Buchkritik zu „Miroloi“

Ein Hamburger Debütroman mit ganz großem Potenzial

Karen Köhler hat mit „Miroloi“ ihren Debütroman veröffentlicht.

Karen Köhler hat mit „Miroloi“ ihren Debütroman veröffentlicht.

Foto: Christian Rothe

„Miroloi“ von der Hamburger Autorin Karen Köhler macht mächtig Eindruck und könnte den Deutschen Buchpreis gewinnen.

Hamburg.  Am Ende steht das Schöne Dorf, das schön ist und hässlich zugleich, in Flammen. Einer Rachegöttin gleich ist die Heldin durch den Ort gezogen und hat die Fackel ihres Hasses ins Antlitz ihrer Feinde geschwungen. Fehlte nur noch, sie hätte einen Feuer speienden Drachen an ihrer Seite wie Daenerys Targaryen in „Game of Thrones“.

Mit der Welt der TV-Serie hat Karen Köhlers erster Roman, „Miroloi“, nicht viel zu tun, aber zumindest das: Die uns bekannte Welt ist auch in „Miroloi“ nur schemenhaft erkennbar. Es ist eine archaische, allen zivilisatorischen Errungenschaften entkleidete Welt, die im Schönen Dorf, wie die Bewohner ihre Heimat nennen, anzutreffen ist. In diesem Ort, der vor allem vom Olivenanbau lebt, wohnt ein namenloses Mädchen. Ein Findelkind, vor der Kirche abgelegt und vom Pfarrer großgezogen.

Es hilft ihm in der Kirche, schlägt die Glocken, macht den Haushalt. Außerdem wird das Mädchen in diesem Ort, der größtenteils vom Tauschhandel lebt, als Arbeitskraft in andere Häuser geschickt. Das macht es zu einer Art Sklavin. Aber sie ist nicht die Einzige, die kaum Freiheiten hat. Frauen sind Männern grundsätzlich untergeordnet.

Im Horrordorf müssen die Frauen zu Diensten sein

Die namenlose Heldin ist es selbst, die ihre Geschichte erzählt. Es ist die Schreckensgeschichte aus einem Horrordorf. Denn sie wird von fast allen Dorfbewohnern ausgegrenzt. Sie gilt als „Unglücksbringerin“. Man nennt sie „Eselshure“, „Nachgeburt der Hölle“. Sie ist die Einzige, die keinen Namen trägt. Sie ist die Verfemte, die Geschundene, die Geknechtete.

In ihrem Dorf, das auf einer Insel liegt und von der Außenwelt abgeschnitten ist, wird nach uralter Väter Sitte gelebt: Es gibt einen Ältestenrat und einen Vorsteher, der junge Mönche anleitet. Sie alle können lesen und schreiben. Weil sie Männer sind. Frauen werden im Stand der Unwissenheit gehalten. Niemand darf die Insel verlassen. Wer gegen die Regeln verstößt, kommt an den Pfahl und muss dort tagelang bis zur völligen Erschöpfung stehen. Die schwerste Strafe ist die Steinigung. Das hier ist das Hardcore-Patriarchat. Und es wird mit allen Mitteln verteidigt.

In der rückständigen Welt, die die Hamburger Schriftstellerin Karen Köhler („Wir haben Raketen geangelt“) in „Miroloi“ beschreibt, sprechen die Menschen konsequenterweise die Sprache von Kindern: Die Gemeinschaft auf der Insel ist ein geschlossenes System. Der Pfarrer ist der „Betvater“, die Mönche sind die „Betmänner“, die Kirche ist das „Bethaus“

Die dörfliche Horrorkulisse

Sie wissen von der „Drübenwelt“, das ist die jenseits des Wassers. Es ist die Welt, die wir kennen, und in „Miroloi“ vor allem präsent mit ihren Konsumprodukten, den „Drübensachen“. Gebracht werden diese von „dem Händler“, der regelmäßig anreist, genauso wie der Arzt. Aber die Drübensachen funktionieren im Schönen Dorf nicht, sagt die Erzählerin – der Fernseher landet ausgeweidet im Viehstall.

Strom soll es aber nach dem Willen der Normalwelt bald geben auf dem Eiland: Die Verwaltung des Landes, zu dem auch das Dorf gehört, will dessen Rückständigkeit beenden. Dabei ist der althergebrachte Tauschhandel etwa für den Arzt auf der Insel der Ahnungslosen durchaus von Nutzen: Er wird in Naturalien bezahlt, die Frauen müssen ihm sexuell zu Diensten sein.

Mit viel Aufwand imaginiert Köhler die dörfliche Horrorkulisse als einen Ort, in dem tribalistische Rituale genauso identitätsstiftend sind wie eine heilige Schrift, die „Khorabel“ heißt. Als die Idee mit dem Strom aufkommt, erhebt sich ein Chor der Zustimmung in den Reihen der Frauen. Sie möchten von den Segnungen der modernen Haushaltsgeräte profitieren.

Man könnte, ganz kurz nur, an dieser Stelle denken, Karen Köhler spotte über das weibliche Geschlecht, das nur dann etwas gegen seine Unterdrückung tut, wenn es mit Küchengeräten belohnt wird. So ist es jedoch nicht gedacht. All ihre Sympathie ist bei der Heldin, und „Miroloi“ ist bereits, bevor jene zum Gegenschlag bläst, eine mythenschwere Geschichte über die Selbstermächtigung der Frau, die sich als Köhlers in den Niederungen dunkler Sagenwelten gründender Kommentar zur #MeToo-Debatte lesen lässt.

Es gibt kaum weibliche Solidarität

Die namenlose Heldin gibt sich selbst einen Namen, und sie alphabetisiert sich. Sie wird, weil sie als totale Außenseiterin den Repressalien des Dorfes ausgesetzt ist und nichts zu verlieren hat, zur Rebellin. Fängt eine Liebesgeschichte („Herz und Bauch machen komische Sachen“) mit einem der Betschüler an, dem hübschen Yael. Köhler stattet Alina, wie sie nach ihrem geheimen Akt der Emanzipation heißt, mit der Aura der vielfach Traumatisierten aus. Einmal, als sie sich gewehrt und den Enkel des Dorfmächtigen verletzt hatte, setzte sie zur Flucht an. Zur Strafe wurde ihr Bein verstümmelt.

Zur Logik der absonderlichen Gemeinschaft gehört, dass es kaum weibliche Solidarität gibt. Der Pfarrer hält schützend die Hand über Alina, und er ist es auch, der die Moderne ins Dorf lassen möchte. Aber das maskuline Prinzip will seine Pfründe sichern: Es verbietet den Strom. Und als der Pfarrer stirbt, schreibt es die Gesetze um, macht sie noch schärfer. Die Gesellschaft in „Miroloi“ ist der Gegenentwurf zur nach Fortschritt und Aufklärung, zum gleichberechtigten Nebeneinander der Geschlechter strebenden Gegenwart.

Karen Köhler hat ein auf erstaunlich direkte Weise auf Emotionalität zielendes Buch geschrieben, über das man in diesem Jahr reden wird. Es hat die ungebremste Wucht eines Steines, der auf uns zurauscht.

Karen Köhler: „Miroloi“. Hanser Verlag. 462 S., 24 Euro