Hamburg

Hamburger Autor plant neues Leben für literarische Leichen

Schriftsteller Michael Weins auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Schriftsteller Michael Weins auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Foto: Chris Zielecki

Im Literaturhaus geht es bald um Verlagsabsagen und nie gedruckte Romananfänge. Ein Gespräch mit Veranstalter Michael Weins.

Hamburg.  Der Dichter ohne Rang und Namen – oder auch noch der der mit maximal einem halben Namen – hatte es schon immer schwer. Jahrelang feilte er im Poetenstüblein an seinem Text, und dann gibt es von den Verlagen nichts als Absagen. Selbst wenn man irgendwann endlich den verdienten Publikationserfolg einfährt, sind die Niederlagen nicht vergessen. Sie lagern in den Schubladen der Autoren. Die Hamburger Schriftsteller und Literaturveranstalter Michael Weins und Alexander Posch wollen künftig im Literaturhaus „die Schätze“ aus jenen Schubladen bergen. „Zweite Liebe. Salon für abgelehnte Manuskripte“ heißt die Veranstaltung, die jetzt zum ersten Mal stattfindet. Um was es gehen soll? Um „die schönsten Verlagsanschreiben, die verzweifeltsten Selbstanpreisungen, die euphemistischsten Absagen, die hoffnungslosesten Romananfänge, die unerwartetsten Erfolge und die unnötigsten Produkte auf dem Buchmarkt“, verspricht Michael Weins. Ein Interview.

Wie viele abgelehnte Manuskripte lagern in Ihrer Schreibstube? Wie viele Absagen von Verlagen haben Sie in Ihrer Schreib-Laufbahn gesammelt?

Michael Weins Es liegen zwei literarische Leichen in meinem Keller. Ich mochte sie beide. Zwei Romane. Zwischenzeitlich lag noch ein Kurzgeschichtenband dabei, aber der ist wiederauferstanden. Absagen gab es in rauen Mengen. Netterweise filtert mein Literaturagent Martin Brinkmann die Eingänge und zeigt mir nur die lieben.

Welcher Art ist die Beziehung, die man als Autor zu einem Text hat, der nie veröffentlicht worden ist?

Der Zweifel bleibt. Wahrscheinlich war es wirklich nicht gut genug. Oder doch? Vielleicht sollte ich mal wieder hinein lesen… Mensch, das ist ja prima! Was hatten die Leute denn? Es bleibt ein Bedauern, eine Wehmut. Wahrscheinlich wäre es ein schönes Kind gewesen. Jemand hätte etwas daran gefunden. Es geht ja immer um die Einzelnen. Es ist unbedingt ein Trauerfall, aber man lernt damit leben.

Wie schmerzhaft ist das Gefühl der Ablehnung für den nicht erwünschten Poeten?

Irgendwo zwischen Zahnarzt und Liebeskummer. Schlimm. Aber die Zeit heilt und so weiter.

Gibt es unter Autoren einen Austausch über den Umgang mit abgelehnten Manuskripten, Stichwort: Katharsis? Oder behält man die Anzahl der Fehlschläge lieber für sich?

Mit den befreundeten Autorinnen und Autoren tausche ich mich natürlich aus. Ich will ja wissen, was aus dem Projekt, über das man gesprochen hat, geworden ist. Vielleicht hat man schon etwas davon gelesen. Man ist parteiisch. Bei einem selbst schwingt natürlich die leise Scham mit: Ich habe versagt. Ich bin nicht gut genug. Stichwort Katharsis: Manchmal leckt man gemeinsam Wunden, kein schönes Bild.

Wie viel Mühe geben sich Verlage mit der Begründung für zurückgesandte Manuskripte?

Es ist mir schon untergekommen, dass der Agent mir eine Ablehnung im Wortlaut weiter leitete, es sei wahnsinnig knapp gewesen, das Sprachvermögen enorm und blablabla, und der Agent beschied, der Lektor müsse den Text ehrlich gemocht haben, er habe sich so differenziert geäußert und so viel Zeit für die schöne Absage genommen. Und wie der Zufall es wollte, kannte ich eine Ablehnung des selben Lektors, ebenso einfühlsam, die mir eine andere Autorin gezeigt hatte, fast der identische Wortlaut. - Es wird stets inhaltlich argumentiert, niemand sagt, das passt bei uns marketingtechnisch nicht rein, wir versprechen uns zu wenig von dir, im Übrigen bist du zu alt.

Haben Sie einen absoluten Lieblingssatz aus einer Verlagsabsage, die entweder an Sie oder einen Ihnen bekannten Autoren gegangen ist?

„Der/Die Autor*in führt mich immer genau in die Räume, die ich gerade nicht betreten will.“ Ist ja kein Möbelhaus oder eine Architekturausstellung, so ein Roman.

Kann der Dichter als Originalgenie eigentlich von der narzisstischen Kränkung abstrahieren und konstruktiv mit einer Verlagsabsage umgehen?

Man ist ja immer mehrere Personen. Und was bleibt einem anderes übrig? Aufgeben? Ein Amoklauf? Doch noch eine Banklehre machen?

Zur ersten Ausgabe Ihres „Salon für abgelehnte Manuskripte“ haben Sie mit Birgit Schmitz, der Programmleiterin des Hamburger Verlags Hoffmann und Campe, eine Verlegerin eingeladen. Wird diese einen schweren Stand haben gegen die geballte Kraft der anwesenden und sicher schon mal gekränkten Autoren?

Von der Verlegerin wollen wir ja gerade wissen: War es im konkreten Fall die Qualität? Oder spielten andere Erwägungen eine Rolle, marktwirtschaftliche beispielsweise? Welchen Einfluss besitzt der finanzielle Aufwand eines umfangreichen Lektorats? Welchen das Marketing? Wir sind neugierig. Wir wollen lernen.

Gibt es eine Herangehensweise, eine Technik zur Verkaufe des vorgelegten Manuskripts, die möglicherweise erfolgsfördernd ist?

Vermutlich ist es nicht hinderlich, sehr jung zu sein, dabei einigermaßen bis außerordentlich talentiert, gut aussehend, mit interessantem Hintergrund (denken Sie sich etwas aus), gerne mit direkter Verbindung in den Journalismus und mit einem regen Sozialleben in allen Netzwerken, Instagram, Facebook, Twitter, eine Milliarde Follower. Für die Technik des Verkaufens ist sonst ja eigentlich die Agentur zuständig, mir persönlich fehlt da die Cleverness. Und ich greife immer zu den falschen Themen: Ein Indianerkind aus Chile wird nach Deutschland adoptiert, eine Mapuche, Angehörige jener einzigen indigenen Ethnie, die von den Spaniern nicht besiegt werden konnte, nach hundert Jahren Krieg, das muss die Massen doch elektrisieren! Mir erzählte eine befreundete Autorin, von Seiten ihrer Agentur sei ihr geraten worden, ein bestimmtes Manuskript in der Schublade zu versenken und nicht damit auf die Suche zu gehen, um ihren Hausverlag, der es abgelehnt hatte, nicht zu verärgern. Vielleicht klappe es ja beim nächsten Manuskript wieder. Man liefert sich aus, so ist die Situation für Autorinnen und Autoren.

Kann man davon ausgehen, dass der Abend im Literaturhaus mindestens stellenweise auch komisch wird?

Der Abend wird komisch. Alexander Posch hat einen Witz vorbereitet. Außerdem tragen wir aus alter Gewohnheit Kostüme.

„Zweite Liebe“ mit den Schriftsteller-Moderatoren Michael Weins, Alexander Posch und ihren schreibenden Gästen Katrin Seddig, Anselm Neft sowie Verlagsfrau Birgit Schmitz (Hofmann und Campe) Do 29.8., 19.30, Literaturhaus (Bus 6), Schwanenwik 38, Eintritt 12, ermäßigt 8 Euro