Performance

Terence Koh: Der Künstler, der die Bienen liebt

Ausdruck von Liebe: Terence Koh vor der Bienenkapelle am Störtebeker Ufer.

Ausdruck von Liebe: Terence Koh vor der Bienenkapelle am Störtebeker Ufer.

Foto: Thorsten Ahlf

Den ganzen August über will der Künstler mit den Tieren in seiner Garten-Installation in der HafenCity leben und Besucher empfangen.

Hamburg.  Es ist dunkelgelb und duftet nach Honig, von oben ist ein stetiges Sirren zu vernehmen, das eine emsige Betriebsamkeit begleitet (dass Bienen summen, ist eine Mär). In Hamburgs jüngster öffentlicher Kunst-Performance kommt man einem Bienenvolk hautnah. Am Störtebeker Ufer in der HafenCity hat der kanadisch-chinesische Künstler Terence Koh seine „Bee Chapel“ auf Birkenstämmen errichtet, eine kleine Kapelle für die Bienen.

„Hello, welcome to my home“, begrüßt der 42-jährige Künstler seinen Besuch. Den ganzen August über wird Koh genau hier leben, mit einer winzigen improvisierten Küche, einem Bett unter Plane; in einer ausrangierten Jolle will er Gäste empfangen. Überall wachsen Blumen und Kräuter – „die Geschenke unserer Natur“, so Koh. In der Kapelle will er mit den Bienen sprechen, sie beim Frühstücken beobachten, mit ihnen denken.

„Menschen und Bienen sollten zusammen leben. Wir können viel von ihnen lernen.“ Etwa, dass jedes einzelne Tier für das ganze Volk verantwortlich ist. Wer die Kapelle betritt, soll sein Ego abwerfen. Eine Aufforderung an sich, aber auch an die Gesellschaft, das wird schnell klar beim Blick auf seine zurückliegende Karriere.

2006 war Kohs letzter öffentlicher Auftritt

1977 in Peking geboren, wuchs Koh in Kanada auf, studierte Kunst und Design in Vancouver. Unter dem Pseudonym Asianpunkboy inszenierte er in den Nullerjahren exzessive Performances, drehte Videos für Lady Gaga, fehlte auf keiner Party. Bis zum Overkill. Er habe nicht mal mehr in einen Supermarkt gehen können, ohne dass Leute mit ihm ein Selfie machen wollten, erzählt Ellen Blumenstein.

Sie habe zur gleichen Zeit wie Koh ihren Wendepunkt erlebt. Kuratorin und Künstler kamen 2006 in Karlsruhe zusammen, bei einer Ausstellung im ZKM mit dem Titel „Zwischen den Toden“. Koh kam in Schwarz, es war sein vorerst letzter öffentlicher Auftritt. Und ihre vorerst letzte Schau in einem Museum. Ellen Blumenstein ist seit zwei Jahren die Kuratorin des experimentellen Kulturprogramms „Imagine The City“. „Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen anstatt im Museum zu zeigen, ist mein Auftrag“, sagt sie. Man könnte es auch als radikalen Neuanfang für die zukünftige Präsentation von Kunst verstehen.

Seine Passionen: Garten, Boote, Bienen

Terence Koh zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Er lebt seit einigen Jahren in einem Haus mit Garten im Bundesstaat New York und beschäftigt sich mit alternativen Lebenskonzepten und indischer Philosophie. Dort entstand 2015 die erste Kapelle für Bienen. Dieses Konzept der „Völkerverständigung“ wollte er unbedingt nach Deutschland bringen.

Der kleine versteckte Ort am Störtebeker Ufer, verhangen durch Trauerweiden, ist für Koh ein geradezu kongenialer Ort, vereint er doch all seine Passionen: Garten, Boote und Bienen. Er bietet Rückzugsort und Öffentlichkeit zugleich. Zunächst scheint es, dass der Künstler letzteres noch scheut; es dauert, bis er zu sich zum Foto bereit erklärt. Doch den Spaß am Performen und am Gespräch mit dem Publikum merkt man ihm sofort an. Begeistert führt er seine Kapelle vor, deren Hülle aus Bienenwachs besteht. Durch eine Klappe kann maximal ein Besucher eintreten und in gebeugter Stellung die Bienen beobachten. „Ich spreche mit ihnen und denke mit ihnen“, erklärt Koh seine besondere Beziehung. „Sie sind für mich Ausdruck von Liebe.“

Im Hotel 25hours darf der Künstler duschen

Uwe M. Schneede, ehemaliger Kunsthallen-Direktor und nun stellvertretender Vorsitzender von Kunst und Kultur in der Hafen City, vergleicht Kohs Arbeit mit dem „Paradiesgärtlein des Mittelalters: ein utopischer Ort, der etwas Besonderes und Schönes verspricht“. Darüber hinaus sei „Bee Chapel“ ein ideales Kunstwerk, das mit der Öffentlichkeit kommuniziert, ästethetische und innovative Qualität hat, zudem zeit- ort- und situationsbezogen ist. „Mit Werken wie diesen wollen wir international bedeutsame Kunstprojekte in die HafenCity holen“, so Schneede.

Für Terence Koh ist es weitaus mehr als ein Kunstprojekt; „Bee Chapel“ ist ein Selbstversuch. Denn nicht nur die Bienen sind öffentlich, auch er, der sich viele Jahre davor verschanzt hat, ist es. Für eine Dusche oder warme Mahlzeit stehen ihm das benachbarte Hotel 25hours und die Räumlichkeiten der HafenCity GmbH zur Verfügung. Aber eigentlich, so sagt der Künstler, möchte er mit möglichst wenig auskommen.

Bis Ende des Monats können Besucher diese Live-Performance erleben. Nach Kohs Abreise wird das Ökumenische Zentrum in der HafenCity die Kapelle übernehmen. Und die Bienen werden weiter im Honigduft sirren.