einer Zeit des Chaos und der Verunsicherung. Ich finde, dass man sie sehr stark aus ihrer Entstehungszeit lesen kann und sollte. Schostakowitsch war zwar noch ungebrochen, es war diese Aufbruchsstimmung. Dennoch hat er die unglaubliche Brutalität des sowjetischen Alltags mitbekommen. Ein Ordnungssystem ist komplett zusammengebrochen. Was gestern galt, galt nicht mehr, und ob es morgen gelten wird, wusste man nicht. Die symbolische Ordnung ist zusammengebrochen und damit ein robustes Realitätssystem. Einerseits ist das befreiend und setzt Energien frei, andererseits ist das irrsinnig und existenziell beängstigend. Wir haben in den letzten Jahren erlebt, dass Dinge zusammenbrechen: Wie sich die Parteienlandschaft verändert hat, das hätten wir uns vor fünf Jahren nicht träumen lassen. Der Rechtsruck, die Wahl von Trump … Vieles hat uns aus unserem gewohnten System herauskatapultiert, es gibt also eine gewisse Verwandtschaft in dieser Verunsicherung, die Nährboden für Populisten und diktatorische Kräfte ist. Das hat eine Menge mit unserer Zeit zu tun.“

Beier hat sich das Stück selbst ausgesucht

Eine hübsche Belcanto-Oper wäre sicher einfacher gewesen, aber Karin Beier wollte es genau so. Schostakowitsch war ihr vorgeschlagen worden, allerdings „Lady Macbeth“. „Die Nase“ hat sie dann selbst ausgesucht. „Ich finde diese Musik so crazy, sie macht mir an vielen Stellen Spaß. Zugesagt habe ich aber zu einem Zeitpunkt, in dem ich nicht so ganz genau wusste, was ich mir da auflade …“

Das große Chor-Intermezzo im dritten Akt habe sie bei der Vorbereitung wirklich in die Verzweiflung getrieben, gesteht sie. „Beim Blättern des Klavierauszugs bin ich mit dem Tempo nicht mehr mitgekommen. Da bin ich immer aus der Kurve geflogen, und ich möchte später nicht vor 80 Leuten stehen und nicht wissen, was sie tun. Also: Augen auf bei der Berufswahl … Aber: Ich bereue es in keinster Weise, es war sehr viel Arbeit, macht jetzt aber richtig Spaß.“

Mozart ist eingängiger

Es dauert nicht allzu lang, bis die Probe Tempo aufnimmt. Als Bo Skovhus für den Moment, in dem er als Kowaljow seine Nase wiederhat, einen Handspiegel vorschlägt, stimmt Beier flott zu. Er spielt damit, probiert Gesten aus, jubelt „Was machst du für Sachen, du kleiner Ausreißer!“. Beier inspiziert genau, ihren Beobachtungsposten hat sie auf einem angedeuteten Souffleurkasten, der auch das Ende der Bühnenfläche symbolisiert.

„Ich habe keine Ahnung, wie das Hamburger Opern-Publikum reagiert und inwieweit es sich für diese Musik interessiert. Wenn ich wieder eine Mozart-Oper inszenieren würde, wie ich es schon öfter getan habe, würde mir das sehr viel leichter fallen, weil die Musik eingängiger ist und die Atmosphären einfacher zu verstehen.“

„Die Nase“ ist ein doppeltes „Chefstück“, geht das gut?

Karin Beier hat den Klavierauszug griffbereit. Diese Noten sind die Leitplanken, an der sowohl sie als auch Kent Nagano sich zu orientieren haben. „Die Nase“ ist ein doppeltes „Chefstück“. Kann das gut gehen?

„Auf Ego-Kämpfe haben wir beide keine Lust. Wenn ich etwas täte, was Kent Nagano musikalisch querginge, würde er das sagen, und er würde auch am längeren Hebel sein. Ich bleibe sehr nah an dem, was ist. Manchmal würde ich gern etwas Tempo rausnehmen, aber das steht mir nicht zu, und damit kann ich leben. Eine Bitte hatte ich an ihn, um Instrumente auf die Bühne zu bringen, der ist er auch gefolgt. Es macht mir Spaß, aber ich bin doch eher ein Schauspielmensch.“

Inzwischen trägt Skovhus als Nasen-Ersatz einen Schweinsrüssel im Gesicht. Und hin und wieder eine blonde Perücke. Die Soldaten oder Polizisten haben sich in Medizinstudenten verwandelt. In der oberen Etage des Turms hängt ein Schinken. Jedes Mal, sicher ist sicher, ruft eine Assistentin „Vorsicht, Scheibe dreht!“, sobald die Drehbühne sich in Bewegung setzt. Der Drive dieser Oper scheint nun auch Beier Spaß zu machen.

Keine Lust auf italienische Spielopern

„Mir sind öfter mal italienische Spielopern angeboten worden, auf die hatte ich einfach keine Lust. Aber ich bin auch sehr vorsichtig mit Zusagen, während ich ein eigenes Haus leite. Hier war es die Mischung aus ,Ich bin vor Ort‘ und Schostakowitsch, und es ist cool, und ich finde auch Georges Delnon cool und lässig. Ich dachte, das passt.“

Bo Skovhus als Kowaljow und Andreas Conrad als Polizeihauptmeister haben eine knifflige Szene zu proben. Conrad thront auf einem Hochsitz, Skovhus muss eine Plastik-Nase nicht nur auffangen, sondern auch wieder an ihren Platz in seinem Gesicht bekommen. „Sie bleibt nicht dran!“, hat er zu fluchen, bevor der Situationskomik-Feinschliff folgt. Noch ist Zeit bis zur Premiere.

"Null Kredit" als Opernregisseurin in Hamburg

„Mir wird meistens schlecht, kurz bevor ich zum Applaus rauskomme“, gibt Karin Beier zu. „Natürlich habe ich als Opernregisseurin in Hamburg null Kredit, null. Die hat das zu können, ist ja klar, und ich denke, ach, ich habe doch Welpenschutz, weil ich es so lange nicht gemacht habe. Aber die Wahrheit ist: Natürlich will man, dass die eigene Arbeit gut wird, ist doch klar.“

Bei jeder Runde, die die Sänger durch diese Szene drehen, zeigt sich, dass Timing entscheidend sein wird. Weil alles so flott geht, sagt Beier halblaut zu sich selbst, dass sie hier bestimmt Umzugsprobleme mit den Jungs haben werde, weil die Tänzer ruckzuck von einem Kostüm ins nächste müssen. Ein Puzzle-Teil fügt sich ins andere.

Würden Sie bei der nächsten Opern-Regie-Anfrage gleich wieder zusagen? „Nein. Es macht viel Spaß, aber es ist auch sehr fordernd. Im Schauspiel sagen mir alle, dass ich zu schnell bin, zu schnell arbeite. Und hier habe ich das Gefühl, ich müsste noch viel schneller arbeiten.“

„Die Nase“ hat am 7. September, 18 Uhr, Premiere an der Hamburgischen Staatsoper. Karten (8 bis 179 Euro). Weitere Termine: 10. / 13. / 23. / 26. / 28. September. Weitere Informationen: www.staatsoper-hamburg.de.